Online den perfekten Partner finden

Online-Dating Plattformen versprechen viel. Egal, ob man ein erotisches Abenteuer oder die grossen Liebe sucht: Dating-Plattformen versprechen jedem und jeder den passenden Partner oder die passende Partnerin. Aber funktioniert das wirklich? Beziehungsexperten jedoch warnen auf diversen Internetseiten vor Online-Dating, denn: Diese Bekanntschaften seien meist nur von kurzer Dauer. Aber eine Studie aus den USA hält dagegen. Forscher der Universität Chicago haben bestätigt, dass Leute, die sich online kennengelernt und später geheiratet haben, langlebigere Ehen führen als andere Paare.

 

Beziehungsexperten sind geteilter Meinung

Die Soziologin Eva Illouz  verurteilt in ihrem Buch „Liebe darf wehtun“ die Online-Dating Plattformen, da sie ihrer Meinung nach vorgaukeln, den perfekten Partner mit Hilfe einer Liste von Eigenschaften zu finden. Ganz anders sieht dies Stella Zeco von Parship: Obwohl sie zugibt, dass nur wenige der Parship-Paare eine fast hundertprozentige Übereinstimmung haben, glaubt sie zumindest an die Möglichkeit, seinen perfekten Partner online zu finden und erzählt von einem Paar, welches sich seit Jugendjahren kannte, aber erst über Parship zueinander gefunden hat und nun glücklich verheiratet ist.

 

Verfälschungen und neue Formel

Einen passenden Partner zu finden ist aber auch online nicht leicht. Einerseits sind nicht alle User von Online-Dating Plattformen bei ihren Angaben ehrlich. Andererseits werden nie alle Persönlichkeitsmerkmale einbezogen. Dies ist laut Parship gar nicht möglich. Jedoch werden die Persönlichkeitstests immer wieder angepasst. Vollkommen verloren geht der erste Eindruck, wenn man sich persönlich trifft. Egal wie sympathisch man sich zuvor findet, der erste reale Eindruck kann viel verändern. Diese Faktoren führen zu einer Verfälschung des Ergebnisses. Forscher der Universität von Iowa wollen nun das Internet-Dating mit Hilfe eines neuen Algorithmus verbessern. Dabei werden zwei Faktoren berücksichtigt: der Geschmack, also welchen Typ Frau oder Mann der User bereits kontaktiert hat, und Attraktivität, damit ist die Anzahl Reaktionen auf die Anfragen gemeint. Tests sollen belegen, dass diese Methode erfolgreicher ist als vorherige, bei welcher dieser Faktor nicht einberechnet wurde. Die meisten Plattformen in der Schweiz verwenden die neue Formel nicht und geben gegenüber Tink.ch zu, nichts von deren Existenz gewusst zu haben.

 

Vorteile von Online-Dating gegenüber Reallife-Dating

Internet-Dating hat auch seine Vorteile. Laut den Plattformen soll den Usern eine grosse Auswahl an passenden Partnern vorgeschlagen werden. eDarling meint, man könne im Internet ohne grossen Aufwand jemanden kennenlernen. Palverlag.de behauptet, die Hemmschwelle mit jemandem Kontakt aufzunehmen, sei im Internet um ein Vielfaches geringer. T-online.de schliesst sich dem an und merkt an, dass sich Online Dating vor allem an schüchterne, ausgangsscheue Menschen richtet. Die einfache Integrierung des Online-Datings in den Tagesablauf, da man auf diesen Portalen 24 Stunden online sein kann, sei ein weiterer Pluspunkt. Stella Zeco von Parship meint, dass man sich auf solchen Plattformen mehr mit den möglichen Partnern befasst.

 

Risiken und Nebenwirkungen

Trotz vieler Vorteile des Online-Datings birgt es auch Gefahren und Risiken. Im Internet kann jeder sich für Jeden ausgeben. Sicherheit ist auch auf den Webseiten der Vermittlungsbörsen ein grosses Thema. Parship bietet eigens für diesen Zweck einen kostenlosen ID-Check an. EDarling  und ElitePartner haben auf ihren Websiten Leitfäden für sicheres Online Dating platziert. Ein anderes Risiko ist, dass man im Original ganz anders ist als im Internet. Zudem ist Online-Dating teuer und eine echte Schuldenfalle. Auch die Chance, unter den unzähligen Vorschlägen den perfekten Partner zu finden, ist eher gering. Dies schreibt sogar edarling.ch auf ihrer Webseite. Zudem erwähnen sie, dass einige User nur auf einen kurzen Flirt oder eine heisse Nacht aus sind, während andere nach der ganz grossen Liebe suchen.

 

Reallife oder Online?

Ob man online wirklich den richtigen Partner finden kann, ist immer noch umstritten. Obwohl einige Faktoren dafür sprechen, gibt es auch einige Nachteile. Aus diesem Grund sollte jeder selbst entscheiden, ob er das Abendteuer Online-Dating wagen will oder nicht. Schliesslich weiss man nie, wo man die grosse Liebe trifft- und ob man sie überhaupt trifft.

Das Geschäft mit dem Tod läuft schlecht

Einer von 500 Franken, welche Schweizer Firmen mit exportierten Waren einnehmen, stammt aus Kriegsmaterialexporten. “Gemessen an der gesamten Warenausfuhr ist dieser Anteil relativ klein”, sagt Simon Plüss, Leiter Exportkontrolle Kriegsmaterial beim Staatssekretariat für Wirtschaft SECO. Allerdings gebe es in der Schweiz Regionen, die stark von Kriegsmaterialausfuhr abhängig sind. Diese Regionen werden von einem Ertragsrückgang bei exportiertem Kriegsmaterial empfindlich getroffen. Denn im Vergleich zum Vorjahr hat die Schweiz 2013 einen Drittel weniger eingenommen – in absoluten Zahlen sind das noch 460,2  Millionen.

 

Für Jo Lang von der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) ist das dennoch kein Grund zur Freude: “Betrachtet man den Rückgang im Vergleich zu den Jahren 2006 bis 2010, stellt man fest, dass es sich eher um eine Normalisierung handelt.” In den Jahren 2011 und 2012 sei dagegen überdurchschnittlich viel Kriegsmaterial exportiert worden.

