Gesellschaft | 06.02.2014

Einmal in die Zukunft, bitte!

Text von Emma Kohler | Bilder von Pascale Amez
Hologramme und Gerüche während dem Telefonieren übertragen. Räume, die sich den Wünschen der Bewohner anpassen. Für die Teilnehmenden am Swiss Talent Forum in Thun schien es keine Grenzen zu geben. Dass die Sponsoren von den jungen Talenten profitieren könnten, daran scheint indes niemand gedacht zu haben.
Wer profitiert von den jungen Denkenden am Swiss Talent Forum?
Bild: Pascale Amez

Das Ziel der Teilnehmenden am dritten Swiss Talent Forum (SFT) in Thun war, Ideen für unseren zukünftigen Alltag zu finden und sich gegenseitig Denkanstösse zu geben. 10 Gruppen, 10 Ideen, 1000 Gedanken. Während den Tagen wurden Workshops angeboten, Diskussionen lanciert und vor allem viel gedacht – ein intensives Programm.

 

Sämtliche Talente sind Mitglied bei Jugend forscht oder einer Partnerorganisation im Ausland. Sie haben durch herausragende Leistungen auf sich aufmerksam gemacht und die Besten unter ihnen wurden ausgewählt, um an diesem Anlass teilzunehmen.

 

Geehrt und bescheiden

“Die zukünftige Elite, die Besten der Besten, hochbegabt”, damit wirbt das Swiss Talent Forum. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer geniessen dies. “Hammer!”, meint etwa Paula (17) dazu. Sie fühle sich geehrt. Bescheidenere Stimmen sind ebenfalls zu vernehmen. “Es gibt auch andere Leute, die so gut sind wie wir. Wir sind vielleicht nicht ‘die Elite’, aber wir haben eindeutig die Fähigkeit, etwas zu ändern. Wir sind die Generation, die weiter denkt, Ideen einbringt und etwas bewirken will”, so der 21-jährige Daniel Camilleri, der für das STF extra aus Malta angereist ist.

 

Wer davon profitiert

Niemand von der jungen Elite kam aber auf die Idee, dass möglicherweise Dritte von ihren Ideen profitieren könnten. Die Sponsoren und Partner, einige Firmen und Stiftungen wie zum Beispiel UBS, Jacobs Foundation oder Quest, könnten aus ihren Ideen gratis Nutzen ziehen und müssten weniger teure Marktforschungen betreiben. Überrascht reagieren alle ob der Frage. Stören tut es indes die Wenigsten. Sie sehen es als Ehre und Erfolg an. Schliesslich wollen sie, dass ihre Ideen weiter entwickelt werden – und das zeige, dass ihre Projekte auf Begeisterung stossen.

 

Skeptisch bleiben einige dennoch. Johanna Stierlin findet es sogar ziemlich anstössig. “Daran habe ich nicht gedacht. Aber es sind unsere Ideen, da sollten wir mit einbezogen werden”, sagt die 22-Jährige. Sara sieht das anders: “Ich sehe das nicht als ‘stehlen’ an. Wir geben Denkanstösse, aber wir sind nicht die Urheber der Ideen.” Sie hätten selber viele Denkanstösse erhalten. “Also dürfen die Ideen ohne Probleme weiter verwendet werden”, so Sara.

 

Unterschiedliche Erwartungen

Die Hoffnungen sind allerdings nicht überall gleich hoch. Sara Rohr denkt nicht, dass sie mit ihren Ideen tatsächlich etwas erreichen wird. Die Ideen werden sowieso vergessen oder nicht umgesetzt. Vielleicht geben wir Denkanstösse und wenn wirklich etwas damit passiert, fände ich das gut. Aber daran glauben, tu ich nicht”, gibt sie zu. Sofort unterbricht Hanna Tuus ihre Kollegin und kontert: “Doch! Wir können und werden die Zukunft beeinflussen.”

 

Inter-Mind

Insgesamt wurden zehn Projekte ausgearbeitet, die so unterschiedlich wie Katz und Maus sind. Die Inter-Mind-Gruppe etwa träumt von einem Chip, der in den Kopf eingesetzt werden kann und alle Menschen miteinander verbindet. Wir bräuchten nicht mehr zu lernen, sondern könnten alle Informationen aus dem riesigen Gedanken-Netzwerk herunterladen.

 

E-Go, so soll das Fahrrad der Zukunft heissen und ist eine weitere Idee am Forum. Beim Fahrradfahren soll nebenbei Strom erzeugt werden. Die Ideen scheinen verlockend. Doch wie sollen sie umgesetzt werden? Strom mit dem Fahrrad zu erzeugen, ist kein neuer Gedanke. Weshalb wurde er also noch nicht umgesetzt? Genau – weil es energietechnisch kaum möglich ist. Inter-Mind sollte bereits bis 2030 machbar sein, wenn es nach den Teilnehmenden geht. Wird der Elite von Morgen von ihren Förderern eine rosa Brille aufgesetzt, anstatt sie mit der praktischen Realität zu konfrontieren?

 

Kritikunfähig

Zehn Ideen wurden ausgetüfftelt, anschliessend bewertet. Jedes Projekt erhielt mindestens fünfzig Stimmen. Reinfälle gab es demnach keine, wenn man die Punktevrteilung betrachtet. Jeder Teilnehmer und Besucher durfte acht Punkte vergeben – beliebig verteilt, so dass alle genug Daumen hoch erhielten. Um bei den Jugendlichen die Motivation hoch zu halten, wurde an der Sitzung den Betreuenden eingeschärft, dass sie ihr Team noch einmal loben sollen. Gutes müsse gesagt werden, nichts Schlechtes, keine Kritik.  Davon wussten die Teilnehmenden allerdings nichts. Sollen sich so die Besten der Besten weiter entwickeln können, indem man ihnen vorgaukelt, wie toll sie seien?