Politik | 31.01.2014

Vom Helfersyndrom angetrieben

Text von Sonja Nodup | Bilder von Jan Müller
In der Stadt Zürich stehen am 9. Februar die Erneuerungswahlen des Gemeinderats an. 1119 Kandidierende stellen sich dieses Jahr zur Wahl für die 125 Sitze. Darunter sind bisherige Parlamentarier aber auch unbekannte Gesichter. Zwei davon gehören der jüngsten und dem ältesten Kandidierenden.
Alix Suter und Josef Mariani freuten sich über das rote Tink.ch-Logo.
Bild: Jan Müller

Eine blonde, natürlich aussehende, junge Frau lächelt selbstbewusst von der Liste 1 der Stadtzürcher SP. Sie heisst Alix Suter, ist zarte 18 Jahre alt und kandidiert im Wahlkreis 11.

Ein anderes Bild bietet sich auf der Liste 10 der Alternativen Liste (AL): Ein betagter Herr fixiert einen mit einem grimmigen, argwöhnischen Blick. Man weiss nicht recht, gilt dieser dem allfälligen kapitalistischen Betrachter oder ist er schlicht dem Blitz geschuldet? Die Antwort kennt höchstens Josef Mariani selbst. Dieser ist 87 und Kandidat für die AL im Wahlkreis 10.

 

Suter und Mariani stehen weit hinten auf ihrer Liste. Sie sind sogenannte Listenfüller – ihre Wahlchancen tendieren gegen Null. Trotzdem haben sie sich, um ihre Partei zu unterstützen, in den Wahlkampf gewagt. Während die Kandidaten auf den vorderen Listenplätzen jeweils mit einem Profil an die Öffentlichkeit treten, das möglichst viele Wähler ansprechen soll, ist über Kandidierende auf den hinteren Plätzen meist kaum etwas bekannt. So auch im Fall von Alix Suter und Josef Mariani: Wer sind diese zwei überhaupt?

 

Das Helfersyndrom in der Erbmasse

Im Internet ist Mariani ein unbeschriebenes Blatt: Einzig auf der Parteiseite taucht sein Bild auf. Suter hingegen ist wie die meisten ihrer Altersgenossen auf verschiedenen sozialen Netzwerken vertreten. “Student, gap year, student” beschreibt sie sich auf Twitter lapidar. “Planning my gap year #ecuador”, eine Nachricht vom letzten Frühjahr. Auf einem Facebook-Bild posiert sie umringt von Freunden, einen Drink in der Hand und ein grosses Grinsen auf dem Gesicht. Ein ganz gewöhnlicher Teenager? Nicht ganz.

 

Der soziale Auslandseinsatz, den Suter dieses Jahr in einem südamerikanischen Kindergarten leisten wird, ist zwar mittlerweile beinahe ein Maturanden-Klassiker. Bei der 18-Jährigen steckt jedoch mehr dahinter. Das Streben nach sozialer Gerechtigkeit ist so tief in ihr verankert, dass es sie in die Politik trieb. Sie selbst nennt es “Helfersyndrom”.

 

Mariani, der dieses Jahr 88 wird, plant keine Sozialeinsätze im Ausland mehr. Das Helfersyndrom hat er jedoch ebenfalls – “in der Erbmasse”, wie der pensionierte Architekt sagt, der schon als Kind von seinen sozial engagierten Eltern geprägt wurde.

 

Prägende Vergangenheit

Im Hinterkopf stets die unheilvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts, kommt Mariani auch während der Diskussion aktueller Themen immer wieder auf die Vergangenheit zurück.

Als Jugendlicher besuchte er mit seinem Vater linke Demonstrationen gegen nationalsozialistische Strömungen in der Schweiz, was ihn “schon geprägt” habe. Auch die Krawalle im Zürich der 60er und 80er Jahre sind ihm noch in bester Erinnerung: Vieles hätte damals durch Reden statt Repression angegangen werden sollen, meint er heute. Und lobt Parteigenosse Stadtrat Richard Wolffs behutsames Vorgehen bei der Räumung des besetzten Binz-Areals im vergangenen Sommer: “Wenn man einfach stur den Rollladen herunterlässt und dahinter hervorschiesst, geht das nicht gut!”

 

Augenöffner Staatskundeunterricht

Suter lauscht Marianis Erzählungen fasziniert. Dass in den 40er Jahren – Mariani erlebte es als Dienstleistender in der Schweizer Armee noch mit – jüdische Flüchtlinge “direkt in die Maschinengewehre der Nazis” zurückgeschickt wurden, lerne man nicht in der Schule, meint sie vorwurfsvoll.

In der Schweiz sei es heute leicht, sich aus jeglicher Verantwortung zu stehlen, denn während sich Jugendliche in anderen Ländern gezwungenermassen mit Politik auseinandersetzten, ginge es vielen von uns hier extrem gut, erklärt die Maturandin. So wurde denn die 18-Jährige anders als Mariani auch auf vergleichsweise unspektakuläre Art politisiert: Durch den Staatskundeunterricht in der Schule. Damals setzte sie sich zum ersten Mal mit den verschiedenen Parteien und ihren Positionen auseinander, entschied, dass die meisten davon menschenverachtenden “Bullshit” erzählten – und trat der Juso bei.

