Gesellschaft | 21.02.2014

Schweizerdeutsch – die Sprache unter Ausländern

Text von Stephanie Bos | Bilder von Adrian Mangold
Die Schweizerdeutschkurse der Migros Klubschule boomen wie nie zuvor. Im letzten Jahr verbuchten sie über 13 Prozent Zuwuchs. Immer mehr Deutsch sprechende Ausländer wollen Mundart erlernen; sie verstehen und selber sprechen. Tink.ch Reporterin Stephanie traf den Kursteilnehmer Daniel in Basel und forderte den Praxistest.
Daniel wünscht sich, dass die Schweizer trotz hochdeutschem Akzent Mundart mit ihm sprechen.
Bild: Adrian Mangold

Ich besuche den gebürtigen Deutschen an seinem Arbeitsplatz. Umgeben vom Baulärm sitzt er im Führerhaus des kleinen Baggers und nimmt Anweisungen vom Mitarbeiter auf Schweizerdeutsch entgegen. Die beiden verstehen sich. Auf dieser Baustelle wird unter Polen, Spaniern und eben Deutschen überraschenderweise Mundart gesprochen. Einige verstehen überhaupt kein Standarddeutsch, haben es nie gelernt. Ein paar Brocken Schweizerdeutsch griffen sie im Alltag auf. Verständigungsprobleme gibt es, aber solange es nicht zum Baustopp kommt, stört sich hier niemand daran. “Isch alles guet?” fragt Daniel den spanischen Mitarbeiter beinahe akzentfrei. Der Spanier lächelt und nickt.

 

Aller Anfang ist schwer

Als Daniel vor drei Jahren aus Bremen in die Schweiz gekommen ist, habe er durchaus sprachliche Anlaufschwierigkeiten durchlebt. Nicht allen Anweisungen des Vorarbeiters konnte Daniel sofort nachkommen. “Ich sollte Chessel und Meter holen und hatte keine Ahnung was mein Vorgesetzter damit meinte.” Deshalb entschied er sich für den Kurs. Seither ist er mit Herzblut dabei.

Das Ziel der Migros Klubschule beschränkt sich aber nicht nur auf das Sprachverständnis. In der Kursbeschreibung lockt man mit aktivem Sprachgebrauch. Er soll Begegnungen im Alltag erleichtern. Davon ist auch Daniel überzeugt. Der Weg der Integration führe über die Sprache. Er will nicht von vorneweg als Deutscher, als Ausländer wahrgenommen werden. Hier in der Schweiz fühlt er sich heimisch.

 

Perfektionsanspruch

In der Basler Innenstadt setzen wir uns in eine kleine Beiz und ich lasse Daniel “zwäi Bierli” bestellen. Es klingt nicht mehr so unbeschwert wie vorhin auf der Baustelle. Er fühlt sich sichtlich unwohl und das hört man seiner Aussprache an. Den Preis für die Getränke nennt ihm die Bedienung in förmlichem Standarddeutsch. Daniel fühlt sich ertappt. Sofort wechselt er die Sprache. Ähnlich wie alle Kursteilnehmer redet er ausserhalb des Kurses selten Schweizerdeutsch. “Wenn die Aussprache nicht perfekt ist”, erzählt er, “wechselt das Gegenüber sofort ins Standarddeutsch, so wie jetzt eben.”

 

Immer dasselbe

Diese Aussage bestätigt sich in der Zeit, in der ich mit Daniel in der Innenstadt unterwegs bin. Auf der Strasse, im Tram, im Laden, im Restaurant, in der Bar. Daniel könnte diese Liste erheblicher verlängern. Ernst genommen fühlt er sich trotzdem. Doch die Schweizer sind hilfsbereit, zu hilfsbereit. Sie passen ihre Sprache dem Gegenüber an, damit die Kommunikation funktioniert.

Bis zum Gespräch mit Daniel, habe ich die Gegenseite nie beleuchtet. “Ich muss die Menschen darauf aufmerksam machen, dass ich sie gut verstehe”, sagt Daniel und nippt entmutigt an seinem Bier. Er wünscht sich, dass die Schweizer trotz hochdeutschem Akzent Mundart mit ihm sprechen. Unverständlichem müsse man erst begegnen, um danach fragen zu können. Das leuchtet ein. Ich gebe mir im Folgenden besonders Mühe, Schweizerdeutsch zu sprechen, wechsle jedoch ein paar Mal hin und her. Mir ist das unangenehm. Ihm passiert das ständig.

 

Annäherungsversuche

Er schildert seine Sprachsituation in der Schweiz als Dilemma. Die schweizerdeutsche Sprache im Rahmen eines Kurses zu lernen, sei kein Problem.

Tatsächlich gibt es genügend Angebote und die Deutsch sprachigen Ausländer beissen an. Sie wollen sich integrieren und haben die Hoffnung, den Schweizern durch die Mundart näher zu kommen. Doch die Rechnung geht nicht auf. Den perfekten Rahmen, um ungehemmt Schweizerdeutsch zu üben, findet Daniel nur unter seinen Arbeitskollegen. Mit ihnen kann er herzlich über Fehler lachen.

 

Röstigraben mal anders

“Reagieren die Welschschweizer ähnlich auf die frankophonen Ausländer?” fragt Daniel mich. Ich kenne die Antwort nicht. Äquivalente Kurse in der Romandie bietet die Migros Klubschule jedenfalls nicht an. Die Unterschied zwischen dem Standardfranzösisch und den hiesigen Dialekten scheint zu marginal zu sein. Deshalb besteht keine Nachfrage.

 

Ich versuche Daniel weiter zum Mundart sprechen zu ermuntern. Doch für ihn waren die letzten Stunden Beweis dafür, dass es nichts nützt. Vorerst reiche ihm der passive Wortschatz. Erst nach einem Jahr Schweizerdeutsch Sprachkurs möchte Daniel anfangen, mehr zu reden.

 

Ich bringe Daniel an die Tramstation auf dem Barfüsserplatz und will mich verabschieden. Es hat angefangen zu regnen. Ein verlebter Typ spricht uns an, ob wir “Münz” übrig hän für d Gassechuchi.« Daniel greift in seine Taschen und fragt wieviel es denn brauche. Die Antwort: “Ein bisschen Kleingeld reicht schon.”