Gesellschaft | 20.01.2014

H&M unter Druck

Nachhaltigkeit ist Mode. Das schwedische Kleiderhaus H&M bemüht sich schon seit Jahren um eine transparente und umweltfreundliche Geschäftspraxis. Oder behauptet der Fast-Fashion-Riese das nur? Christa Luginbühl von der international tätigen Nichtregierungsorganisation Clean Clothes Campaign (CCC) äussert Vorbehalte.
Ein global tätiges Modeunternehmen wie H&M hat Definitionsmacht und kann Industriestandards setzen.
Bild: Kevin Zolkiewicz/Flickr.com (verändert) Christa Luginbühl ist Koordinatorin bei der Clean Clothes Campaign Schweiz. zVg

Tink.ch: Die Nachfrage nach fairer und umweltfreundlicher Kleidung ist in den letzten Jahren merklich gestiegen. Woher rührt das?

Christa Luginbühl: Das hat mit einem generellen Trend zu tun. Die Konsumentinnen und Konsumenten sind heute besser informiert. Sie wissen Bescheid über Umwelteffekte der Produkte, die sie kaufen und fordern mehr Transparenz über deren Herstellungsbedingungen.

 

Bisher gibt es aber im Kleiderbereich wenig gute Alternativen. In anderen Segmenten, etwa der Nahrungsmittelbranche, steht der Fair Trade-Kaffee meist direkt neben dem herkömmlichen Kaffee. Dagegen müssen Konsumentinnen und Konsumenten einen grösseren Suchaufwand in Kauf nehmen, wenn sie nachhaltige Kleidung erwerben wollen.

 

Anders als viele Mitbewerber kommuniziert H&M regelmässig über sein Engagement für eine nachhaltigere Kleiderindustrie. Was macht das Unternehmen gut, was nicht?

H&M hat unter dem Druck der massiven Kritik der letzten Jahre bereits wichtige Schritte unternommen. Letztes Jahr ist das Unternehmen einer jahrelangen Forderung der CCC nachgekommen und hat einen Grossteil der Lieferantenliste offen gelegt.

 

Im selben Jahr führten wir zusammen mit kambodschanischen Partnerorganisationen und der Unterstützung vieler Konsumentinnen und Konsumenten eine Kampagne, bei der wir unter anderem von H&M die Zahlung eines Existenzlohnes forderten. Kürzlich hat H&M an einer Konferenz in Berlin angekündet, dass die Firma die Löhne nun gegen oben korrigieren will. Das ist ein erster Schritt. Allerdings hat sich H&M bisher nicht zu einem konkreten Richtwert für den Existenzlohn bekannt.

 

Was veranlasst H&M zu seinem Engagement?

H&M geriet in den letzten Jahren immer wieder massiv in die Kritik. Das Unternehmen gehört zu den grössten und einflussreichsten Konzernen der Welt. Es hat damit nicht nur eine grosse Verantwortung sondern auch eine Definitionsmacht: Ein Global Player wie H&M kann Industriestandards setzen und trägt daher eine grössere Verantwortung als andere Firmen. Das Modeunternehmen ist sich dieser Position durchaus bewusst und scheint den Anspruch zu haben, in gewissen Themen eine Vorreiterrolle einzunehmen.

 

Hinzu kommt, dass die Hauptaktionäre, die Familie Persson, einen unglaublichen Reichtum erlangt haben. Das Privatvermögen des ehemaligen CEO Stefan Persson wird auf 28 Milliarden Dollar geschätzt. Es ist daher umso weniger zu erklären, weshalb H&M den Näherinnen und Näher Löhne weit unter dem Existenzminimum zahlt. Das Unternehmen steht also unter Druck zumindest ein gewisses Engagement für bessere Bedingungen zu leisten. Nicht vergessen darf man ausserdem, dass Nachhaltigkeit heute stark im Trend liegt. Firmen sehen Nachhaltigkeitsengagement oft auch als direkte Marketing-Investition.

 

Richtet H&M seine Umweltkampagnen an ein bestimmtes Publikum?

Ja, das Unternehmen will auf Nachhaltigkeit sensibilisierte und an Mode interessierte Kundinnen und Kunden mit kleinem Budget ansprechen. Damit kann es sich gegen die Billigkonkurrenz abgrenzen, die sich an Mode-Interessierte mit ebenfalls wenig Geld aber ohne besonderes Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewusstsein richtet.

 

China reduziert seine Baumwollanbauflächen, gleichzeitig steigt in den Schwellenländern die Nachfrage nach trendiger Mode – die Baumwollpreise steigen. Sind die Tage von billiger und schnellebiger Fast-Fashion gezählt?

Das ist eine schwierige Frage. Wir haben heute eine weltweite Überproduktion von Kleidung. Ressourcen wie Wasser oder Baumwolle werden knapp. Der Baumwoll-Hunger steigt stetig und die Anbauflächen werden grösser. Fast-Fashion trägt massiv zur Umweltverschmutzung bei und kurbelt den Ressourcenverschleiss an.

 

Das Geschäftsmodell hat zudem direkte negative Auswirkungen auf die Menschen, welche die Mode in kürzester Zeit und zu Tiefstlöhnen fertigen müssen. Der Trend kann nicht in gleich schnellem Tempo weitergehen wie bisher – wir sind schlicht am Limit mit den Ressourcen. Allerdings bringt Fast-Fashion natürlich viel Geld ein. Ich bezweifle daher, dass so schnell eine andere Richtung eingeschlagen wird.

 

Wäre die Welt ein besserer Ort, wenn es H&M nicht gäbe?

Ich würde es anders formulieren: Die Welt könnte ein besserer Ort sein, wenn sich H&M mit vollem Einsatz für bessere Arbeitsbedingungen in den Kleiderfabriken engagieren würde. H&M sollte weniger auf einzelne medienwirksame Aktionen setzen.

 

Der Konzern erzielte einen grösseren und nachhaltigeren Effekt auf die Umwelt, wenn er statt der Fast-Fashion-Mode auf die Kreation von lang tragbaren Lieblingsstücken setzen würde. Denn auch Mode aus Bio-Baumwolle ist nicht nachhaltig, wenn sie nur kurz getragen wird. H&M sollte daher konsequent sein und nicht nur Umwelt- und Fairness-Aktionen starten, sondern grundsätzlich sein Geschäftsmodell von Fast-Fashion und Überkonsum hinterfragen.

 

 

Christa Luginbühl ist Koordinatorin bei der Clean Clothes Campaign Schweiz.


Die Clean Clothes Campaign setzt sich dafür ein, Fairness und Nachhaltigkeit in die Bekleidungs-, Textil- und Schuhindustrie zu bringen. Sie wendet sich dazu an Firmen, aber auch Konsumenten, mit deren Hilfe sie Druck gegenüber Unternehmen, Regierungen der Produktionsländer oder Sitzländer der Konzerne erzeugt.