 

Politik will Gesetz lockern

Trotzdem will die Rüstungsindustrie das Gesetz über die Ausfuhr von Kriegsmaterial anpassen lassen. Neu sollen auch Lieferungen nach Saudi-Arabien möglich werden. Der Bundesrat unterstützt das Vorhaben, der Ständerat hat bereits zugestimmt. Kommende Woche wird das Geschäft im Nationalrat beraten. Folgt der Rat der vorberatenden Sicherheitskommission, dürfte er ebenfalls zustimmen.

 

Lieferungen nach Saudi-Arabien sind nach geltendem Recht verboten, da es in dem Land zu systematischen Menschenrechtsverletzungen kommt. Schweizer Firmen lieferten 2013 dennoch im Rahmen der zulässigen Ersatzteillieferungen Kriegsmaterial im Wert von fast 22 Millionen. Der Wüstenstaat ist damit der wichtigste Abnehmer im arabischen Raum.

 

Der SVP-Nationalrat und ehemalige Kampfjetpilot Thomas Hurter erklärte heute, für die Schweiz sei zentral, als neutrales Land über die Fähigkeiten zur Waffenproduktion zu verfügen. Diese sei nur gewährleistet, wenn Schweizer Firmen im internationalen Markt für Kriegsmaterial gleich lange Spiesse haben, wie europäische Kontrahenten. “Waffen sind immer Spiesse”, so Hurter, “zum Teil mit schrecklichen Folgen.” Allerdings kontrolliere die Schweiz sehr streng, wer Waffen erhalte. So habe die Schweiz während der Eskalation in der Ukraine die Waffenexporte in das osteuropäische Land unterbunden.

 

Verfünffachung bei Klein- und Leichtwaffen

Diese Kontrolle tauge nichts, entgegnet Jo Lang: “Waffen, die vor einigen Jahren in diese Länder geliefert wurden, stehen den Machthabern auch heute noch zur Verfügung.” Und tatsächlich hat die Schweiz ihre Waffenlieferungen in die Ukraine erst im Februar gestoppt, nachdem bei den Protesten in Kiev Menschen getötet wurden. Im Jahr 2013 wurden Waffen für 180’000 Franken in die Ukraine geliefert. Im Jahr 2012 war es laut Handelszeitung sogar Kriegsmaterial für 700’000 Franken. Die neuen Machthaber werfen dem alten Präsidenten vor, den Sicherheitskräften bei den Demonstrationen den Schiessbefehl erteilt zu haben; Janukowitsch bestreitet dies.

 

Vom Rückgang der Schweizer Waffenexporte sind indes nicht alle Sparten gleichermassen betroffen. Während die zuständige Stelle beim SECO vor zwei Jahren noch die Ausfuhr von 9’697 Klein- und Leichtwaffen bewilligte, waren es 2013 46’178 Stück – eine Verfünffachung. Simon Plüss vom SECO sagt dazu: “Es ist richtig, dass es eine Zunahme gegeben hat, aber diese Zunahme ist nicht extrem stark.” Vielmehr hätten einzelne Geschäfte zu dieser Entwicklung geführt.

 

Der Mehrumsatz beträgt rund drei Millionen Franken. Als Kleinwaffen gelten Pistolen und Gewehre, welche durch eine Person bedient werden können. Unter leichten Waffen werden etwa grössere Gewehre verstanden, die von mehr als einer Person bedient werden. Für Jo Lang ist damit klar, dass mehr Waffen ins Ausland gelangten, die von Staaten auch gegen die eigenen Bürger eingesetzt werden können.

Darfur: Der vergessene Krieg

Es hätte alles so schön ausgehen können. Berühmtheiten, vor allem aus den USA und allen voran Hollywoodstar George Clooney, machten sich daran den Sudan zu befrieden und die Region endlich aus ihrem Leid zu befreien. Vor fast zehn Jahren war das. Amnesty International und ein Bericht der Vereinten Nationen machten die westliche Öffentlichkeit auf das Sterben in Darfur aufmerksam. George Clooney sprach infolgedessen mit Barack Obama und schickte einen Brief an Angela Merkel. 2011 wurde der Südsudan, auf internationalen Druck hin, in die Unabhängigkeit entlassen. In Darfur, der Westprovinz des Sudans, brodelte es jedoch unbemerkt weiter. Doch wie kam es eigentlich zum Bürgerkrieg in der Region?

 

“Der Sudan ist das Ergebnis einer ungezügelten Entwicklung des 19. Jahrhunderts”, sagt Professor Zach vom Institut für Afrikawissenschaften an der Universität Wien. Die europäischen Großmächte ermunterten damals Ägypten, große Gebiete bis in den Norden Ugandas zu besetzen. “Es wurde damit ein ziemlich instabiles Gebilde geschaffen, das aus den beiden Teilen eines arabisch dominierten Nordens und zum anderen des afrikanisch geprägten Südens bestand. Diese Konstruktion, seit 1898/99 anglo-ägyptisches Kondominium [Großbritannien und Ägypten teilten sich die Herrschaft. Anmerkung der Redaktion] und ab 1956 in die Unabhängigkeit entlassen, die Probleme schon damals in sich.” sagt Professor Zach.

 

Im Sudan lebten bis zur Unabhängigkeit des Südsudan mehr als 200 verschiedene Ethnien. Der Konflikt zwischen den beiden Regionen existierte schon seit dem Beginn der 1960er Jahre und war, Zach zufolge, Ausdruck einer jahrzehntelangen Marginalisierung der Grenzregionen. Misswirtschaft, Korruption, Nepotismus und Ausbeutung führten 2003 letztlich zum Ausbruch des Krieges in Darfur. Von der Zentralregierung in Khartum wurden regierungstreue Milizen bewaffnet, die seitdem versuchen, sich in Darfur durchzusetzen. “Das Ergebnis war, dass hier auch lokale ethnische Konflikte, die es über Jahrzehnte, oder eigentlich Jahrhunderte gab, mit einer neuen Qualität geführt werden”, erklärt Zach weiter.

 

Weiterer Zündstoff: Staudammbau und ausländischer Einfluss

Neben den teils lokalen ethnischen Konflikten, spielen auch natürliche Ressourcen wie Öl und der Einfluss anderer Länder auf die Region eine Rolle. “Ein wichtiger Faktor ist sicher das Erdöl. China ist der größte Handelspartner; dreiviertel des Außenhandles bestritt der Sudan vor der Separation des Südsudan mit der Volksrepublik China” sagt Professor Zach. Der Handel mit China beschränkt sich nicht nur auf das Öl, das Land baut auch Staudämme am Nil. Diese werden jedoch nicht von Sudanesen gebaut sondern durch chinesische Arbeiter, die in abgeschotteten Siedlungen wohnen. Da sei natürlich auch entsprechendes Konfliktpotential vorhanden. Die Bevölkerung im Einzugsbereich der Staudämme wird mit Gewalt umgesiedelt. Es werden ganze Ethnien umgesiedelt und in fremde Regionen mit anderer Kultur umgesiedelt. “Damit zerstört man natürlich auch die Identität der Menschen” sagt Professor Zach.

