Kultur | 20.02.2014

Die Liebe zweier Hasen

Text von Vera Probst | Bilder von zVg
«Vaters Garten - Die Liebe meiner Eltern" wurde an den Solothurner Filmtagen als bester Dokumentarfilm für den Schweizer Filmpreis nominiert. Das neuste Werk des St. Gallener Peter Liechti stellt schwere Fragen. Antworten werden die meisten Zuschauenden bei sich selbst und ihrem Umfeld finden.
Wenn der Mann das Sagen hat: Einblicke in eine patriarchale Familie.
Bild: zVg

Der freischaffende Autor, Regisseur, Kameramann und Produzent Peter Liechti hat einen Film über seine Eltern gedreht. Als er vor ein paar Jahren seinen Vater per Zufall in der Stadt antraf und beide nicht wussten, wie sie sich dem anderen gegenüber verhalten sollten, beschloss Liechti, mehr über seine Eltern herauszufinden. Er wollte ihre Beziehung verstehen und erforschen.

 

Mutter und Vater vor der Kamera

Liechti arbeitet seit 1986 als freier Filmschaffender. In seiner Filmografie befindet sich nur ein Spielfilm, Marthas Garten. Sonst drehte der Regisseur hauptsächlich Dokumentar-, Musik- oder Experimentalfilme (Hans im Glück, Das Summen der Insekten – Berichte einer Mumie). Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern bezeichnet Liechti auf seiner Homepage als Essay.

 

Im Film verfolgen die Zuschauenden den Alltag von Liechtis Mutter und Vater. Unterbrochen wird dieser durch Interviewsequenzen, in denen die beiden – mal alleine, mal zusammen – vor der Kamera auftreten. Bei heiklen Fragen werden Mutter und Vater von Hasen-Puppen dargestellt. Auch ihre Stimmen werden in diesen Momenten von professionellen Schauspielern vertreten.

 

“Ich hatte nie eine andere Frisur.” – Vater

Den Vater erleben die Zuschauerinnen und Zuschauer als typischen Patriarchen. Sein Frauenbild stammt aus einer anderen Zeit. Er sagt Dinge wie: “Von Natur aus, vom Wesen her passt die Frau nicht in die Arbeit.” Auf die Frage, wer im Haushalt und in der Ehe bestimme, antwortet er: “Wir beraten uns gegenseitig. Und das, was mich überzeugt, machen wir dann.”

 

Liechtis Vater fühlt sich schnell angegriffen und kann keine Fehler eingestehen. Sein Leben wird von seiner Scham regiert. Er redet viel darüber, was andere über ihn und seine Familie denken könnten. Doch der Film zeigt auch positive Seiten von ihm. Etwa wie er auf seine spezielle Art und Weise liebevoll ist, wenn er seine Frau bei Krankheiten und Verletzungen ohne Widerworte pflegt.

 

“Wenn ich sehe, was in dieser Welt passiert, erwarte ich nicht mehr viel. Nicht mehr viel Schönes.” – Mutter

Die Mutter hat sich bei einer Tanzstunde zum ersten Mal verliebt. Mit ihrer ersten Liebe ist sie mittlerweile 62 Jahren verheiratet. Liechtis Mutter leidet unter Depressionen, liest viel und flüchtet sich in den Glauben. Sie hat ein gutes Verhältnis zur ebenfalls gläubigen Tochter.

 

Ab und zu betet sie für die Weisheit der Bundesräte und Bundesrätinnen. Die Zuschauenden erfahren, dass sie früher gerne gereist wäre, andere Länder und Kulturen gesehen hätte. Ihr Ehemann war jedoch anderer Meinung und so blieb sie in St. Gallen. Liechtis Mutter wird als unsichere Frau dargestellt, die oft Angst hat, nicht schnell oder gut genug zu sein. Sie selber sagt, sie fühle sich freier, seit sie ihren Glauben zu Gott gefunden habe.

 

Was bleibt

Das Porträt über das Ehepaar Liechti schmerzt beim Zuschauen, ist bedrückend und tragisch. Manchmal sehen wir aber auch schöne Momente. Ab und zu einen Kuss oder liebevollen Blick. Peter Liechti lässt seine Eltern selbst sprechen; nur selten wird aus dem Off kommentiert. Die Idee, dass die sensiblen Szenen durch Hasen nachgespielt werden, funktioniert.

 

Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern ist für alle zu empfehlen, die sich schon mal gefragt haben: Wie gehen wir mit unseren Nächsten um? Wie funktionieren Beziehungen? Bin ich glücklich mit meinem Leben? Was denken meine Eltern von mir? Was, wenn ich nicht gut genug für sie bin? Peter Liechti hat einen Film gedreht, der zum Nachdenken anregt.