Kultur | 28.01.2014

Ein Grüninger für alle

Regisseur Alain Gsponer steht mit "Akte Grüninger" in der Kritik, sich zu viele erzählerische Freiheiten genommen zu haben. Nach einem Podiumsgespräch zum Film erhärtet sich der Verdacht: Er wollte es doch nur allen recht machen.
"Der Film geht nicht um Grüninger."
Bild: zVg. / Solothurner Filmtage

“Der Film geht nicht um Grüninger. Grüninger ist nicht einmal die Hauptfigur!”, haspelt Alain Gsponer und überrascht mit diesem Geständnis nicht nur die Zuhörer im Uferbau, sondern vermutlich auch sich selbst. Zu seiner Rechten sitzt einer der Hauptakteure im langwierigen Prozess um Paul Grüningers Rehabilitierung: der Journalist und Historiker Stefan Keller. Er gilt als der Grüninger-Experte schlechthin und unterstützte den Regisseur während den Dreharbeiten mit seinem Fachwissen. Mit dem fertigen Film habe er jedoch “Mühe”. Denn die eigentliche Hauptfigur sei, und das liegt ganz in Gsponers Absicht, ein gewisser Robert Frei, der als Detektiv aus Bundesbern die Ermittlungen gegen Grüninger aufnimmt. Das Problem: Frei ist – nomen est omen – frei erfunden.

 

Wie Grüninger zum Nebendarsteller wurde

Wer nun denkt, dieser Kunstgriff sei notwendig gewesen, um den komplexen Fall auf spielfilmtaugliche 90 Minuten zu verdichten, überschätzt die Ambitionen des Regisseurs. Gsponer ging es ganz einfach um die klassische dramatische Heldenreise, in deren altbewährtes Schema sich Grüninger partout nicht einfügen wollte und deshalb dem fiktiven Frei den Vortritt lassen musste. Realgeschichte richtet sich eben nicht nach Vorgaben aus dem filmdramaturgischen Grundkurshandbuch. Die eigentliche Frage lautet doch: Sollte ein Film über Grüninger eher der historischen Persönlichkeit oder den mutmasslichen Erwartungen eines Mainstreampublikums gerecht werden?

 

Ist das Marketing Schuld?

Für den Regisseur erübrigt sich das Dilemma. Denn wie bereits gesagt: “Der Film geht nicht um Grüninger!” Der Titel behauptet das vielleicht, aber dafür kann Gsponer nichts: Er habe Grüningers Name gar nicht im Titel gewollt, das sei die Entscheidung der Marketingabteilung gewesen. Ob er rückblickend betrachtet dann vielleicht nicht besser einen rein fiktiven Spielfilm gedreht hätte, fragt Filmwissenschaftlerin Marcy Goldberg. Sie hat durch kritisches Nachhaken die ganze Podiumsdiskussion erst richtig ins Rollen gebracht. Und auch diesmal trifft sie voll ins Schwarze: Immerhin wird Grüninger in der defensiven Darstellung des Regisseurs zum marketingtechnischen Stichwortgeber degradiert.

 

 

Ein Grüninger für alle

“Wenn man einen erfolgreichen Film will in der Schweiz, wo die Leute auch reingehen und mit dem man etwas bewirkt, dann muss man das so machen”, beharrt Gsponer immer noch ganz im Verteidigungsmodus. “Würde man es anders machen, hätte der Film keine Relevanz.” In anderen Worten: Die Verfilmung eines historischen Stoffs erhält ihre Relevanz dadurch, dass sie sich möglichst den allgemeinen Sehgewohnheiten anpasst. Der Film möchte ein grosse Publikum erreichen und dabei ja keinen vor den Kopf stossen. Eine Kontroverse vermeiden um jeden Preis, damit auch alle brav ins Kino trudeln und später sagen: “Der hat aber gut gespielt, der ähm… Dings.” Nur ist Grüninger vielleicht nicht der richtige Mann, um aus seinem Schicksal einen rückgratlosen Omnibusfilm zusammen zu schustern. Aber vergessen wir fairerweise nicht: “Der Film geht nicht um Grüninger.”