 

Verselbständigung und mögliche Fragmentierung des Landes

Durch die massive Aufrüstung verschiedener Gruppierungen in Darfur und im Südsudan hat sich der Konflikt verselbständigt. Professor Zach: “Ich denke, Khartum hat die Kontrolle auf lokaler Ebene längst verloren. Es werden inzwischen innerethnische Konflikte ausgefochten, die jahrhundertelang am Köcheln sind.” Mit der Unabhängigkeit des Südsudans könnte ein Dominoeffekt entstehen, gleichzeitig steuert die Region einer Balkanisierung entgegen und zusätzlich könnten neue Armenhäuser entstehen, warnt Professor Zach.

 

Abschreckendes Beispiel Südsudan

Einen unabhängigen Staat Darfur sieht Zach kritisch. Er sieht den Südsudan als abschreckendes Beispiel, besonders weil der neue Staat von einer Ethnie beherrscht wird. “Dort befinden sich ausschließlich Dinka in den Machtpositionen. Der Staatspräsident ist Dinka, der Ministerpräsident ist Dinka, die Regierung ist von den Dinka dominiert. Wenn es kein Dinka ist, dann ist zumindest der Staatssekretär Dinka. Ebenso ist der Grenzverlauf bis heute nicht geklärt. Aufgrund der nomadischen Lebensweise der nördlich und südlich der Grenze ansässigen Ethnien und der Erfordernis, beispielsweise ihr Vieh entsprechend der Regenzeiten über die künstlich angelegte Grenze zu führen, keinen Sinn macht.”

 

Aussicht auf ein Ende?

Der Konflikt ist vielschichtig und die Missionen der UNO und Afrikanischen Union verfügen kaum über die Fähigkeit die Kämpfe einzudämmen. “Ich kann nicht erkennen, dass es deren Intervention große Auswirkung hat. Dazu sind es zu wenig, dazu verfügen sie über zu wenig Mittel. Ich sehe die UNO-Mission eher als symbolische Geste”, zeigt sich Zach kritisch bezüglich der internationalen Missionen. Der internationale Haftbefehl gegen Sudans Präsident Baschir hat die Lage nicht einfacher gemacht. Seitdem sind die anwesenden NGOs in ihrer Bewegungs- und Handlungsfreiheit massiv eingeschränkt. Die Regierung in Karthum hätte Probleme die Macht überhaupt noch zu erhalten und ist zunehmend mit Protesten konfrontiert. Ist der Konflikt überhaupt lösbar und was müsste geschehen? Professor Zach: “Ich denke es müsste auch in Khartum zu einem Umdenken kommen, an dessen Ende ein demokratischer Umstrukturierungsprozess steht.” Ob das passieren wird ist jedoch ungewiss.

Links

Integrationsmotor Arbeit

Pünktlich um acht Uhr morgens eröffnet Andreas Wälchli, der Verantwortliche für das Betriebscenter, das tägliche Briefing. Seine Erklärungen zum Thema Kompensation sind einfach gehalten und in einem gemächlichen Hochdeutsch vorgetragen. Die weiteren Inhaltspunkte betreffen die Abwesenheitsliste und einen kurzen Austausch mit den Gruppenleitenden, um festzustellen, wo wie viele Leute für den Morgen eingeteilt sind. Danach beginnt der reguläre Betrieb.

 

Es ist Dienstagmorgen. Wir befinden uns im Betriebscenter des Berner Kompetenzzentrums für Integration an der Seilerstrasse. “Ein Drittel der Teilnehmenden hat mich verstanden, ein Drittel hat das Gesagte teilweise verstanden und ein Drittel hat nichts verstanden”, lautet die Einschätzung von Wälchli nach dem Briefing. Der Zugang zu den Arbeitsprojekten für vorläufig Aufgenommene und anerkannte Flüchtlinge ist bereits mit wenigen Deutschkenntnissen möglich. Im Betriebscenter wird daher oft mit Bildern gearbeitet. Übersetzungen werden möglichst vermieden, um das Erlernen der deutschen Sprache zu fördern.

 

Bernmobils Team Sauber

Die Bandbreite der Arbeitsprojekte des Kompetenzzentrums Integration reicht von Landschaftspflege über interne Arbeiten bis hin zu einem Projekt bei Bernmobil: das Team Sauber. Die Teammitglieder sammeln Zeitungen und Abfälle ein, welche im Verlauf des Tages von Fahrgästen in den Berner Trams und Bussen liegengelassen werden. Seit der Einführung des Projekts 2004 hat sich der Aufgabenbereich ausgeweitet. Einige Gruppen kümmern sich mittlerweile auch um die Graffitis an den Haltestellen oder um die Aufwertung der Sitzbänke mittels Neulackierung in der hauseigenen Werkstatt. Die Projekt-Teilnehmenden, die in der Stadt unterwegs sind, erledigen ihre Aufgaben zügig, je nach Tätigkeit sind sie alleine unterwegs oder in kleinen Gruppen. Trotz ihrer hellen Westen scheinen sie den Passanten nicht aufzufallen.

 

Arbeitstraining statt Lohnarbeit

Die Projekt-Teilnehmenden erhalten für ihre Arbeit im 50-Prozent-Pensum ein Maximum von 200 Franken Motivationszulage im Monat und das Verbundsabonnement für den Berner ÖV. Werden die anerkannten Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen als billige Arbeitskräfte ausgenutzt und mit 2.30 Franken pro Stunde unterbezahlt? Ja, meint Bleiberecht Bern, einer Organisation, die sich unter anderem für vorläufig Aufgenommene einsetzt und gegnüber Tink.ch als Kollektiv zitiert werden möchten. Die Arbeit, die von den Teilnehmenden verrichtet wird, ist wertvoll und solle auch entsprechend entlöhnt werden. Kritisch empfindet Bleiberecht Bern vor allem, dass die Arbeitsbedingungen im Fall Team Sauber nicht den Standards der Reinigungsbranche entsprechen würden.