 

Sozialistische Verbindung

Zwischen Suter und Mariani liegen fast 70 Jahre. Politisch sind sie jedoch nahe beieinander: Suter ist in erster Linie überzeugtes Juso-Mitglied, sie distanziert sich von der grossen Masse der SP, die kaum mehr “richtig sozialistisch” sei. Mariani gehört der, links von der SP stehenden, AL an, bezeichnet sich aber als “gar nicht wahnsinnig weit links aussen” – auch wenn dies aus der Sicht seiner Bekannten vielleicht so aussehen möge.

 

Dem Sozialismus fühlen sich beide nahe, dies verrät nicht nur Marianis Sympathie für die Sowjetunion und Suters politisches Vokabular. Dem berühmt-berüchtigten Spruch “Wer mit 20 kein Sozialist ist, hat kein Herz; und wer mit 40 immer noch einer ist, hat keinen Verstand” begegnet Mariani mit Humor: “Dann wäre ich halt ein dummer Mensch!” Suter hingegen, noch weit von der 40 entfernt, hofft, dass sie mit zunehmendem Alter nicht “liberaler oder eigentlich einfach vom System aufgeweicht” wird – eine Gefahr, die sie als durchaus real einschätzt.

 

Bessere Bildungs- und Wohnpolitik

Neben dem allgemeinen Streben nach sozialer Gerechtigkeit sind konkrete Anliegen der beiden Kandidierenden in Suters Fall in der Bildungs- und in Marianis in der Wohnpolitik zu finden. Suter findet das Schweizer Bildungssystem “wunderbar” und beklagt sich nicht über die Ausbildung, die sie selber erfahren hat. Trotzdem sieht sie Handlungsbedarf: Das Bildungssystem solle den verschiedenen Gesellschaftsstrukturen angepasst werden und nicht umgekehrt. So müsse beispielsweise sichergestellt werden, dass mangelhafte Deutschkenntnisse keinem Kind den Zugang zur Bildung versperren.

Mariani hat sein ganzes Leben lang als Architekt gearbeitet und fühlt sich auch nach der Pensionierung im Metier Zuhause. Besonders die Beschaffung von günstigem Wohnraum für wenig Bemittelte, ein Anliegen, auf das sich die AL unter anderem spezialisiert hat, liegt ihm am Herzen.

 

Rhetorik und echte Empörung

Suter kann man sich ohne Weiteres als Politikerin vorstellen. Als eine, die im Wahlkampf nicht auf den Mund gefallen ist und sich im Gemeinderat zu Wort meldet, wenn ihr etwas nicht passt; die aber auch hinter den Kulissen gründliche Kommissionsarbeit betreibt. Politische Phrasen und Schlagwörter sind ihr trotz ihres zarten Alters nicht fremd. “Die Gesellschaft ist immer so stark wie das schwächste Glied!”, lässt sie etwa verlauten und spricht von politischem Desinteresse, von Eigeninteresse, das schnell in “anti-solidarische Aktionen” umschlagen könne – was auch immer dies genau bedeuten soll. Immer wieder betont sie, dass es “reale Probleme” gäbe, die man nicht mit “Pflästerlipolitik” beheben könne.

 

Suter spricht schnell, aber oft eindringlich und mit Nachdruck. Ihre Stimme klingt vorwurfsvoll, ungläubig, wenn es darum geht, was alles schief läuft. «Das kann doch nicht sein!«, ruft sie häufig.

 

Kandidat mit Biss

Mariani wirkt gelassener, nimmt sich Zeit und holt weit aus, wenn er zu einer Aussage ansetzt. Mit dieser Tendenz und seiner besonnen-versöhnlichen Art hätte er vermutlich Mühe, sich in hitzigen Gemeinderats-Diskussionen durchzusetzen. Alleine die knappe Redezeit würde ein ernsthaftes Hindernis darstellen.

Trotzdem hat der 87-Jährige getreu dem Motto seiner Partei (AL- Die Alternative mit Biss) mehr “Biss” als so mancher amtierender Gemeinderat. An Demonstrationen nimmt er zwar nicht mehr teil – da könne er beim Eintreffen der Polizei schliesslich nicht mehr so gut “furtseckle” – Wahlkampf betreibt er aber mit viel Herzblut und Feuer: “Kraft, geballte, für Zürich!” ruft er da schon mal enthusiastisch, und wirft pinke AL-Flugblätter in die Runde.

 

Was wäre wenn …

Weder Suter, noch Mariani rechnen ernsthaft mit einer Wahl. Für den Fall der Fälle sind jedoch beide gewappnet: Suter weiss noch nicht, ob sie jemals eine politische Karriere anstreben möchte, würde ihre Wahl aber annehmen. Sie würde sich zunächst in einer ruhigeren Kommission Zeit für eine gründliche Einarbeitung nehmen.

Mariani hingegen ist sich nicht sicher, ob er tatsächlich bis ins hohe Alter von 92 Jahren im Gemeinderat sitzen will. Ein Problem wäre seine Wahl aber nicht, beruhigt er sogleich: Es stünde auf jeden Fall jemand bereit, der für ihn nachrücken würde.