Gesellschaft | 31.01.2014

Für die Schule und das Leben lernen wir

Text von Kathiana Meyer | Bilder von Dario Tschannen
Entgegen dem Bildungsideal, dass wir nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen, kursiert unter heutigen Gymnasiasten die Ansicht, Lernen sei wie Bulimie: rasch reingestopft und ebenso rasch wieder herausgewürgt. Woran liegt dies?
Senecas Spruch, der den Eingangsbereich einer Zürcher Kantonsschule ziert, wird von Schülern in Zweifel gezogen.
Bild: Dario Tschannen

Schule wurde schon in der Antike als sinnlos empfunden: Bereits Seneca hat in seinem Brief an Lucilius beklagt, dass wir nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen: “Non vitae, sed scholae discimus”. Erst später wurde dieser Spruch, der noch heute zitiert wird, in sein positives Gegenteil verkehrt: “Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.” Dieses Ideal wird von heutigen Schülern belächelt.

Mehraufwand für die Lehrer

Die Hauptverantwortung für einen von den Schülern als sinnvoll empfundenen Unterricht tragen die Lehrer. Im Zentrum des Unterrichts sollte in jedem Fach die Faszination für den unterrichtenden Stoff stehen. Ist der Unterricht nicht auf den Stoff, sondern einzig auf den Prüfungserfolg ausgerichtet, wird der Unterricht von den Schülern nicht mehr als sinnvoll empfunden.

Um eine “Bulimie-Schule” zu verhindern, gilt es zudem, bei Prüfungen nicht Auswendiggelerntes abzurufen, sondern verknüpfendes (Weiter-)Denken und Kreativität zu fördern. Solche Tests zu schreiben, ist aufwändig, einzig solche Tests bereiten jedoch auf komplexe Lebenssituationen vor.

Schule als einmalige Chance

Nebst den Lehrern ist die Ursache für den als unsinnig empfundenen Unterricht bei der Einstellung der Schüler zu suchen: Erst nach der Schulzeit sehen viele ein, wie sehr sie profitieren konnten, und bereuen, dass sie das Wissensangebot nicht stärker genutzt haben.

Ein frisch ausgebildeter Maturand kann heutzutage ein Wissen sein eigen nennen, das er in dieser Breite im späteren Leben nie mehr erreichen wird: Nach dem Gymnasium spezialisiert sich jeder und vergisst das meiste des Gelernten wieder.

Dass Gymnasiasten viel lernen, das sie im späteren Leben nicht konkret anwenden können, liegt in der Philosophie des Gymnasiums begründet: Das Gymnasium dient der Allgemeinbildung. Die unterschiedlichsten Disziplinen werden den Schülern vorgestellt, damit sie sich einerseits im späteren Leben überall ein wenig auskennen und andererseits herausfinden können, wo ihre Stärken und Interessen liegen. Dass sich nicht jeder Schüler für alles gleich stark begeistert, liegt hierbei auf der Hand.

Mittel zum Zweck

Einen weiteren Grund für die Bulimie-Schule findet sich letztlich in der gesellschaftlichen Ökonomisierung: Heute dient vieles lediglich als Mittel zum Zweck. So auch das Gymnasium, dessen Besuch nicht mit Blick auf das dort erwerbbare Wissens angestrebt wird, sondern wegen der Matur. Das Gymnasium ist jedoch nicht bloss ein Zugangsticket für die Universität, es vermittelt auch gesellschaftliche Werte, kritisches Denken, Faszination für unsere Welt und unterstützt die Selbstfindung der Schüler. Letztlich lernt so jeder Schüler auf seine Weise, was er fürs spätere Leben braucht.

Es kann somit nicht bestritten werden, dass Schüler zu einem wesentlichen Teil für die Schule und im Hinblick auf die Noten lernen. In gutem Unterricht lernen Schüler aber ebenso fürs Leben.