 

Der Pressesprecher von Bernmobil äussert sich gegenüber Tink.ch zu den Vorwürfen und stellt fest, dass es in dem Projekt nicht um eine klassische Arbeit für ein Entgelt gehe, sondern darum, den Teilnehmenden eine Tagesstruktur zu verschaffen und ihre Wartezeit sinnvoll zu überbrücken. Dies fördere das Wohlbefinden, die Gesundheit und die Integration.

 

Bestätigt wird dies auch von Ursula Heitz, Leiterin des Kompetenzzentrums Integration. Sie betont: “Es handelt sich um ein Bildungs- und Beschäftigungsprogramm.” Neben den regelmässigen Arbeitseinsätzen werden die Teilnehmenden zusätzlich durch Bildungsmodule und Sprachkurse gefördert. Nebst ihrem freiwilligen Engagement sind die Integrationswilligen folglich von der Sozialhilfe abhängig und erhalten Grundbedarf, Unterkunft sowie medizinische Versorgung vom Staat. Bleiberecht Bern sieht in den Arbeitsprojekten deshalb vor allem den Hintergedanken, ökonomisch unrentable Arbeiten an die Schwächsten der Gesellschaft abzugeben.

 

Schweizer Tugenden vermitteln

Die Verwechslung des Trainings mit regulärer Arbeit würden laut Wälchli auch die Teilnehmenden selbst von Zeit zu Zeit machen. “Primär geht es darum, den Teilnehmenden die Kompetenzen Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Kontinuität, Flexibilität, angepasstes Verhalten sowie Leistung  zu vermitteln”, so Wälchli. Alle vom Kompetenzzentrum organisierten Arbeitseinsätze dauern offiziell zwischen sechs und zwölf Monaten. Diese Dauer lässt sich bis auf zwei Jahre ausweiten. Nach Ablauf dieser Frist müssen die Betroffenen ihren Platz im Programm des Betriebscenters für andere freigeben, erläutert Wälchli den Ablauf.

 

Steigende Beliebtheit

Die grosse Nachfrage vonseiten der anerkannten Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen reicht soweit, dass eine Warteliste besteht. Ferner hat sich der Umfang des Projektes bei Bernmobil vergrössert. Die zu Beginn kleine Gruppe hat sich auf rund 80 Personen ausgeweitet. Die grosse Beliebtheit zeigt sich ebenso in den Rückmeldungen, welche das Kompetenzzentrum von ehemaligen Teilnehmenden erhält. Laut Ursula Heitz seien diese durchwegs positiv.

 

Das Team Sauber sammelt jährlich rund 30 Tonnen Abfall, von welchen fast 90 Prozent recycelt werden können. Für ihre Arbeit erhielt das Team deswegen 2013 den Umweltpreis der Stadt Bern. Dieser wird seit 2009 alle zwei Jahre vom Amt für Umweltschutz an Projekte vergeben, welche die Umweltbilanz der Stadt Bern verbessern und Vorbildcharakter besitzen. Die Tatsache, dass die anerkannten Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen bei Bernmobil den Preis erhielten, dürfte ein Zeichen dafür sein, dass die Arbeit wertgeschätzt wird. Aus Sicht von Bleiberecht Bern müsste diese Anerkennung gerade deshalb durch eine gerechtere Entlöhnung stattfinden.

Missbrauch der Religion – Treibstoff des Terrorismus

Religiöser Extremismus ist die grösste Quelle an globaler Zwietracht und muss mit vereinten Kräften bekämpft werden. Das behauptet Tony Blair in seinem Schreiben an The Observer, einer britischen Wochenzeitung. Dabei nimmt er unter anderem Bezug auf die Konflikte in Syrien, Ägypten, Pakistan, Nigeria und Burma, die weiter andauern und auf keine Lösung hoffen können. “Alle diese Konflikte haben eines gemeinsam: Die Akte des Terrorismus werden angetrieben von Menschen, die motiviert sind vom Missbrauch der Religion.” Ob die Religion aus politischen oder aus anderen Gründen missbraucht werde, sei dabei nicht von Bedeutung.

Militärische Aktionen sind nicht die Lösung

Durch seinen Appell will Tony Blair die Gesellschaft darauf aufmerksam machen, dass ihr Bild vom Extremismus nicht ganz korrekt sei und die Problematik zu einem gewissen Teil auch fördere: “Obwohl viele Konflikte momentan im Nahen Osten stattfinden, beschränkt sich der Extremismus nicht nur auf die islamistische Ausrichtung. Es gibt auch viele Beispiele auf der Welt, in denen Muslime die Opfer von religiös-motivierten Gewaltverbrechen sind.”

Der ehemalige Premierminister erhebt gleichzeitig auch einen mahnenden Finger gegen die nordamerikanischen und europäischen Mächte: “Die westlichen Regierungen müssen ihre Annäherungsversuche für den Kampf gegen den Terrorismus neu überdenken. Mit militärischen Aktionen packt man das Problem nicht an der Wurzel. In der Vergangenheit hat man sich zu sehr auf die politischen Ziele konzentriert”, sagt Blair.

Das Internet als Waffe gegen die Diktatur

Tony Blair führte 2003 die Armee des Vereinigten Königreichs in den Irakkrieg und ist heute Sondergesandter der Nahost-Union, ein Quartett aus der EU, der UNO, Russland und den Vereinigten Staaten. Seit ihrer Gründung 2002 setzt sie sich mit der Problematik im Nahen Osten auseinander. Ein primäres Werkzeug gegen Extremismus sieht Tony Blair im Internet und fordert deshalb einen grenzenlosen und unzensierten Zugriff auf das World Wide Web in den kriegsgeschundenen Drittweltländern. Es sei eine Aufgabe der westlichen Regierungen, die Demokratie und die Freiheit auf friedliche Weise in den Ländern einzuführen.

“Das ist einfach dumm, was Blair gesagt hat.”

Der deutsche Historiker und einer der führenden Experten für Fundamentalismus, Wolfgang Wippermann, kann den Lösungsvorschlägen Blairs nichts abgewinnen: “Extremismus gibt es nicht. Es handelt sich um ein Konstrukt, in dem linke und rechte Bewegungen sich zu weit von einer niemals genau definierten Mitte entfernt haben sollen. Man kann lediglich gegen antidemokratische Bestrebungen wie Fundamentalismus und Rassismus vorgehen. Das ist einfach dumm, was er da gesagt hat.”

