Kultur | 11.02.2014

Ein Herz so kalt wie Eis und Schnee (Kopie 1)

Letzten Freitag feierte "Cold Heart", die jüngste Hausproduktion des Vorstadttheaters Basel, Premiere. Die Inszenierung des Schauspielers und Regisseurs Matthias Grupp nimmt sich des klassischen Märchenstoffes von Wilhelm Hauffs "Das kalte Herz" an und adaptiert diesen mit viel Lust am Fabulieren neu. Anarchische Liedtexte und mitreissende musikalische Klänge untermalen das gleichermassen für Jung und Alt konzipierte Erzählstück.
Matthias Grupp als namenloser Wandergeselle erzählt die tragische Geschichte des Köhlers Peter Munk, der sein Herz gegen ein Stück Granit eintauschte.
Bild: zVg Vorstadttheater Basel

“Familiär” und “versteckt gelegen” sind Ausdrücke, mit denen sich das in der Basler St. Alban-Vorstadt angesiedelte Vorstadttheater am ehesten beschreiben lässt. Das kleine aber feine Haus steht seit jeher für eigenwillige zeitgenössische Produktionen, die sowohl Kinder als auch Erwachsene ansprechen sollen. So begeisterte Matthias Grupps fantasievolle Umsetzung von Felix Saltens Roman Bambi am Vorstadttheater vergangenen Herbst auch die Basler Presse. Cold Heart ist ein weiteres seiner Stücke, welches perfekt auf die intime Atmosphäre und die Architektur des Vorstadttheaters zugeschnitten ist.

 

Eine Ein-Mann-Aufführung vor Schwarzwälder Kulisse

Die in Programm und Pressetext als “One-Man-Song-Spiel” bezeichnete Produktion spielt nicht auf der offiziellen Theaterbühne sondern auf einem provisorisch wirkenden Bretterboden im Foyer. Das ist gut so, denn nur dort kann das musikalisch untermalte Erzählstück seine volle Wirkung entfalten. Das Dekor des Foyers strahlt mit seinem langgezogenen Tresen eine urige Dorfschenkengemütlichkeit aus. Details wie die Schwarzwälder Kuckucksuhr und das Bühnenbild in der Form einer Holzhütte mit herzförmigem Laubsägemuster spielen auf den Schwarzwald als Handlungsort des Märchens an. Ensemblemitglied Matthias Grupp fungiert einerseits als Erzähler, schlüpft aber auch in fast alle Figurenrollen und unterhält das Publikum mit selbstverfassten Liedtexten, die eine gewisse Nähe zur Slam Poetry aufweisen. Ab und zu unterbricht er seine Erzählung, um mit dem Schankwirt an der Foyerbar (Michael Steiner) einige Worte zu wechseln, was die familiäre Atmosphäre zusätzlich verstärkt. Für die musikalische Untermalung sorgt Matthias Bruder Florian Grupp am Klavier.

 

“Ich bin nicht euer Kohlenpeter”

Der namenlose Erzähler, ein Handwerksgeselle auf Wanderschaft, schildert dem auf Holzstühlen und Bänken zusammengedrängten Theaterpublikum in bester schwäbischer Mundart die zugleich wunderbare und tragische Geschichte des jungen Köhlers Peter Munk. Es ist die Geschichte eines jungen Menschen, der sich, der ewigen Armut und des Spotts seiner Mitmenschen überdrüssig, mit guten und unheilvollen Mächten einlässt um seinen Wunsch nach einem besseren Leben zu erfüllen; und seinem Ziel zuliebe sogar auf seine Menschlichkeit verzichtet. Um dem armseligen Leben als Köhler zu entfliehen lässt sich Peter auf einen Handel mit dem guten Waldgeist Glasmännlein ein. Dieser gewährt ihm drei Wünsche, von denen der unbedarfte Jüngling die ersten zwei für Geld und Tanzschuhe verpulvert.

 

Herztausch mit Folgen

Nachdem Peter beim Glücksspiel alles bis aufs letzte Hemd verloren hat, wendet er sich an den riesenhaften Holländer-Michel, der mit dem Satan im Bunde steht und dem Köhlerburschen tausend Wünsche im Tausch gegen dessen Herz verspricht. Peter willigt ein und der aalglatte Michel setzt ihm ein lebloses Herz aus Granit ein, das weder Schmerz noch Mitgefühl verspürt. Dank der tausend versprochenen Wünsche des Waldriesen gelangt der einstige Köhler rasch zu Wohlstand. Doch zu welchem Preis? Obwohl sein Leben eine ständige Dauerparty zu sein scheint, empfindet Peter nur Unzufriedenheit. Seine Frau Lisbeth schlägt er im Affekt tot und seine alte Mutter lässt er skrupellos verhungern. Schlussendlich wird dennoch alles gut. Peter fordert von Holländer-Michel sein Herz aus Fleisch und Blut zurück und löst von Schuldgefühlen geplagt seinen letzten Wunsch beim Glasmännlein ein, worauf die Zeit zurückgedreht wird und sowohl Peters Mutter als auch seine Frau Lisbeth von neuem zum Leben erwachen. Peter ist zwar wieder ein mittelloser Köhler, akzeptiert nun jedoch sein Schicksal und träumt nicht länger von einem besseren Leben.

 

Ein Märchen mit Aktualitätsbezug

So borniert und altbacken die Moral des 1827 erschienenen Märchens heute erscheinen mag, enthält der Stoff dennoch Elemente, die auch für ein zeitgenössisches Publikum von Interesse sind. “Ich wollte ein Musiktheater machen, das existenzielle Themen wie Neid und Glückssuche thematisiert”, begründet Matthias Grupp seine Themenwahl. “Auch wenn der Köhlerberuf heute nicht mehr ausgeübt wird, ist die Figur des Peter Munk und ihr Lebensgefühl, ihr Neid, weil die anderen mehr haben als er, in der heutigen Zeit nach wie vor aktuell. Ebenso das Motiv vom kalten Herzen. Um im Leben hoch hinauszuwollen, muss man oft gefühllos und kaltherzig sein”, so der Regisseur.

 

Musik spielt in vielen seiner Stücke eine wichtige Rolle. Die Lieder in Cold Heart hat er beispielsweise zusammen mit seinem Bruder Florian Grupp komponiert, mit dem er öfters zusammenarbeitet. Seit 2007 ist Matthias Grupp als künstlerischer Leiter, Regisseur und Ensemblemitglied am kleinen Vorstadttheater Basel angestellt und schätzt die künstlerische Freiheit, die ihm der kleine Theaterbetrieb bietet. “Der Luxus ist, dass wir machen können, was uns wirklich auf der Seele brennt”, erklärt er. “Die Stücke müssen einfach für Kinder und Erwachsene funktionieren.” Dass sie funktionieren, zeigte sich am Freitag auch an der Zusammensetzung des Premierenpublikums: Jung und Alt, von der Seniorin bis zum Kindergartenkind, erfreuten sich gleichermassen an Matthias Grupps augenzwinkerndem Spiel.


 

Aufführungstermine im Februar:

Freitag, 14., 10.30 Uhr, Samstag, 15., 20.00 Uhr, Sonntag, 16., 11.00 Uhr, Donnerstag, 20., 10.30 Uhr, Freitag, 21., 10.30 Uhr und 20.00, Sonntag, 23., 11.00 Uhr, Montag, 24., 10.30 Uhr, Dienstag, 25., 10.30 Uhr.

 

 

 

 

 

 

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