Gesellschaft | 18.02.2014

“Das Selbstbestimmungsrecht der Frauen würde in Frage gestellt”

Text von Lukas Killer | Bilder von zVg, Margareta Sommer
Mit 69,8 Prozent Nein-Stimmen wurde die von christlichen und konservativen Kreisen eingeleitete Initiative "Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache" deutlich abgelehnt. Sie verlangte, dass Abtreibungen künftig aus eigener Tasche finanziert werden müssen. Was wäre passiert, wenn die Initiative angenommen wäre und wie stehen die Schweizer zur Abtreibung? Tink.ch informierte sich bei Anne-Marie Rey von der Schwangerschaftsabbruch-Infostelle. Die bekannte Frauenrechtlerin engagierte sich im Vorfeld der Abstimmung als Vorstandsmitglied im Komitee "Nein zum Angriff auf die Fristenregelung!»
Anne-Marie Rey wurde bekannt durch ihr Engagement für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch.
Bild: zVg, Margareta Sommer

Tink.ch: Was sagt das Ergebnis über die Haltung von Herr und Frau Schweizer gegenüber Abtreibungen aus?

Anne-Marie Rey: Das Abstimmungsergebnis von 2002 wurde grosso modo bestätigt.

Das heisst, die Fristenregelung – inklusive Übernahme der Kosten des Schwangerschaftsabbruchs durch die Krankenversicherung – findet in der Schweizer Bevölkerung breite Akzeptanz. Das Selbstentscheidungsrecht der Frau ist akzeptiert. Auch das Solidaritätsprinzip in der Krankenversicherung findet breite Zustimmung. Es ist kein konservativer Trend auszumachen in dieser Frage.

 

Haben Sie im Voraus mit so einem deutlichen Ergebnis gerechnet?

Damit rechnen konnten wir nicht – vor allem nach den GfS-Meinungsumfragen, die eine Zustimmung von bloss 58 Prozent ergaben. Aber wir haben natürlich sehr gehofft, dass es mindestens 66 Prozent, das heisst eine Zweidrittelsmehrheit gegen die Initiative geben würde. Das Ergebnis von 70 Prozent Nein ist eine grosse Genugtuung.

 

Was hätte ein “Ja” für Auswirkungen gehabt?

Eine katastrophale: Stigmatisierung der Frauen und des Schwangerschaftsabbruchs als “amoralisch, verwerflich”, Schuldzuweisung an die Frauen, Diskriminierung der Frauen und unter ihnen ganz besonders der ohnehin gesellschaftlich und finanziell benachteiligten Frauen.

 

Ohne Tarifbindung durch die Krankenkassen wäre der Eingriff teurer geworden. Frauen hätten sich verschulden müssen, durch die Geldsuche wäre der Eingriff verzögert worden. Etliche Frauen hätten wohl entweder ein ungewolltes Kind zur Welt bringen oder mit billigen, aber gefährlichen do-it-yourself-Methoden abtreiben müssen. Dadurch hätten sie ihre Gesundheit und vereinzelt sogar ihr Leben riskiert. Ausserdem hätte ein Ja eine Erosion des Solidaritätsprinzips in der Grundversicherung eingeleitet. Es hätte sich weder eine Senkung der Abtreibungszahlen, noch irgend eine Ersparnis im Gesundheitswesen daraus ergeben – im Gegenteil.

 

Warum engagierten Sie sich dagegen?

Um solche negativen Auswirkungen zu vermeiden. Wir wollten ein klares Nein zum Rückschritt. Die Fristenregelung hat sich seit 2002 sehr bewährt. Alle Frauen haben heute Zugang zum legalen, fachgerecht und unter guter Betreuung und Beratung durchgeführten Schwangerschaftsabbruch. Illegale Abtreibungen mit ihren Komplikationen und der sogenannte Abtreibungsrtourismus von konservativen in liberalere Kantone und ins Ausland sind verschwunden. Die Initiative war nichts anderes als ein verkappter Angriff auf die Fristenregelung. Den Frauen sollten Hürden in den Weg gelegt werden, ihr Selbstbestimmungsrecht wurde in Frage gestellt.

 

Für mich persönlich kommt dazu, dass ich aus eigener Erfahrung weiss, was es heisst, ungewollt schwanger zu sein; was es heisst, das eigene Leben – damit meine ich nicht das biologische Überleben, sondern das ganze Leben, die Lebensperspektiven – bedroht zu sehen wegen eines Verhütungsversagers. Frauen haben ein Recht auf ihr Leben. Sie haben ein Recht, Nein zu sagen zu einer ungewollten Schwangerschaft. Mutterschaft darf nicht aufgezwungen werden. Und jedes Kind hat das Recht, ein erwünschtes Kind zu sein.

 

Das Interview wurde schriftlich geführt.


 

Anne-Marie Rey wurde 1937 in Burgdorf geboren. Die Tochter eines Frauenarztes setzt sich seit Jahrzehnten für die Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs in der Schweiz ein. Von 1987 bis 1995 vertrat sie die SP im Berner Kantonsparlament.