Auch das von Tony Blair als Waffe bezeichnete Internet bringe keinerlei Vorteile, sagt Wippermann: “Das Internet wird von allen benutzt – Faschisten wie Antifaschisten, Fundamentalisten wie Aufklärern. Es kommt nur darauf an, wie das geschieht.” In einigen Punkte kann Wolfang Wippermann Tony Blair allerdings zustimmen: “Mit militärischen Interventionen kann man den Fundamentalismus nicht überwinden. Was die weltweite Bekämpfung von Fundamentalismus angeht, so sind wir Weltbürger dazu aufgerufen.Wichtig ist für Wippermann auch, dass man Fundamentalismus nicht nur als rein islamisches Konstrukt versteht: “Die Leute, die das machen, kritisieren den ‘Splitter’ und übersehen dabei den ‘Balken’ in ihren Augen.”


Der deutsche Historiker Prof. Dr. phil. Wolfang Wippermann ist ein renommierter linker Kritiker von Extremismustheorien. Er ist Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Autor zahlreicher Bücher zu Rassismus, Faschismus, Fundamentalismus, Nationalsozialismus und Antisemitismus.

 

 

“Wie man getrunken hat, weiss man das Rechte”

Ich befand mich in einer persönlichen Tragödie: Sie bestand zunächst darin, Faust von Goethe lesen zu müssen. Obwohl ich gerne lese, machte mir das Buch zu Beginn grosse Mühe. Die verstaubten Formulierungen, die Verse, die geschwollene Sprache. Nach 33 Seiten klappten meine Augen gemeinsam mit dem Buchdeckel zu. Am nächsten Tag fragte ich mich, in welchem Zustand man sein müsste, um ihn zu verstehen. Den Faust, den Goethe?

 

Ich entschloss mich dazu, den Rat meines Deutschlehrers anzunehmen und das Geschriebene laut zu lesen. So fand ich mich im Wohnzimmer wieder, lauthals die folgenden Verse sprechend:

“Nein, er gefällt mir nicht, der neue Bürgermeister!

Nun, da ers ist, wird er nur täglich dreister, …”

 

Aber auch das schien keine Lösung zu sein. Ich fing an zu lachen, als ich begriff, in welcher Situation ich mich befand. Mir fehlte definitiv das Publikum. Denn was ist schon ein Schauspiel ohne Publikum? Nicht umsonst hat Goethe den Faust als Theaterstück geschrieben. Er wollte es lebendig gestalten, schliesslich sollte er verstanden werden.

 

Verstaubte Sprache?

Manche Bücher, so scheint es mir, wurden nur geschrieben, um zu zeigen wie schlau ihr Autor war. Nicht dieses. Gewöhnt man sich erstmals an den Stil, so kann man sich an der Schönheit und Vielfalt der deutschen Sprache erfreuen. Eine Vielfalt, die in der heutigen Zeit in Vergessenheit geraten scheint. Dass dies aber nicht der Fall ist, beweisen die wohl am meisten zitierten Worte Goethes, die in der Originalfassung wie folgt lauten: “Er kann mich im Arsche lecken.” Der Volksmund kürzte diesen melodischen Ausdruck und machte daraus: “Er kann mich am Arsch lecken.”

 

Betrunkener Faust

Man sollte das Buch nicht nur als eine Handlung lesen, sondern gleichwohl auch den Klang, die Melodie der Sprache, auf sich wirken lassen. Wem dies nicht leicht fällt, empfehle ich ein, zwei Gläser Wein zu trinken. Die zweite Hälfte des ersten Teils habe ich in einem mehr oder weniger angetrunkenen Zustand gelesen. Meine Vermutung, das Buch liesse sich so besser verstehen, hat sich als wahr erwiesen.

Goethe hat einmal gesagt: “Solange man nüchtern ist, gefällt das Schlechte; wie man getrunken hat, weiss man das Rechte.”

Vor allem, weil ich mir nun keine Gedanken mehr um Wörter machte, die ich nicht verstanden habe. Ich habe das Buch als Melodie gelesen und als Melodie verstanden.

 

“Salamander soll glühen,

Undene sich winden,

Sylphe verschwinden,

Kobold sich mühen.”

 

Auch wenn ich keine Ahnung habe was Undene oder Sylphe sein könnte, habe ich verstanden, dass es ein Zauberspruch ist.

 

Inspiriert durch Verse und den Wein,

war das Buch nun kaum mehr eine Pein.

Der Faust ist keine geballte Hand,

vielmehr ein Mensch, der durch ein Pakt gebannt,

sich quält vom Himmel durch die Hölle und zurück.

Der auf der Suche ist nach seinem Glück,

nach allem Wissen auf der Welt so schrecklich strebt,

und wissen will, was denn die Welt im Innersten zusammenhält.

Doch all das Wissen, merkt er bald

Ist kaum was wert, wenn doch der Sinn gespannt,

drauf wartet stimuliert zu werden

sich zu verlieben, um daran zu sterben.

Links

Akrobatik statt Strassenleben

Eine Aufnahme der prunkvollen Bauten St. Petersburgs, ein Blick über die goldenen Kuppeln und klassizistischen Paläste. Sie alle ziert eine dünne Decke Schnee, die Zarenstadt wird als Postkarten-Motiv inszeniert.

Damit beginnt der Dokumentarfilm “Glückspilze”. Das Thema ist weniger idyllisch, als das Anfangsbild vermuten lässt. Porträtiert wird der “Zirkus Upsala”, der sich verwahrlosten Kindern annimmt und ihnen eine Alternative zur Strasse bietet.

 

Im Jahr 2000 wurde das Projekt von Astrid Schorn und Larissa Afanasyeva initiiert. Seither versucht es zu leisten, was das Sozialsystem nicht vermag: Kindern, die auf der Strasse leben, eine Perspektive und die Möglichkeit zur Reintegration zu bieten.

 

Strassenkinder als Hauptdarsteller

Der Film, der letztes Jahr in Festivals rund um die Welt gezeigt wurde, porträtiert keinesfalls nur einen Zirkus, auch das soziale Umfeld wird miteinbezogen.

Die vier Protagonisten sind Strassen- und Zirkuskinder. Mischa, der schon seit zehn Jahren beim Zirkus ist, Igor, der an den Herausforderungen des Teamworks scheitert und Danja, der im Zirkus eine neue Familie findet. Eine weitere Hauptakteurin ist Nastja, ein Strassenkind, die nie Teil des Zirkus´ wird.

