Gesellschaft | 25.02.2014

Missbrauch der Religion – Treibstoff des Terrorismus

Text von Sandro Bucher | Bilder von Sandro Bucher
Tony Blair hat Anfang Februar die Grossmächte der Welt dazu aufgerufen, einen globalen Plan gegen den Extremismus auszuarbeiten. Der Kampf gegen den Extremismus sei die entscheidende Schlacht des 21. Jahrhunderts, sagt der ehemalige Premierminister des Vereinigten Königreichs. Der deutsche Historiker und Fundamentalismusexperte Wolfgang Wippermann hält die Ansichten von Tony Blair für schlichtweg "falsch und dumm".
Tony Blair (links) fordert ein gemeinsamen Vorgehen gegen Extremismus.
Bild: Sandro Bucher

Religiöser Extremismus ist die grösste Quelle an globaler Zwietracht und muss mit vereinten Kräften bekämpft werden. Das behauptet Tony Blair in seinem Schreiben an The Observer, einer britischen Wochenzeitung. Dabei nimmt er unter anderem Bezug auf die Konflikte in Syrien, Ägypten, Pakistan, Nigeria und Burma, die weiter andauern und auf keine Lösung hoffen können. “Alle diese Konflikte haben eines gemeinsam: Die Akte des Terrorismus werden angetrieben von Menschen, die motiviert sind vom Missbrauch der Religion.” Ob die Religion aus politischen oder aus anderen Gründen missbraucht werde, sei dabei nicht von Bedeutung.

Militärische Aktionen sind nicht die Lösung

Durch seinen Appell will Tony Blair die Gesellschaft darauf aufmerksam machen, dass ihr Bild vom Extremismus nicht ganz korrekt sei und die Problematik zu einem gewissen Teil auch fördere: “Obwohl viele Konflikte momentan im Nahen Osten stattfinden, beschränkt sich der Extremismus nicht nur auf die islamistische Ausrichtung. Es gibt auch viele Beispiele auf der Welt, in denen Muslime die Opfer von religiös-motivierten Gewaltverbrechen sind.”

Der ehemalige Premierminister erhebt gleichzeitig auch einen mahnenden Finger gegen die nordamerikanischen und europäischen Mächte: “Die westlichen Regierungen müssen ihre Annäherungsversuche für den Kampf gegen den Terrorismus neu überdenken. Mit militärischen Aktionen packt man das Problem nicht an der Wurzel. In der Vergangenheit hat man sich zu sehr auf die politischen Ziele konzentriert”, sagt Blair.

Das Internet als Waffe gegen die Diktatur

Tony Blair führte 2003 die Armee des Vereinigten Königreichs in den Irakkrieg und ist heute Sondergesandter der Nahost-Union, ein Quartett aus der EU, der UNO, Russland und den Vereinigten Staaten. Seit ihrer Gründung 2002 setzt sie sich mit der Problematik im Nahen Osten auseinander. Ein primäres Werkzeug gegen Extremismus sieht Tony Blair im Internet und fordert deshalb einen grenzenlosen und unzensierten Zugriff auf das World Wide Web in den kriegsgeschundenen Drittweltländern. Es sei eine Aufgabe der westlichen Regierungen, die Demokratie und die Freiheit auf friedliche Weise in den Ländern einzuführen.

“Das ist einfach dumm, was Blair gesagt hat.”

Der deutsche Historiker und einer der führenden Experten für Fundamentalismus, Wolfgang Wippermann, kann den Lösungsvorschlägen Blairs nichts abgewinnen: “Extremismus gibt es nicht. Es handelt sich um ein Konstrukt, in dem linke und rechte Bewegungen sich zu weit von einer niemals genau definierten Mitte entfernt haben sollen. Man kann lediglich gegen antidemokratische Bestrebungen wie Fundamentalismus und Rassismus vorgehen. Das ist einfach dumm, was er da gesagt hat.”

Auch das von Tony Blair als Waffe bezeichnete Internet bringe keinerlei Vorteile, sagt Wippermann: “Das Internet wird von allen benutzt – Faschisten wie Antifaschisten, Fundamentalisten wie Aufklärern. Es kommt nur darauf an, wie das geschieht.” In einigen Punkte kann Wolfang Wippermann Tony Blair allerdings zustimmen: “Mit militärischen Interventionen kann man den Fundamentalismus nicht überwinden. Was die weltweite Bekämpfung von Fundamentalismus angeht, so sind wir Weltbürger dazu aufgerufen.Wichtig ist für Wippermann auch, dass man Fundamentalismus nicht nur als rein islamisches Konstrukt versteht: “Die Leute, die das machen, kritisieren den ‘Splitter’ und übersehen dabei den ‘Balken’ in ihren Augen.”


Der deutsche Historiker Prof. Dr. phil. Wolfang Wippermann ist ein renommierter linker Kritiker von Extremismustheorien. Er ist Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Autor zahlreicher Bücher zu Rassismus, Faschismus, Fundamentalismus, Nationalsozialismus und Antisemitismus.