Politik | 27.02.2014

Darfur: Der vergessene Krieg

Tunesien, Libyen, Ägypten und Syrien. Diese Länder dominieren seit 2011 die Nachrichten, dabei herrscht im Süden des Sudan seit zehn Jahren Bürgerkrieg. Gastautor Martin Fellner hat Professor Zach vom Institut für Afrikawissenschaften an der Universität Wien zu den Hintergründen des Konflikts befragt.
"Der Sudan ist das Ergebnis einer ungezügelten Entwicklung des 19. Jahrhunderts."
Bild: zVg, David Haberlah | mokant.at

Es hätte alles so schön ausgehen können. Berühmtheiten, vor allem aus den USA und allen voran Hollywoodstar George Clooney, machten sich daran den Sudan zu befrieden und die Region endlich aus ihrem Leid zu befreien. Vor fast zehn Jahren war das. Amnesty International und ein Bericht der Vereinten Nationen machten die westliche Öffentlichkeit auf das Sterben in Darfur aufmerksam. George Clooney sprach infolgedessen mit Barack Obama und schickte einen Brief an Angela Merkel. 2011 wurde der Südsudan, auf internationalen Druck hin, in die Unabhängigkeit entlassen. In Darfur, der Westprovinz des Sudans, brodelte es jedoch unbemerkt weiter. Doch wie kam es eigentlich zum Bürgerkrieg in der Region?

 

“Der Sudan ist das Ergebnis einer ungezügelten Entwicklung des 19. Jahrhunderts”, sagt Professor Zach vom Institut für Afrikawissenschaften an der Universität Wien. Die europäischen Großmächte ermunterten damals Ägypten, große Gebiete bis in den Norden Ugandas zu besetzen. “Es wurde damit ein ziemlich instabiles Gebilde geschaffen, das aus den beiden Teilen eines arabisch dominierten Nordens und zum anderen des afrikanisch geprägten Südens bestand. Diese Konstruktion, seit 1898/99 anglo-ägyptisches Kondominium [Großbritannien und Ägypten teilten sich die Herrschaft. Anmerkung der Redaktion] und ab 1956 in die Unabhängigkeit entlassen, die Probleme schon damals in sich.” sagt Professor Zach.

 

Im Sudan lebten bis zur Unabhängigkeit des Südsudan mehr als 200 verschiedene Ethnien. Der Konflikt zwischen den beiden Regionen existierte schon seit dem Beginn der 1960er Jahre und war, Zach zufolge, Ausdruck einer jahrzehntelangen Marginalisierung der Grenzregionen. Misswirtschaft, Korruption, Nepotismus und Ausbeutung führten 2003 letztlich zum Ausbruch des Krieges in Darfur. Von der Zentralregierung in Khartum wurden regierungstreue Milizen bewaffnet, die seitdem versuchen, sich in Darfur durchzusetzen. “Das Ergebnis war, dass hier auch lokale ethnische Konflikte, die es über Jahrzehnte, oder eigentlich Jahrhunderte gab, mit einer neuen Qualität geführt werden”, erklärt Zach weiter.

 

Weiterer Zündstoff: Staudammbau und ausländischer Einfluss

Neben den teils lokalen ethnischen Konflikten, spielen auch natürliche Ressourcen wie Öl und der Einfluss anderer Länder auf die Region eine Rolle. “Ein wichtiger Faktor ist sicher das Erdöl. China ist der größte Handelspartner; dreiviertel des Außenhandles bestritt der Sudan vor der Separation des Südsudan mit der Volksrepublik China” sagt Professor Zach. Der Handel mit China beschränkt sich nicht nur auf das Öl, das Land baut auch Staudämme am Nil. Diese werden jedoch nicht von Sudanesen gebaut sondern durch chinesische Arbeiter, die in abgeschotteten Siedlungen wohnen. Da sei natürlich auch entsprechendes Konfliktpotential vorhanden. Die Bevölkerung im Einzugsbereich der Staudämme wird mit Gewalt umgesiedelt. Es werden ganze Ethnien umgesiedelt und in fremde Regionen mit anderer Kultur umgesiedelt. “Damit zerstört man natürlich auch die Identität der Menschen” sagt Professor Zach.

 

Verselbständigung und mögliche Fragmentierung des Landes

Durch die massive Aufrüstung verschiedener Gruppierungen in Darfur und im Südsudan hat sich der Konflikt verselbständigt. Professor Zach: “Ich denke, Khartum hat die Kontrolle auf lokaler Ebene längst verloren. Es werden inzwischen innerethnische Konflikte ausgefochten, die jahrhundertelang am Köcheln sind.” Mit der Unabhängigkeit des Südsudans könnte ein Dominoeffekt entstehen, gleichzeitig steuert die Region einer Balkanisierung entgegen und zusätzlich könnten neue Armenhäuser entstehen, warnt Professor Zach.

 

Abschreckendes Beispiel Südsudan

Einen unabhängigen Staat Darfur sieht Zach kritisch. Er sieht den Südsudan als abschreckendes Beispiel, besonders weil der neue Staat von einer Ethnie beherrscht wird. “Dort befinden sich ausschließlich Dinka in den Machtpositionen. Der Staatspräsident ist Dinka, der Ministerpräsident ist Dinka, die Regierung ist von den Dinka dominiert. Wenn es kein Dinka ist, dann ist zumindest der Staatssekretär Dinka. Ebenso ist der Grenzverlauf bis heute nicht geklärt. Aufgrund der nomadischen Lebensweise der nördlich und südlich der Grenze ansässigen Ethnien und der Erfordernis, beispielsweise ihr Vieh entsprechend der Regenzeiten über die künstlich angelegte Grenze zu führen, keinen Sinn macht.”

 

Aussicht auf ein Ende?

Der Konflikt ist vielschichtig und die Missionen der UNO und Afrikanischen Union verfügen kaum über die Fähigkeit die Kämpfe einzudämmen. “Ich kann nicht erkennen, dass es deren Intervention große Auswirkung hat. Dazu sind es zu wenig, dazu verfügen sie über zu wenig Mittel. Ich sehe die UNO-Mission eher als symbolische Geste”, zeigt sich Zach kritisch bezüglich der internationalen Missionen. Der internationale Haftbefehl gegen Sudans Präsident Baschir hat die Lage nicht einfacher gemacht. Seitdem sind die anwesenden NGOs in ihrer Bewegungs- und Handlungsfreiheit massiv eingeschränkt. Die Regierung in Karthum hätte Probleme die Macht überhaupt noch zu erhalten und ist zunehmend mit Protesten konfrontiert. Ist der Konflikt überhaupt lösbar und was müsste geschehen? Professor Zach: “Ich denke es müsste auch in Khartum zu einem Umdenken kommen, an dessen Ende ein demokratischer Umstrukturierungsprozess steht.” Ob das passieren wird ist jedoch ungewiss.

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