Kultur | 30.01.2014

Rollstuhl-Rowdies im Kampf gegen Scheinheiligkeit

Text von David Bucheli | Bilder von zVg
Vielen Dank für Nichts begeisterte das Publikum an den 49. Solothurner Filmtagen. Die geniale Satire gegen den scheinheiligen Umgang mit Behinderten darf sich Hoffnungen auf den Prix du Public machen.
Die Spastis, wie sie sich selbstironisch gegenseitig nennen, mögen behindert sein, aber nicht bescheuert.
Bild: zVg

Es ist die schönste und gleichzeitig subversivste Szene, die die diesjährige Ausgabe der Solothurner Filmtage bislang zu bieten hatte: Drei Radaubrüder im Rollstuhl fahren in der Fussgängerzone willkürlich Passanten an, die sich darauf konsequent bei den Rowdies entschuldigen. Keiner traut sich, die drei zur Rede zu stellen und ihnen damit auf Augenhöhe zu begegnen.

 

Behindert aber nicht bescheuert

Die Unruhestifter heissen Valentin, Titus und Lukas. Bis auf Valentin werden sämtliche Behinderte im Film von tatsächlich behinderten Laiendarstellern verkörpert. Joel Basman spielt Valentin, der nach einem Snowboardunfall querschnittgelähmt ist und in einem Südtiroler Pflegezentrum landet. Hier pöbelt er schonungslos gegen seine Mitbewohner und ist bald überrascht ob deren Schlagfertigkeit. Die Spastis, wie sie sich selbstironisch gegenseitig nennen, mögen behindert sein, aber nicht bescheuert. Trotzdem werden sie von der politisch ach so korrekten Gesellschaft nicht für voll genommen und stets leicht verunsichert mit einem heuchlerischen Mitleidsbonus behandelt. Doch Valentin, Titus und Lukas haben genug von der Opferrolle. Sie wollen Täter sein und fassen den Plan, eine Tankstelle zu überfallen.

 

Viel Improvisation

Vielen Dank für Nichts ist nicht nach Drehbuch entstanden. Die Regisseure Stefan Hillebrand und Oliver Paulus liessen ihrem Darstellerensemble viel Raum für Improvisation, was Investoren verunsicherte und die Finanzierung massiv erschwerte. Der leidigen Produktionsgeschichte zum Trotz schufen sie einen stinkfrechen, unverfälschten und brüllend komischen Film, der anstatt des moralischen Zeigefingers zu schwingen, endlich mal den Mittelfinger auspackt. Erfrischend ungezwungen ist der Umgang mit und zwischen den Behinderten, die hier Menschen und nicht Sonderfälle sein dürfen. So ist schliesslich auch ihr grösster Triumph, nach dem furiosen Finale vom Gericht für schuldfähig erklärt zu werden.

 

Favorit für den Publikumspreis

Es ist dieser unverklemmten Herangehensweise zu verdanken, dass die Komödie selbst in den abgedrehtesten Momenten immer den richtigen Ton findet. Der Zuschauer lacht mit den Behinderten über schleimige Gutmenschen und überforderte Beamten. Inspiriert wurde das Regieduo von einer Schulaufführung, die in ihrem scheinheilig-verkorksten Umgang mit der Thematik alles vereinte, wogegen der Film ankämpft. Die ausverkaufte Reithalle nahm die deutsch-schweizerische Koproduktion hervorragend auf und empfing die Stars mit tosendem Applaus. Zu Recht! Vielen Dank für Nichts darf sich zu den ganz grossen Favoriten im Rennen um den Prix de Public zählen.