Der Film begleitet die Entwicklung dieser Kinder und ihr Leben auf der Strasse, im problematischen Elternhaus und im Zirkus.

 

Über ein Jahr verteilt wurde dreimal in St. Petersburg gedreht, so die Regisseurin und Videojournalistin Verena Endtner. Dadurch werden die Entwicklung der Kinder, die Fortschritte sowie Rückschläge, sichtbar.

 

Harte Strassenrealität

Mischa, der es geschafft hat der Strassenwelt zu entfliehen, ist heute selbst Akrobatiktrainer. Die gleichaltrige Nastja hingegen ist ein Strassenkind, das nie das Glück hatte, vom Zirkus entdeckt zu werden. Sie wurde von ihrer Mutter, um Geld aufzutreiben, auf die Strasse geschickt und schlägt sich mit Betteln, Diebstahl und Gelegenheitsjobs durch.

Diese Kehrseite lässt beim Zuschauer trotz aller Erfolge, die der Zirkus vollbringt, ein ambivalentes Gefühl zurück. Jedes dieser Kinder hätte Nastjas Schicksal erleiden können.

 

Das unstete Strassenleben wirkte sich auch auf die Dreharbeiten aus. “Wir wussten nie, ob Nastja das nächste Mal noch da sein würde”, erzählte Verena Endtner beim Filmscreening an den Solothurner Filmtagen. “Wir hinterliessen ihr jeweils an mehreren Orten Nachrichten und wenn sie wollte, tauchte sie auf oder eben auch nicht.”

Als Dokumentarfilmerin hat Endtner bereits verschiedene Projekte realisiert. Darunter eine Dokumentation über den Mitarbeiterstreik der Seeländer Firma Zyliss.

 

Keine Wohlfühloase

Die bunte Zirkuswelt steht in frappantem Gegensatz zur grauen Realität der Strasse, der Suppenküchen und der Sozialeinrichtungen, die im Film ebenfalls gezeigt werden. Trotz fröhlicher Momente, schafft die Dokumentation keine Wohlfühloase, sondern weist auf den dringlichen Handlungsbedarf hin.

 

Rund 16’000 Kinder leben in St. Petersburg auf der Strasse, wobei genaue Statistiken schwer zu erheben sind. Die Kinder führen ein Schattendasein in Kellern und Suppenküchen und werden von der Gesellschaft weitgehend ignoriert. Viele von ihnen fliehen vor häuslicher Gewalt oder stammen aus ungeregelten Verhältnissen. Regelmässig führt die Polizei Razzien durch und verfrachtet die Kinder in Verwahrungsanstalten oder in staatliche Waisenhäuser.

Die Zahlen bezüglich ihrer Zukunftsaussichten erschrecken: Laut dem Bildungsministerium der Russischen Föderation wird der Grossteil der Jugendlichen nach dem Waisenhaus kriminell und drogenabhängig.

 

Glück im Unglück

“Glückspilze”, das sind diejenigen Kinder, die es zum Zirkus Upsala schaffen. Berührend ist, wie dort versucht wird, das Unmögliche zu vollbringen. “Beeindruckt haben mich vor allem die Lebensfreude der Kinder und ihr Glaube an das Gute, trotz allem”, so Dan Riesen, Produzent und Kameramann des Films.

Gemeinsam mit der Berner Filmemacherin stand er dem Publikum an den Filmtagen Rede und Antwort.

 

Die Kinder erhalten vor allem auf den Tourneen eine Plattform, auf der sie Helden sind und nicht als Strassenkinder abgestempelt werden. Zuhause können sich die Kinder nur schwer vom Strassenkind-Image lösen, zu stark ist das negative Bild in der Gesellschaft verankert.

Im Film wird auch klar, dass der Zirkus nicht automatisch eine gesicherte Zukunft für die Kinder bedeutet. Einige können weiterhin als Trainer mitarbeiten, andere müssen den Zirkus verlassen und sich fortan selbst durchschlagen.

Der Dokumentarfilm bietet einen Einblick in diese gesellschaftliche Realität, ohne Wertung und ohne Beschönigung.

 


 

 

“Glückspilze” ist noch in den Arthouse Kinos zu sehen. In der Deutschschweiz war Filmstart am 16. Januar 2014.

In den Ferien nach Hause?

Wo ist zu Hause? “Ich weiss nicht”, seufzt eine junge Mutter. Mit der kleinen Tochter auf dem Schoss sitzt sie vor einem gut gefüllten Bücherregal. In der Schweiz fühle sie sich auf jeden Fall unglücklich, meint die Frau, die kaum Deutsch zu sprechen scheint.

 

Szenenwechsel. “Unsere Seele hat keine Adresse”, sinniert ein älterer, graumelierter Mann. Auf dem Tischchen vor ihm ein paar Bücher, hinter ihm ein etwas nebliges aber immer noch erkennbar spektakuläres Seepanorama.

 

In einer weniger aussergewöhnlichen, aber gemütlich-modern eingerichteten Wohnung sitzt ein Ehepaar auf dem Sofa. Die kurzhaarige Frau enerviert sich in perfektem Schweizerdeutsch über Leute, die seit Jahrzehnten in der Schweiz wohnten und immer noch davon sprächen, in den Ferien “nach Hause” zu gehen. “Nach Hause?”, fragt die Frau belustigt. “Ich bin jetzt zu Hause!”

 

“Das hier ist doch dein Zuhause!”

Die junge Mutter, der graumelierte Herr, die kurzhaarige Frau und die weiteren Protagonisten – Sie alle stammen aus dem ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien und sind heute – so drückt es der Film aus – im “Kanton Jugoslawien” zu Hause.

 

Der Regisseur Nikola Ilić, ein gebürtiger Belgrader, erzählt gegenüber Tink.ch: “Als ich das letzte Mal in Serbien war, sprach ich davon, zu Besuch zu sein. Da hat sich mein Grosi empört. Wieso zu Besuch, das ist doch dein Zuhause!” Für sei jedoch mittlerweile Luzern, wo er seit sieben Jahre lebt, zu einem Zuhause geworden. Und trotzdem könne und wolle er niemals gänzlich zum “richtigen Schweizer” werden. “Wir können die Lücke zwischen zwei Kulturen schliessen – aber nicht völlig”, meint der graumelierte Herr im Film dazu. Es sei ein besonderes, komplexes Gefühl, wie Ilić erklärt, welches er in Form eines Ensemblefilms ausdrücken wollte. Den 16minütigen Dokumentarfilm stellte er 2013 als Abschlussarbeit seiner Ausbildung an der Luzerner Hochschule fertig.

