Kultur | 26.01.2014

Mut zur Eigenständigkeit

Künstlerporträts bieten selten genug Zündstoff für eine hitzige Debatte und fristen an Filmfestspielen meist ein Nischendasein. Nichtsdestotrotz präsentiert das Kino Canva im Rahmen der 49. Solothurner Filmtage einen Dokumentarfilm über Meret Oppenheim und lockt einige Zuschauer in den Kinosaal.
Meret Oppenheim: Hier ein Selbstporträit, mit Foto und Spray.
Bild: zVg Solothurner Filmtage / Kunstmuseum Bern (Ausschnitt)

Meret Oppenheim gehört zu den schillernden Gestalten der Künstlerkreise des zwanzigsten Jahrhunderts. Ihre Kunstwerke reizen die Fantasie des Betrachters und bringen ihn sowohl zum Nachdenken als auch zum Schmunzeln. Am 6. Oktober letzten Jahres hätte die in Berlin geborene und im Jura und Basel aufgewachsene Künstlerin ihren hundertsten Geburtstag gefeiert. Als frühes Beispiel weiblichen Unabhängigkeitsstrebens gelang es ihr, nach zahlreichen Rückschlägen und einer existentiellen Schaffenskrise, in der männlich dominierten Kunstwelt Fuss zu fassen. Nicht umsonst gilt die Aussage “Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen” als eines ihrer berühmtesten Zitate.

 

Jenseits der Surrealisten

Trotz ihres umfangreichen und vielschichtigen Oeuvres, bestehend aus Skulpturen, Zeichnungen, Gemälden, Fotografien und Gedichten, wurde Oppenheim von Kritikern über lange Zeit in die Ecke der Surrealisten geschoben und auf ihr bekanntestes Werk von 1936, die Pelztasse mit dem Titel Déjeuner en fourrure oder Frühstück im Pelz reduziert. Tatsächlich weisen ihre Arbeiten und Interessensgebiete an vielen Stellen Berührungspunkte mit dem Schaffen der Surrealisten auf. Darunter fallen etwa ihre Freude an der Verfremdung und Neuinterpretation von Alltagsgegenständen oder ihre Faszination für die Traumdeutung. So überzog sie eine Teetasse mitsamt Löffel und Untertasse schon mal kurzerhand mit Gazellenfell oder versah einen Tisch mit zierlichen Vogelfüssen. Dennoch verfügen ihre Werke auch über einen abstrakten Ansatz, der weit über den Surrealismus hinausgeht und je länger, je mehr Anklänge von Konzeptkunst in sich trägt.

 

Emanzipation einer Künstlerin

Wie der Titel der Dokumentation Meret Oppenheim-Eine Surrealistin auf eigenen Wegen bereits andeutet, legt die Regisseurin Daniela Schmidt-Langels in ihrem filmischen Porträt den Fokus auf das eigenständige Schaffen von Meret Oppenheim jenseits der surrealistischen Künstler- und Schriftstellerzirkel um André Breton, Max Ernst und Man Ray, in denen sie in ihrer Frühzeit oft verkehrte. Im Zentrum steht ihre persönliche Emanzipation vom medialen Image der Kindfrau und der passiven Muse der Surrealisten hin zu einer gefragten Kunstproduzentin.

Die Idee für das Projekt trug die Regisseurin laut eigenen Angaben bereits seit 20 Jahren mit sich herum – ohne sich reif genug für eine Umsetzung des Filmes zu fühlen. 2013, ein Jahrhundert nach Meret Oppenheims Geburt in Berlin, bot sich schliesslich die Gelegenheit. In Zusammenarbeit mit der Nichte der Künstlerin, Lisa Wenger, entstand eine 56-minütige Dokumentation.

 

Altbewährte dokumentarische Mittel

Anhand zentraler biographischer Eckpunkte und unterlegt mit zahlreichen Einspielungen von Interviews mit der bereits gereiften Künstlerin sowie filmischem und fotografischem Archivmaterial aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zeichnet der Dokumentarfilm Oppenheims Lebensweg und künstlerische Laufbahn auf. Dabei bedient sich die Regisseurin bewährter und wenig spektakulärer Mittel: Nachkommen, überlebende Freunde und Zeitgenossen der Künstlerin kommen im Film ebenso zu Wort wie diverse renommierte Kuratorinnen, darunter Bice Curiger, die bis 2013 fest am Kunsthaus Zürich angestellt war. Auf assoziative Art und Weise wird aus Oppenheims dichterischem Werk und ihrer umfangreichen Korrespondenz zitiert. Bedeutende Schlüsselwerke werden jeweils mit biographischen Anekdoten und Erläuterungen ergänzt. Die Dokumentation, so die Regisseurin, entstand in enger Zusammenarbeit mit der Nichte der Künstlerin, Lisa Wenger. Diese verwaltet momentan den Nachlass ihrer Tante und beantwortete im Anschluss an die Ausstrahlung des Films die vereinzelten Fragen der eher schüchternen Zuschauer zu Meret Oppenheimers Schaffenskrise nach ihrem ersten grossen Durchbruch 1936 und den grossen Retrospektiven anlässlich ihres hundertsten Geburtstags 2013 in Wien und Berlin.

 

Trotz seines hohen Informationsgehalts, den zahlreichen Abbildungen und Verweisen auf die Kunstwerke Meret Oppenheims wirkt die Dokumentation, als wäre sie in erster Linie auf ein kunstaffines Publikum zugeschnitten, das über den künstlerischen Hintergrund der Malerin und Dichterin bereits bescheid weiss. Oder anders ausgedrückt: Um Oppenheims Schaffen mehr als nur oberflächlich einordnen und verstehen zu können empfehlen sich gewisse Vorkenntnisse über die Surrealisten. Alles in allem verfügt der Film über keine nennenswerten Höhen und Tiefen. Auf unaufgeregte und durchaus poetische Weise führt er die Zuschauenden durch ausgewählte Stationen aus dem wechselhaften Leben und Wirken einer grossen Dame der Kunstgeschichte. Dennoch reissen weder Konzept noch Machart dieses solide inszenierten Künstlerporträts zu Begeisterungsstürmen hin.