Gesellschaft | 26.02.2014

Integrationsmotor Arbeit

Text von Andrea Pinck | Bilder von Benjamin Schlegel
Arbeitsprojekte der Stadt Bern für "anerkannte Flüchtlinge und vorübergehend Aufgenommene" fungieren als ersten Schritt auf dem Weg zur vollständigen Integration. Vor allem Bernmobils "Team Sauber" erfreut sich grosser Beliebtheit. Das Projekt ist aber umstritten.
Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Kontinuität und Flexibilität soll Integrationswilligen der Stadt Bern beigebracht werden. Ob die erwachsenen Menschen diese Tugenden nicht bereits kennen?
Bild: Benjamin Schlegel

Pünktlich um acht Uhr morgens eröffnet Andreas Wälchli, der Verantwortliche für das Betriebscenter, das tägliche Briefing. Seine Erklärungen zum Thema Kompensation sind einfach gehalten und in einem gemächlichen Hochdeutsch vorgetragen. Die weiteren Inhaltspunkte betreffen die Abwesenheitsliste und einen kurzen Austausch mit den Gruppenleitenden, um festzustellen, wo wie viele Leute für den Morgen eingeteilt sind. Danach beginnt der reguläre Betrieb.

 

Es ist Dienstagmorgen. Wir befinden uns im Betriebscenter des Berner Kompetenzzentrums für Integration an der Seilerstrasse. “Ein Drittel der Teilnehmenden hat mich verstanden, ein Drittel hat das Gesagte teilweise verstanden und ein Drittel hat nichts verstanden”, lautet die Einschätzung von Wälchli nach dem Briefing. Der Zugang zu den Arbeitsprojekten für vorläufig Aufgenommene und anerkannte Flüchtlinge ist bereits mit wenigen Deutschkenntnissen möglich. Im Betriebscenter wird daher oft mit Bildern gearbeitet. Übersetzungen werden möglichst vermieden, um das Erlernen der deutschen Sprache zu fördern.

 

Bernmobils Team Sauber

Die Bandbreite der Arbeitsprojekte des Kompetenzzentrums Integration reicht von Landschaftspflege über interne Arbeiten bis hin zu einem Projekt bei Bernmobil: das Team Sauber. Die Teammitglieder sammeln Zeitungen und Abfälle ein, welche im Verlauf des Tages von Fahrgästen in den Berner Trams und Bussen liegengelassen werden. Seit der Einführung des Projekts 2004 hat sich der Aufgabenbereich ausgeweitet. Einige Gruppen kümmern sich mittlerweile auch um die Graffitis an den Haltestellen oder um die Aufwertung der Sitzbänke mittels Neulackierung in der hauseigenen Werkstatt. Die Projekt-Teilnehmenden, die in der Stadt unterwegs sind, erledigen ihre Aufgaben zügig, je nach Tätigkeit sind sie alleine unterwegs oder in kleinen Gruppen. Trotz ihrer hellen Westen scheinen sie den Passanten nicht aufzufallen.

 

Arbeitstraining statt Lohnarbeit

Die Projekt-Teilnehmenden erhalten für ihre Arbeit im 50-Prozent-Pensum ein Maximum von 200 Franken Motivationszulage im Monat und das Verbundsabonnement für den Berner ÖV. Werden die anerkannten Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen als billige Arbeitskräfte ausgenutzt und mit 2.30 Franken pro Stunde unterbezahlt? Ja, meint Bleiberecht Bern, einer Organisation, die sich unter anderem für vorläufig Aufgenommene einsetzt und gegnüber Tink.ch als Kollektiv zitiert werden möchten. Die Arbeit, die von den Teilnehmenden verrichtet wird, ist wertvoll und solle auch entsprechend entlöhnt werden. Kritisch empfindet Bleiberecht Bern vor allem, dass die Arbeitsbedingungen im Fall Team Sauber nicht den Standards der Reinigungsbranche entsprechen würden.

 

Der Pressesprecher von Bernmobil äussert sich gegenüber Tink.ch zu den Vorwürfen und stellt fest, dass es in dem Projekt nicht um eine klassische Arbeit für ein Entgelt gehe, sondern darum, den Teilnehmenden eine Tagesstruktur zu verschaffen und ihre Wartezeit sinnvoll zu überbrücken. Dies fördere das Wohlbefinden, die Gesundheit und die Integration.

 

Bestätigt wird dies auch von Ursula Heitz, Leiterin des Kompetenzzentrums Integration. Sie betont: “Es handelt sich um ein Bildungs- und Beschäftigungsprogramm.” Neben den regelmässigen Arbeitseinsätzen werden die Teilnehmenden zusätzlich durch Bildungsmodule und Sprachkurse gefördert. Nebst ihrem freiwilligen Engagement sind die Integrationswilligen folglich von der Sozialhilfe abhängig und erhalten Grundbedarf, Unterkunft sowie medizinische Versorgung vom Staat. Bleiberecht Bern sieht in den Arbeitsprojekten deshalb vor allem den Hintergedanken, ökonomisch unrentable Arbeiten an die Schwächsten der Gesellschaft abzugeben.

 

Schweizer Tugenden vermitteln

Die Verwechslung des Trainings mit regulärer Arbeit würden laut Wälchli auch die Teilnehmenden selbst von Zeit zu Zeit machen. “Primär geht es darum, den Teilnehmenden die Kompetenzen Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Kontinuität, Flexibilität, angepasstes Verhalten sowie Leistung  zu vermitteln”, so Wälchli. Alle vom Kompetenzzentrum organisierten Arbeitseinsätze dauern offiziell zwischen sechs und zwölf Monaten. Diese Dauer lässt sich bis auf zwei Jahre ausweiten. Nach Ablauf dieser Frist müssen die Betroffenen ihren Platz im Programm des Betriebscenters für andere freigeben, erläutert Wälchli den Ablauf.

 

Steigende Beliebtheit

Die grosse Nachfrage vonseiten der anerkannten Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen reicht soweit, dass eine Warteliste besteht. Ferner hat sich der Umfang des Projektes bei Bernmobil vergrössert. Die zu Beginn kleine Gruppe hat sich auf rund 80 Personen ausgeweitet. Die grosse Beliebtheit zeigt sich ebenso in den Rückmeldungen, welche das Kompetenzzentrum von ehemaligen Teilnehmenden erhält. Laut Ursula Heitz seien diese durchwegs positiv.

 

Das Team Sauber sammelt jährlich rund 30 Tonnen Abfall, von welchen fast 90 Prozent recycelt werden können. Für ihre Arbeit erhielt das Team deswegen 2013 den Umweltpreis der Stadt Bern. Dieser wird seit 2009 alle zwei Jahre vom Amt für Umweltschutz an Projekte vergeben, welche die Umweltbilanz der Stadt Bern verbessern und Vorbildcharakter besitzen. Die Tatsache, dass die anerkannten Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen bei Bernmobil den Preis erhielten, dürfte ein Zeichen dafür sein, dass die Arbeit wertgeschätzt wird. Aus Sicht von Bleiberecht Bern müsste diese Anerkennung gerade deshalb durch eine gerechtere Entlöhnung stattfinden.