Kultur | 31.01.2014

Menschlichkeit in Schwarz-weiss

Mit "Left Foot Right Foot" präsentiert Germinal Roaux einen Film über das Erwachsenwerden in finanziellen Schwierigkeiten. Seine schwarz-weissen Bilder sind ruhig und vielsagend zugleich.
Marie, Vincent und Mika im Hintergrund: Das Ende des Filmes ist äusserst gut gelungen und entlässt kaum einen Zuschauer unberührt.
Bild: zVg, Solothurner Filmtage

Linker Fuss, rechter Fuss, ein Schritt nach dem anderen. Marie und Vincent müssen erwachsen werden und eigenständig durch ihr Leben gehen. Nur mit Mühe bestreitet das junge Paar den Alltag in einer Lausanner Wohnung, elterliche Unterstützung fehlt vollkommen. Inmitten finanzieller Probleme ist auch ihre Beziehung eine Zerreissprobe.

 

Zwischen dem ganzen Drama steht Mika, Vincents Bruder. Er ist ein fröhlicher Junge mit autistischen Zügen, der in einem Heim wohnt und immer wieder bei Vincent und Marie übernachtet. Für ihn würde Vincent alles geben, wahrscheinlich nur für ihn. Umgekehrt hängt auch Mika sehr an seinem Bruder und ist besorgt, wenn es ihm und seiner Freundin nicht gut geht.

 

Bildsprache der Jugend

Left Foot Right Foot beginnt mit Mikas Blick und seiner Fähigkeit, einfache Dinge im Leben zu bewundern: Vogelschwärme ziehen über den Himmel und malen Figuren auf der Kinoleinwand. Sie malen in Schwarz-weiss, der Sprache des Regisseuren Germinal Roaux. Der Westschweizer arbeitet neben dem Filmen als Fotograf, für Musiker, diverse Zeitschriften oder an eigenen Projekten. Die Jugend ist ein wichtiges Thema in der Arbeit des 38-Jährigen und gerade dafür sei Schwarz-weiss die passende Bildsprache. “Im Teenageralter trennt man stark zwischen gut und böse”, sagt Roaux. “Man sieht alles schwarz oder weiss.”

 

Keine perfekten Menschen

Eigentlich hätten die jungen Erwachsenen in seinem ersten Langspielfilm genug Gründe, alles schwarz zu sehen. Marie hat einen öden Job, keine Ausbildung, keine Träume. Das sagt sie ausgerechnet einem Zuhälter, den sie über eine Freundin kennengelernt hat. Das schnelle Geld lockt sie in die Prostitution, aber mindestens so sehr der Wunsch nach Anerkennung. Vincent gegenüber hat sie ein schlechtes Gewissen, es scheint aber, als würden die beiden schon lange nicht ehrlich miteinander reden.

 

Auch Vincents Job in der Tiefkühlpizza-Fabrik reicht kaum zum Überleben. Wenn die beiden arbeiten, strahlen nur die Bilder – hell und harmonisch baut Roaux diese Welten der Langeweile auf. Einzig beim Skaten blüht Vincent auf, gleitet unterstützt von Rockballaden über den Asphalt. Wenn er nicht so ein hoffnungsloser Hänger wäre, wäre er ein Kreativer. Mit seinen wasserfesten Filzstiften malt er alles an, auch sich selbst und Maries Schuhe. In Grossbuchstaben steht auf ihren Convers “left foot” und “right foot”.

 

Als Poesie sehen

In manchen Ansätzen erscheint die Geschichte etwas klischeehaft, aber – wie Roaux selbst in Solothurn sagte – der Film ist wie eine Poesie zu sehen. Er weiss, wann und wie er die Sexszenen erbarmungslos, liebevoll oder nur stellvertretend durch andere Bildern zeigen kann.

 

Ohne Verachtung erzählt Roaux das Leben von Jugendlichen, deren Schicksal ethische Richtlinien zum Schwanken bringt. Die jungen Schauspieler Agathe Schlencker (Marie), Nahuel Parez Biscayart (Vincent) und vor allem Dimitri Stapfer (Mika) lassen in die Seele ihrer Charaktere blicken – auch wenn es manchmal, in besonders angespannten und ruhigen Momenten etwas an Ausdruck fehlt. Gerade aber die langsamen Beobachtungen machen die Stärke des Fotografen Roaux aus. Innerhalb der tragischen Geschichte sind die perfekt komponierten Bilder selbst kleine Poesien, wie stille Ausrufezeichen der Erzählung.

 

 

Dreifach nominiert für den Schweizer Filmpreis 2014


Left Foot Right Foot wurde für den Schweizer Filmpreis 2014 im Bereich Bester Spielfilm nominiert. Zusätzlich könnten auch Dimitri Stapfer für die Beste Nebenrolle als Mika und Denis Jutzeler für die Beste Kamera je einen Preis erhalten. Die Preisverleihung findet am 21. März in Zürich statt.