Kultur | 25.01.2014

Huren mit Haltung

Hiesige Spielfilmregisseure würden sich zwar relevanten Themen widmen, sich jedoch gegen eine klare politische Haltung sträuben, so der Tenor von Branchenkritikern. Dass es auch anders geht, zeigen zwei grosse Prostitutionsdramen in Solothurn.
Viktoria zeichnet ein Bild von Prostitution, das weit über den Sihlquai hinausgeht.
Bild: zVg. / Solothurner Filmtage

Haltung zeigen – darum dreht sich das Fokusprogramm der 49. Solothurner Filmtage, das kommenden Dienstag mit diversen Podien und Spezialvorführungen aufwartet. Haltung fordern auch Feuilletonisten immer wieder von den Schweizer Filmemachern. Besonders der Deutschschweizer Spielfilm, resümierte Christian Jungen vor einer Woche in der NNZ am Sonntag, böte nur noch “zahnlose Unterhaltung”. Filme wie Akte Grüniger oder Die schwarzen Brüder seien zu kompromissbereit, es fehle an künstlerischer Handschrift und politischer Färbung.

Der erste Programmtag der diesjährigen Filmtage bot gleich zwei Spielfilme, die schonungslose Gegenentwürfe zum gängigen Schweizer Befindlichkeitskino zeichnen. Beide Werke behandeln die Prostitutionsthematik, ausgehend vom Zürcher Sihlquai. Doch trotz der ähnlichen Ausgangslage könnten die Filme nicht unterschiedlicher sein.

 

Opferfilm von beklemmender Authentizität

Viktoria – A Tale of Grace and Greed vom Zürcher Regisseur Men Lareida schaffte es ins Rennen um den Prix de Soleure. Er erzählt die Geschichte der jungen Viktoria, die ihre Familie in Budapest verlässt, um in Zürich das grosse Geld zu machen – als Prostituierte. Sie glaubt zu wissen, worauf sie sich einlässt. Doch die Realität sieht anders aus, als es ihr die aus der Schweiz heimkehrenden Nachbarinnen zu Hause vorgaukeln.

Das Drehbuch Lareidas und seiner Co-Autorin Anna Maros peitscht die rehäugige Protagonisten durch die Prostitutionshölle an der Limmatstadt. Augenblicke des Glücks sind rar gesät und werden stets durch Gewalt und Elend abgelöst. Selbst der gute Ausgang lässt sich nur mit Menschenleben erkaufen. Damit ist Viktoria durch und durch ein Opferfilm, jedoch voller Empathie für seine leidende Heldin und mit unverkennbarer politischer Haltung. Lareidas Vergangenheit als Dokumentarfilmer schimmert in der beklemmend authentischen Milieustudie durch und der hauptsächlich ungarisch sprechende Cast lässt den Zuschauer zweifeln, ob es sich bei den Menschen auf der Leinwand tatsächlich nur um Schauspielende handelt. Wann hat das ein Schweizer Spielfilm zuletzt geschafft?

 

Zwischen Spiesserstube und Strassenstrich

Eine komplett andere Richtung schlägt Petra Volpes Traumland ein. Hier werden die Schicksale vierer Menschen verknüpft, die in Zürich im Laufe des 24. Dezembers der jungen Prostituierten Mia begegnen. Dazu gehören neben einem einsamen Bünzli-Freier auch eine eifersüchtige Ehefrau, eine untreue Sozialarbeiterin, sowie Mias strenggläubige Nachbarin, die sich im Alter nochmal auf die Suche nach etwas Zärtlichkeit begibt. Die Geschichten spielen sich vorwiegend in bürgerlicher Umgebung ab und zeichnen damit einen effektiven Kontrast zum trostlosen Strassenstrich. Überhaupt ist der Perspektivenwechsel zwischen Freier, Prostituierten und der urteilenden Gesellschaft die grösste Stärke des Films. Es entsteht ein umfassender Blick auf die Thematik, der Zuschauererwartungen geschickt unterläuft und schliesslich sogar zu einem schmerzvolleren, weil ambivalenteren Ende als Viktoria findet.

 

Für Regisseurin Volpes ist Traumland nach vier TV-Komödien der erste Kinofilm. Trotz des ernsten Themas wurde in der ausverkauften Konzerthalle stellenweise herzhaft gelacht: Das Züridütsch mag zwar über den einen oder anderen Germanismus stolpern, dennoch entfalten die bissigen Dialoge eine bittere Komik und offenbaren so Vorurteile, Ängste und Abgründe.

Auf Humor hat Lareida in seinem Film bewusst verzichtet. “Es ist nicht der Anlass, um Faxen zum machen. Wir hatten das Gefühl, dass dieses Thema eine gewisse Genauigkeit verlangt”, meinte der Regisseur im Anschluss an das Screening von Viktoria. Aber egal ob mit dokumentarischer Radikalität oder episodischer Erzähllust – mit den vorliegenden Werken sind den Filmemachern zwei spannende und unbeschönigende Milieufilme mit Aussagekraft gelungen. Der kontroverse von beiden, Viktoria – A Tale of Grace and Greed, sucht übrigens noch immer nach einem Verleiher. Es ist ihm (und dem Schweizer Publikum) zu wünschen, dass er möglichst bald den Sprung in die Kinos schafft.