Kultur | 25.02.2014

In den Ferien nach Hause?

Text von Sonja Nodup | Bilder von zVg
Nikola IliÄokumentarfilm "Kanton Jugoslawien" zeichnet ein vielschichtiges Porträt von Menschen, die in den letzten 40 Jahren aus dem ehemaligen Jugoslawien in die Schweiz eingewandert sind.
Kanton Jugoslawien ist ein vielschichtiges Porträt, das die Frage nach dem Ort des Zuhause stellt.
Bild: zVg

Wo ist zu Hause? “Ich weiss nicht”, seufzt eine junge Mutter. Mit der kleinen Tochter auf dem Schoss sitzt sie vor einem gut gefüllten Bücherregal. In der Schweiz fühle sie sich auf jeden Fall unglücklich, meint die Frau, die kaum Deutsch zu sprechen scheint.

 

Szenenwechsel. “Unsere Seele hat keine Adresse”, sinniert ein älterer, graumelierter Mann. Auf dem Tischchen vor ihm ein paar Bücher, hinter ihm ein etwas nebliges aber immer noch erkennbar spektakuläres Seepanorama.

 

In einer weniger aussergewöhnlichen, aber gemütlich-modern eingerichteten Wohnung sitzt ein Ehepaar auf dem Sofa. Die kurzhaarige Frau enerviert sich in perfektem Schweizerdeutsch über Leute, die seit Jahrzehnten in der Schweiz wohnten und immer noch davon sprächen, in den Ferien “nach Hause” zu gehen. “Nach Hause?”, fragt die Frau belustigt. “Ich bin jetzt zu Hause!”

 

“Das hier ist doch dein Zuhause!”

Die junge Mutter, der graumelierte Herr, die kurzhaarige Frau und die weiteren Protagonisten – Sie alle stammen aus dem ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien und sind heute – so drückt es der Film aus – im “Kanton Jugoslawien” zu Hause.

 

Der Regisseur Nikola Ilić, ein gebürtiger Belgrader, erzählt gegenüber Tink.ch: “Als ich das letzte Mal in Serbien war, sprach ich davon, zu Besuch zu sein. Da hat sich mein Grosi empört. Wieso zu Besuch, das ist doch dein Zuhause!” Für sei jedoch mittlerweile Luzern, wo er seit sieben Jahre lebt, zu einem Zuhause geworden. Und trotzdem könne und wolle er niemals gänzlich zum “richtigen Schweizer” werden. “Wir können die Lücke zwischen zwei Kulturen schliessen – aber nicht völlig”, meint der graumelierte Herr im Film dazu. Es sei ein besonderes, komplexes Gefühl, wie Ilić erklärt, welches er in Form eines Ensemblefilms ausdrücken wollte. Den 16minütigen Dokumentarfilm stellte er 2013 als Abschlussarbeit seiner Ausbildung an der Luzerner Hochschule fertig.

 

Leben in der Luft

Der Regisseur setzt auf ein Spektrum an unterschiedlichsten Protagonisten, die er in ihrem gewohnten Umfeld porträtiert und mit essentiellen Fragen – Wo ist zu Hause? Wie lebt es sich in der Schweiz? Wer sind die Schweizer “Jugoslawen”? – konfrontiert.

Alle Protagonisten sind in den letzten Jahrzehnten eingewandert und haben ihre ganz persönlichen, aber auch gemeinsame Mühen und Freuden mit dem Leben in der Schweiz. Nach und nach erschliesst sich den Zuschauenden eine Ahnung von diesem Gefühl, diesem Lebenszustand “in der Luft”, wie Ilić präzisiert. Dieses Gefühl ist im Kern kein spezifisch jugoslawisches Phänomen, sondern auch anderen Einwanderern bekannt: Der Regisseur erzählt, dass sich auch Immigranten aus Irland oder den USA im Film wiedererkannt hätten.

 

Vielschichtiges Porträt

Ilić sagt, er stehe hinter jedem einzelnen der von seinen Darstellern abgegebenen Statements. Das Bild, welches er mit der Präsentation all dieser Stimmen und Situationen erschafft, ist vielschichtig und paradox – und lebensnah. Es macht die Masse der in der Öffentlichkeit immer noch allzu oft pauschal als kleinkriminell und schlecht integriert wahrgenommenen “Jugos” diverser und gleichzeitig vertrauter.

 

Ilićs filmisches Porträts verdeutlicht, was eigentlich selbstverständlich ist: Dass hinter jedem einzelnen “Jugoslawen” zuallererst ein Mensch, ein Individuum steckt. Zur ewigen Pauschalisierung, dem einseitigen öffentlichen Bild von “den Jugoslawen”, wird im Film selber auch eine etwas provokante Ansicht präsentiert: Ihr Image werde von ihnen selbst gemacht und könne nur von ihnen selbst verändert werden, ist die Frau mit dem einwandfreien Schweizerdeutsch überzeugt.

 

Weise Worte?

Die Begegnungen mit den unterschiedlichen Protagonisten und Meinungen sind bereichernd und bergen auch abseits der eigentlichen Thematik manche wertvolle Momente in sich. Etwa, wenn ein Protagonist die These aufstellt, es würde hierzulande weniger Burnouts geben, gäbe es wie drüben mehr Kneipen – den Gedanken sogleich als “zu simpel” wieder verwirft, schlussendlich aber darauf zurückkommt, da es eben manchmal doch so einfach sei.

Oder wenn ein anderer das Leben in der Schweiz mit dem in einem gut geschnittenen Anzug vergleicht: präzise aber vorgegeben und unspontan. Oder wenn ein dritter, bezogen auf die verkrampfte Arbeitsmoral der Schweizer, sagt: “Eine gesunde Wirtschaft macht kranke Menschen.”

 

“Die alte Schwyzer”

Während der Film viele spannende und wichtige Fragen aufwirft, vernachlässigt er auch einige. Muss der kulturell-historische Hintergrund eines Menschen tatsächlich derart bestimmend sein, wie im Film davon ausgegangen wird? Und: Wenn “die Jugoslawen” oder “die Serben” keine Einheit sind, wie können es dann “die Schweizer” sein?

Der Film endet mit einer Szene, in welcher Meinrad Lienerts “Die alte Schwyzer” rezitiert wird. “Da ist vieles drin, das du auch auf die Serben anwenden kannst”, schliesst der Vortragende.

Ein versöhnliches und nur scheinbar vereinfachendes Ende – es ist schliesslich mit einem Augenzwinkern zu verstehen.

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