 

Leben in der Luft

Der Regisseur setzt auf ein Spektrum an unterschiedlichsten Protagonisten, die er in ihrem gewohnten Umfeld porträtiert und mit essentiellen Fragen – Wo ist zu Hause? Wie lebt es sich in der Schweiz? Wer sind die Schweizer “Jugoslawen”? – konfrontiert.

Alle Protagonisten sind in den letzten Jahrzehnten eingewandert und haben ihre ganz persönlichen, aber auch gemeinsame Mühen und Freuden mit dem Leben in der Schweiz. Nach und nach erschliesst sich den Zuschauenden eine Ahnung von diesem Gefühl, diesem Lebenszustand “in der Luft”, wie Ilić präzisiert. Dieses Gefühl ist im Kern kein spezifisch jugoslawisches Phänomen, sondern auch anderen Einwanderern bekannt: Der Regisseur erzählt, dass sich auch Immigranten aus Irland oder den USA im Film wiedererkannt hätten.

 

Vielschichtiges Porträt

Ilić sagt, er stehe hinter jedem einzelnen der von seinen Darstellern abgegebenen Statements. Das Bild, welches er mit der Präsentation all dieser Stimmen und Situationen erschafft, ist vielschichtig und paradox – und lebensnah. Es macht die Masse der in der Öffentlichkeit immer noch allzu oft pauschal als kleinkriminell und schlecht integriert wahrgenommenen “Jugos” diverser und gleichzeitig vertrauter.

 

Ilićs filmisches Porträts verdeutlicht, was eigentlich selbstverständlich ist: Dass hinter jedem einzelnen “Jugoslawen” zuallererst ein Mensch, ein Individuum steckt. Zur ewigen Pauschalisierung, dem einseitigen öffentlichen Bild von “den Jugoslawen”, wird im Film selber auch eine etwas provokante Ansicht präsentiert: Ihr Image werde von ihnen selbst gemacht und könne nur von ihnen selbst verändert werden, ist die Frau mit dem einwandfreien Schweizerdeutsch überzeugt.

 

Weise Worte?

Die Begegnungen mit den unterschiedlichen Protagonisten und Meinungen sind bereichernd und bergen auch abseits der eigentlichen Thematik manche wertvolle Momente in sich. Etwa, wenn ein Protagonist die These aufstellt, es würde hierzulande weniger Burnouts geben, gäbe es wie drüben mehr Kneipen – den Gedanken sogleich als “zu simpel” wieder verwirft, schlussendlich aber darauf zurückkommt, da es eben manchmal doch so einfach sei.

Oder wenn ein anderer das Leben in der Schweiz mit dem in einem gut geschnittenen Anzug vergleicht: präzise aber vorgegeben und unspontan. Oder wenn ein dritter, bezogen auf die verkrampfte Arbeitsmoral der Schweizer, sagt: “Eine gesunde Wirtschaft macht kranke Menschen.”

 

“Die alte Schwyzer”

Während der Film viele spannende und wichtige Fragen aufwirft, vernachlässigt er auch einige. Muss der kulturell-historische Hintergrund eines Menschen tatsächlich derart bestimmend sein, wie im Film davon ausgegangen wird? Und: Wenn “die Jugoslawen” oder “die Serben” keine Einheit sind, wie können es dann “die Schweizer” sein?

Der Film endet mit einer Szene, in welcher Meinrad Lienerts “Die alte Schwyzer” rezitiert wird. “Da ist vieles drin, das du auch auf die Serben anwenden kannst”, schliesst der Vortragende.

Ein versöhnliches und nur scheinbar vereinfachendes Ende – es ist schliesslich mit einem Augenzwinkern zu verstehen.

Links

Handy-Filmanlass oder Konzert?

Glühwürmchen schon im Februar? Ein Blick in die ausverkaufte Festhalle Bern am Dienstagabend hätte durchaus zu diesem Gedanken führen können. Bei all den leuchtenden Punkten handelte es sich aber nicht um eine Horde der sommeraktiven Käfer, sondern um das Publikum der US-amerikanischen Rocker von OneRepublic.

 

Die fünfköpfige Band spulte ein eineinhalbstündiges Set alter und neuer Hits hinunter. Mit Apologize und Something I Need waren die allererste und die aktuellste Single-Auskoppelungen im 17 Lieder langen Set vertreten. Apologize hielt sich nach seiner Veröffentlichung 2007 89 Wochen in den Schweizer Charts und erreichte Platz eins. Steigerungspotenzial besteht beim neusten Werk: Der Bestwert von Something I Need liegt in der Schweiz bei Platz 21. Dem Publikum waren diese Zahlen egal, Hauptsache Livemusik. Während in den vorderen Reihen die eingefleischten Fans aus voller Kehle kreischten und mitsangen, bewegte sich im hinteren Bereich die Stimmung um den Nullpunkt. Getrübt wurde der Abend – zuvorderst wie zuhinterst – durch die ewig leuchtenden Smartphone-Bildschirme. Wahrscheinlich ziehen es viele vor, das Konzert im Nachhinein zu Hause entspannt auf dem Sofa zu konsumieren anstatt schweissgebadet und voller Emotionen in der Halle den Moment zu geniessen. Eine Dame der Generation Ü40, die als Begleitung der Jungmannschaft fungierte, bildete einen Kontrast zum digitalen Zeitalter: In opernhafter Manier zückte sie ihren Feldstecher, um einen Blick zwischen Smartphones und Köpfen hindurch auf die Bühne zu erhaschen.

