Kultur | 25.02.2014

Akrobatik statt Strassenleben

Text von Dorothee Joss | Bilder von zVg
Mit Zirkuskunst der Realität zu entfliehen, ist für Strassenkinder in St. Petersburg eine einmalige Chance. In "Glückspilze" dokumentiert die Schweizer Regisseurin Verena Endtner die Arbeit des Zirkusprojekts Upsala.
Danja findet im Zirkus Upsala eine neue Familie und eine Alternative zum Strassenleben.
Bild: zVg

Eine Aufnahme der prunkvollen Bauten St. Petersburgs, ein Blick über die goldenen Kuppeln und klassizistischen Paläste. Sie alle ziert eine dünne Decke Schnee, die Zarenstadt wird als Postkarten-Motiv inszeniert.

Damit beginnt der Dokumentarfilm “Glückspilze”. Das Thema ist weniger idyllisch, als das Anfangsbild vermuten lässt. Porträtiert wird der “Zirkus Upsala”, der sich verwahrlosten Kindern annimmt und ihnen eine Alternative zur Strasse bietet.

 

Im Jahr 2000 wurde das Projekt von Astrid Schorn und Larissa Afanasyeva initiiert. Seither versucht es zu leisten, was das Sozialsystem nicht vermag: Kindern, die auf der Strasse leben, eine Perspektive und die Möglichkeit zur Reintegration zu bieten.

 

Strassenkinder als Hauptdarsteller

Der Film, der letztes Jahr in Festivals rund um die Welt gezeigt wurde, porträtiert keinesfalls nur einen Zirkus, auch das soziale Umfeld wird miteinbezogen.

Die vier Protagonisten sind Strassen- und Zirkuskinder. Mischa, der schon seit zehn Jahren beim Zirkus ist, Igor, der an den Herausforderungen des Teamworks scheitert und Danja, der im Zirkus eine neue Familie findet. Eine weitere Hauptakteurin ist Nastja, ein Strassenkind, die nie Teil des Zirkus´ wird.

Der Film begleitet die Entwicklung dieser Kinder und ihr Leben auf der Strasse, im problematischen Elternhaus und im Zirkus.

 

Über ein Jahr verteilt wurde dreimal in St. Petersburg gedreht, so die Regisseurin und Videojournalistin Verena Endtner. Dadurch werden die Entwicklung der Kinder, die Fortschritte sowie Rückschläge, sichtbar.

 

Harte Strassenrealität

Mischa, der es geschafft hat der Strassenwelt zu entfliehen, ist heute selbst Akrobatiktrainer. Die gleichaltrige Nastja hingegen ist ein Strassenkind, das nie das Glück hatte, vom Zirkus entdeckt zu werden. Sie wurde von ihrer Mutter, um Geld aufzutreiben, auf die Strasse geschickt und schlägt sich mit Betteln, Diebstahl und Gelegenheitsjobs durch.

Diese Kehrseite lässt beim Zuschauer trotz aller Erfolge, die der Zirkus vollbringt, ein ambivalentes Gefühl zurück. Jedes dieser Kinder hätte Nastjas Schicksal erleiden können.

 

Das unstete Strassenleben wirkte sich auch auf die Dreharbeiten aus. “Wir wussten nie, ob Nastja das nächste Mal noch da sein würde”, erzählte Verena Endtner beim Filmscreening an den Solothurner Filmtagen. “Wir hinterliessen ihr jeweils an mehreren Orten Nachrichten und wenn sie wollte, tauchte sie auf oder eben auch nicht.”

Als Dokumentarfilmerin hat Endtner bereits verschiedene Projekte realisiert. Darunter eine Dokumentation über den Mitarbeiterstreik der Seeländer Firma Zyliss.

 

Keine Wohlfühloase

Die bunte Zirkuswelt steht in frappantem Gegensatz zur grauen Realität der Strasse, der Suppenküchen und der Sozialeinrichtungen, die im Film ebenfalls gezeigt werden. Trotz fröhlicher Momente, schafft die Dokumentation keine Wohlfühloase, sondern weist auf den dringlichen Handlungsbedarf hin.

 

Rund 16’000 Kinder leben in St. Petersburg auf der Strasse, wobei genaue Statistiken schwer zu erheben sind. Die Kinder führen ein Schattendasein in Kellern und Suppenküchen und werden von der Gesellschaft weitgehend ignoriert. Viele von ihnen fliehen vor häuslicher Gewalt oder stammen aus ungeregelten Verhältnissen. Regelmässig führt die Polizei Razzien durch und verfrachtet die Kinder in Verwahrungsanstalten oder in staatliche Waisenhäuser.

Die Zahlen bezüglich ihrer Zukunftsaussichten erschrecken: Laut dem Bildungsministerium der Russischen Föderation wird der Grossteil der Jugendlichen nach dem Waisenhaus kriminell und drogenabhängig.

 

Glück im Unglück

“Glückspilze”, das sind diejenigen Kinder, die es zum Zirkus Upsala schaffen. Berührend ist, wie dort versucht wird, das Unmögliche zu vollbringen. “Beeindruckt haben mich vor allem die Lebensfreude der Kinder und ihr Glaube an das Gute, trotz allem”, so Dan Riesen, Produzent und Kameramann des Films.

Gemeinsam mit der Berner Filmemacherin stand er dem Publikum an den Filmtagen Rede und Antwort.

 

Die Kinder erhalten vor allem auf den Tourneen eine Plattform, auf der sie Helden sind und nicht als Strassenkinder abgestempelt werden. Zuhause können sich die Kinder nur schwer vom Strassenkind-Image lösen, zu stark ist das negative Bild in der Gesellschaft verankert.

Im Film wird auch klar, dass der Zirkus nicht automatisch eine gesicherte Zukunft für die Kinder bedeutet. Einige können weiterhin als Trainer mitarbeiten, andere müssen den Zirkus verlassen und sich fortan selbst durchschlagen.

Der Dokumentarfilm bietet einen Einblick in diese gesellschaftliche Realität, ohne Wertung und ohne Beschönigung.

 


 

 

“Glückspilze” ist noch in den Arthouse Kinos zu sehen. In der Deutschschweiz war Filmstart am 16. Januar 2014.