Kultur | 26.01.2014

“Ich lieb di, man”

Der Schweizer Nachwuchs zeigte an den Solothurner Filmtagen in der Reihe "Upcoming Talents" sein Können. Drei der stärksten Beiträge stammen von Studenten der Zürcher Hochschule der Künste ZhdK und sind Hommagen ans Leben und an die Freundschaft.
Die Freunde: Rumalbern oder Softporno drehen?
Bild: zVg. Solothurner Filmtage

Technisch konnte sich auch dieses Jahr das Niveau der Schularbeiten sehen lassen. So fing beispielsweise die Kamera in Leo Haddards Coming-of-age-Film L’agé de feu gekonnt das Gefühlschaos ein. Diese Geschichte blieb packend bis zum Ende. Andere Filme allerdings gaben den Zuschauern richtige Rätsel auf. Einmal lief eine Riesenratte einem Museumswärter nach (Rat de marée), einmal setzte sich – auf Theaterbühnen ist dieser Trick längst aus der Mode – ein Mann einen Hasenkopf auf (Rabbitz) und einmal hüpfte – immerhin während der Fasnacht – ein Bär über die Leinwand (Les enfants de Jean Bart). Was wollten uns die als Plüschtiere verkleideten Menschen sagen? Wer weiss. Ein kleiner Trost kam ausgerechnet von der Ratte, die zum Museumswärter sagte: “C’est la certitude, qui fait fou.” Aha.

 

Macht, Sex, Suizid

Doch es gab auch die starken, tiefgehenden Geschichten zu sehen. Besonders drei jungen Regisseuren der Zürcher Hochschule der Künste (ZhdK) gehörte der Tag. Die 12 bis 16-minütigen Filme Paradox, Freunde und Stillstand umkreisen das Thema Freundschaft in verschiedenen Bahnen. Dies tun sie mit einer emotionalen Tiefenschärfe, die auch den letztjährigen Siegerfilm Un mundo para Raúl auszeichnete. Im Film, der in Mexico gedreht wurde, treffen sich zwei Kindheitsfreunde als Jugendliche in der Villa des reichen Jungen wieder, wo sie sich einen psychischen und physischen Machtkampf liefern.

 

Auch Regisseur Luca Ribler interessieren Machtkonstellationen, wie er nach der Vorführung seines Films Freunde erzählte. Die Ausgangslage: Zwei Männer und eine Frau filmen sich im Wohnzimmer mit einem Handy. Das zunächst lustig gemeinte Spiel kippt, als die Frau und ihr Freund eine Art Softporno drehen sollen. Für Spannung sorgt besonders, dass die Situation nicht linear auf die Eskalation zusteuert. Die zerbrechlichen, leisen Momente der Figuren wirken noch stärker im Kontrast zur Jugendsprache, die authenthisch und nicht übertrieben eingesetzt wird. Leise endet der Film mit einer Liebeserklärung, wie sie an den Filmtagen wohl selten zu hören ist: “Ich lieb di, man.”

 

Um den Mut, sich seinen Freunden in den Weg zu stellen, geht es ebenfalls bei Paradox von Moris Freiburghaus. Vor einer Geräuschkulisse aus rauschenden Orten wie einem Fluss oder einem Bahnhof, sehen wir einen jungen Mann, der ziel- und schlaflos umherstreunt, staunend naiv von einem Baum baumelt, atemlos einem Freund von seinen Musikideen und der Freiheit erzählt. Bis ihm derselbe Freund und ein Arzt beibringen, dass er Hilfe braucht. Mut bewiesen auch Dennis Stauffer und Pascal Reinmann mit ihrem Dokumentarfilm. Stillstand thematisiert den Suizid eines jungen Mannes aus der Oltener Skaterszene mit beeindruckenden Interviews mit ehemaligen Freunden des Verstorbenen. Der Film über einen Tod ist zugleich eine Hommage ans Leben.

 

Entdeckung der Langsamkeit

Bei den Dokumentarfilmen setzten neben dem Gewinner Maurizius Staerkle-Drux mit seinem experimentellen Film Wenn der Vorhang fällt die Frauen Akzente. Weibliche Regisseurinnen waren im Nachwuchswettbewerb insgesamt auffallend untervertreten.

 

Die linke Aktivistin und Regisseurin Karin Bachmann inszeniert in ihrem Erstling Er/ich auf fast liebevolle Weise ihre Meinungsverschiedenheit mit dem jungen SVP-Haudegen Erich Hess. Nachdem Annäherungsversuche über das Filmen von politischen Werbeaktionen nichts Neues offenbaren, findet Bachmann einen intimeren Zugang. Die Filmemacherin und der Politiker besuchen das jeweils andere Zuhause und diskutieren am Küchentisch, wobei selbstironisch die Rollen vertauscht werden und Hess die Kamera halten darf.

 

Ohne viele Worte kommt Frau Loosli im gleichnamigen Dokumentarfilm von Nicole Vögele aus. Im Tempo der alten Frau begleiten wir diese durch ihren Alltag auf dem ehemaligen Bauernhof, in dem Frau Loosli mit ihrem Hund lebt. Das Backen eines Apfelkuchens, das Zweigesammeln im Garten, jede kleine Tätigkeit wird dabei zur angenehmen Entdeckung der Langsamkeit für die Zuschauer. Eine gute Gelegenheit, die Gedanken schweifen zu lassen und sich von allfälligen Plüschtierverwirrungen zu erholen.

 


Die vier Upcoming Talents-Reihen laufen am Montag, 26.1.2014 im Kino Canva. Im Programm