 

Durchzogene Bilanz

Auf der Bühne begleitete eine grelle und farbige Lichtshow den Auftritt von OneRepublic. Für Abwechslung sorgte ein weisses Tuch, welches mehrere Male auf der Bühne aufgezogen wurde und die Musiker als Schatten dem Publikum präsentierte. Im Zwielicht stand die ganze Darbietung der Band, die im Moment durch Europa tourt. Frontmann Ryan Tedder bewies, dass selbst eine Stimme mit einem Tonumfang von drei Oktaven vor Ausrutschern nicht gefeit ist. Bei den Songs, welche die Band am Anfang des Abends spielte – zum Beispiel Secrets oder All The Right Moves – entfuhren dem 34-jährigen einige krumme Töne. Die stimmlichen Patzer fallen umso mehr auf, da die drei Alben der 2007 gegründeten Band durch die digitale Bearbeitung sehr rein klingen. Auch die Worte an das Publikum wirkten aufgesetzt: War sich Tedder wirklich nicht bewusst, welcher Wochentag war oder wollte er damit die Lacher auf seine Seite ziehen? Spielt man wie die Jungs aus Colorado jeden Abend in einer anderen Stadt, kann ein solches Blackout vorkommen. Insgesamt erhielt das durch die moderne Technik abgelenkt erscheinende Publikum, was es verdiente: ein hitgeschwängertes Set, vorgetragen von Musikern auf der Durchreise.

Schweizerdeutsch – die Sprache unter Ausländern

Ich besuche den gebürtigen Deutschen an seinem Arbeitsplatz. Umgeben vom Baulärm sitzt er im Führerhaus des kleinen Baggers und nimmt Anweisungen vom Mitarbeiter auf Schweizerdeutsch entgegen. Die beiden verstehen sich. Auf dieser Baustelle wird unter Polen, Spaniern und eben Deutschen überraschenderweise Mundart gesprochen. Einige verstehen überhaupt kein Standarddeutsch, haben es nie gelernt. Ein paar Brocken Schweizerdeutsch griffen sie im Alltag auf. Verständigungsprobleme gibt es, aber solange es nicht zum Baustopp kommt, stört sich hier niemand daran. “Isch alles guet?” fragt Daniel den spanischen Mitarbeiter beinahe akzentfrei. Der Spanier lächelt und nickt.

 

Aller Anfang ist schwer

Als Daniel vor drei Jahren aus Bremen in die Schweiz gekommen ist, habe er durchaus sprachliche Anlaufschwierigkeiten durchlebt. Nicht allen Anweisungen des Vorarbeiters konnte Daniel sofort nachkommen. “Ich sollte Chessel und Meter holen und hatte keine Ahnung was mein Vorgesetzter damit meinte.” Deshalb entschied er sich für den Kurs. Seither ist er mit Herzblut dabei.

Das Ziel der Migros Klubschule beschränkt sich aber nicht nur auf das Sprachverständnis. In der Kursbeschreibung lockt man mit aktivem Sprachgebrauch. Er soll Begegnungen im Alltag erleichtern. Davon ist auch Daniel überzeugt. Der Weg der Integration führe über die Sprache. Er will nicht von vorneweg als Deutscher, als Ausländer wahrgenommen werden. Hier in der Schweiz fühlt er sich heimisch.

 

Perfektionsanspruch

In der Basler Innenstadt setzen wir uns in eine kleine Beiz und ich lasse Daniel “zwäi Bierli” bestellen. Es klingt nicht mehr so unbeschwert wie vorhin auf der Baustelle. Er fühlt sich sichtlich unwohl und das hört man seiner Aussprache an. Den Preis für die Getränke nennt ihm die Bedienung in förmlichem Standarddeutsch. Daniel fühlt sich ertappt. Sofort wechselt er die Sprache. Ähnlich wie alle Kursteilnehmer redet er ausserhalb des Kurses selten Schweizerdeutsch. “Wenn die Aussprache nicht perfekt ist”, erzählt er, “wechselt das Gegenüber sofort ins Standarddeutsch, so wie jetzt eben.”

 

Immer dasselbe

Diese Aussage bestätigt sich in der Zeit, in der ich mit Daniel in der Innenstadt unterwegs bin. Auf der Strasse, im Tram, im Laden, im Restaurant, in der Bar. Daniel könnte diese Liste erheblicher verlängern. Ernst genommen fühlt er sich trotzdem. Doch die Schweizer sind hilfsbereit, zu hilfsbereit. Sie passen ihre Sprache dem Gegenüber an, damit die Kommunikation funktioniert.

Bis zum Gespräch mit Daniel, habe ich die Gegenseite nie beleuchtet. “Ich muss die Menschen darauf aufmerksam machen, dass ich sie gut verstehe”, sagt Daniel und nippt entmutigt an seinem Bier. Er wünscht sich, dass die Schweizer trotz hochdeutschem Akzent Mundart mit ihm sprechen. Unverständlichem müsse man erst begegnen, um danach fragen zu können. Das leuchtet ein. Ich gebe mir im Folgenden besonders Mühe, Schweizerdeutsch zu sprechen, wechsle jedoch ein paar Mal hin und her. Mir ist das unangenehm. Ihm passiert das ständig.

 

Annäherungsversuche

Er schildert seine Sprachsituation in der Schweiz als Dilemma. Die schweizerdeutsche Sprache im Rahmen eines Kurses zu lernen, sei kein Problem.

Tatsächlich gibt es genügend Angebote und die Deutsch sprachigen Ausländer beissen an. Sie wollen sich integrieren und haben die Hoffnung, den Schweizern durch die Mundart näher zu kommen. Doch die Rechnung geht nicht auf. Den perfekten Rahmen, um ungehemmt Schweizerdeutsch zu üben, findet Daniel nur unter seinen Arbeitskollegen. Mit ihnen kann er herzlich über Fehler lachen.

 

Röstigraben mal anders

“Reagieren die Welschschweizer ähnlich auf die frankophonen Ausländer?” fragt Daniel mich. Ich kenne die Antwort nicht. Äquivalente Kurse in der Romandie bietet die Migros Klubschule jedenfalls nicht an. Die Unterschied zwischen dem Standardfranzösisch und den hiesigen Dialekten scheint zu marginal zu sein. Deshalb besteht keine Nachfrage.

 

Ich versuche Daniel weiter zum Mundart sprechen zu ermuntern. Doch für ihn waren die letzten Stunden Beweis dafür, dass es nichts nützt. Vorerst reiche ihm der passive Wortschatz. Erst nach einem Jahr Schweizerdeutsch Sprachkurs möchte Daniel anfangen, mehr zu reden.

 

Ich bringe Daniel an die Tramstation auf dem Barfüsserplatz und will mich verabschieden. Es hat angefangen zu regnen. Ein verlebter Typ spricht uns an, ob wir “Münz” übrig hän für d Gassechuchi.“ Daniel greift in seine Taschen und fragt wieviel es denn brauche. Die Antwort: “Ein bisschen Kleingeld reicht schon.”