Kultur | 25.01.2014

Vergangenheitsbewältigung nach Mitternacht

Text von Vera Probst | Bilder von Katharina Good
An einem Ort in Solothurn legen sich die Filmtage und ihre Besucher erst im Morgengrauen schlafen: In der Kreuzbar. Und die Erfahrung zeigt: Hingehen lohnt sich, vor allem nach zwölf. Eine langjährige Filmtagegängerin berichtet.
Das gelbe Licht ist an den Filmtagen ebenso Tradition wie die Kreuzbar.
Bild: Katharina Good

Eigentlich liebe ich ja Filme. Ich habe schon viele bescheuerte Filme gesehen, darunter über 30 Filme mit Nicolas Cage, aber Der Ausflug war bestimmt das Schlechteste seit langem. Nach diesem Schmarren und meinem Leiden muss ich unbedingt etwas trinken gehen. Wohin ich gehe, ist klar: Ab in die offizielle Filmtagebar des Restaurants Kreuz.

 

Ich schnappe mir ein Bier, Albertus Egger sieht mich von der Etikette mit vorwurfsvollen Augen an. Seit vier Jahren plagt mich während den Solothurner Filmtagen ein innerer Konflikt. Jeden Tag so viele Filme wie möglich schauen oder jeden Tag viel zu lange in der Filmtagebar sitzen? Jahr für Jahr hat die Filmtagebar gewonnen. Wie jedes Jahr sitze ich an der Bar, wie jedes Jahr werde ich dezent von den Barkeepern gegrüsst, wie jedes Jahr kommen Leute und fragen mich, ob ich hier arbeite oder warum ich eigentlich immer an dieser Bar sitze.

 

Ich beobachte mit Missmut einige Zürcher Filmschaffende. Ein Cüpli hier, ein Küsschen da. Mein Blick schweift ab und ich sehe einen älteren Schauspieler, der etwas wankend die Bar betritt. Ein Schauspieler, mit dem ich vor vielen Jahren etliche Freitagabende verbrachte, nur die Mattscheibe trennte uns. Es ist, als würde meine Kindheit vor mir stehen. Und sie trinkt Bier. Und sie ist etwas verwirrt. Und sie wird fast aus der Bar geworfen, weil sie sich immer wieder verbotenerweise eine Zigarette anzündet. Irgendwann sitzt sie ruhig an einen Tisch, trinkt noch etwas und verlässt ohne viel Aufsehen zu erregen nach einer Weile die Bar. Zum Abschied nuschelt sie noch “Tschou Zäme”. Ich schaue meiner Kindheit nach, bestelle mein letztes Bier und frage mich ob morgen Abend Vielen Dank für Nichts den Kampf gegen die Filmtagebar gewinnen wird.