Kultur | 21.01.2014

Aufs Äusserste treibts nur die Liebe

Am Theater St. Gallen feierte das bürgerliche Trauerspiel "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller Premiere. Das 1784 uraufgeführte Stück, welches zu den bedeutendsten deutschen Dramen zählt, zeigt die leidenschaftliche Liebe zwischen der bürgerlichen Musikertochter Luise und dem Adelssohn Ferdinand. Diese wird durch niederträchtige Intrigen - damals Kabalen genannt - zerstört.
Streit und Frieden im Gegensatz. Sven Gey (Ferdinand), Meda Gheorghiu-Banciu (Luise), Matthias Albold (Miller) und Silvia Rhode (Millers Frau).
Bild: Tine Edel Das Leben in einer Welt voller unbeeinfluss- barer Macht, Angst, Kampf und Willens- behauptung. Oliver Losehand (Wurm) und Meda Gheorghiu-Banciu (Luise). Tine Edel

Das Publikum verstummt langsam und richtet seine Aufmerksamkeit auf die Bühne, auf der mehrere Liegen stehen, die an Totenbahren erinnern. Drei weisse Wände, an die während der Aufführung Videoaufnahmen (Videodesign: Mélanie Moser) projiziert werden, schaffen zusammen mit dem weissen Boden eine klinische Atmosphäre.

 

«Seligkeit zerstören ist auch Seligkeit«

Das Schauspiel, das kurz darauf beginnt, spielt in der von Absolutismus geprägten Zeit der Aufklärung und zählt zur Epoche des Sturm und Drang. Das Stück ist aber nicht ausschliesslich in der Welt des Adels situiert, sondern auch in jener des Bürgertums. Es erzählt von Intrigen zwischen zwei Gesellschaftsschichten.

 

Die bürgerliche Luise Miller (Meda Gheorghiu-Banciu) und der Adelssohn Ferdinand von Walter (Sven Gey) führen eine innige Liebesbeziehung, die sich über alle Standesordnungen hinwegsetzt. Sowohl der Vater Ferdinands (Bruno Riedl) als auch Luisens Vater (Matthias Albold) lehnen die Beziehung ihrer Kinder ab.

 

Der machtbesessene Präsident und Vater von Walter möchte seinen Sohn mit Lady Milford (Boglárka Horváth), der Mätresse des Herzogs, verheiraten. Zu dieser begibt sich Ferdinand, um sie von der Verbindung abzubringen und um ihr von seiner Liebe zu Luise zu berichten. Leider ist die Eheschliessung zwischen Ferdinand und Lady Milford bereits in aller Munde. Doch nachdem Lady Milford persönlich mit Luise gesprochen hat und deren Unschuld und Selbstlosigkeit erkennt, gibt sie ihre Heiratsabsichten auf.

 

Liebe oder Tod

Darauf bedroht der Präsident die Familie Miller, was dazu führt, dass Luise ihren Geliebten freigibt. Ferdinand hingegen will die Liebe nicht kampflos aufgeben und plant, die korrupten Machenschaften seines Vaters öffentlich zu machen.

 

Dies führt dazu, dass Luisens Eltern grundlos verhaftet werden und Luise von Wurm (Oliver Losehand) – der intrigante Sekretär des Präsidenten – gezwungen wird, einen Liebesbrief an Hofmarschall von Kalb (Christian Hettkamp) zu verfassen, der Ferdinand zugespielt wird. Auch muss sie schwören, den Brief als aus freiem Entschluss geschrieben auszugeben. Ferdinands Misstrauen wird nun mit Eifersucht und Rachegelüsten gepaart. Er sieht keinen anderen Ausweg und bringt sich selbst und Luise ums Leben. Sterbend offenbart ihm Luise die Intrige und vergibt Ferdinand, der die selbstlose Treue seiner Geliebten erkennt.

 

Schillernde Texte

Regisseur Thilo Voggenreiter hat das Stück modern inszeniert. Speziell sind die kaum erkennbaren Szenenwechsel und Figuren, die in der Szene eigentlich nicht vorkommen, trotzdem auf der Bühne stehen. Dies bringt Dynamik und Überraschung ins Schauspiel.

 

Das Bühnenbild von Elisabeth Pedross bleibt während der zwei Stunden dauernden Aufführung praktisch unverändert, was einen starken Gegenpol zu den oft pompösen Umsetzungen von klassischen Werken erzeugt. Auch die Kostüme (ebenfalls Elisabeth Pedross) sind zeitgenössisch. Ob man in den eleganten dunklen Anzügen und Uniformen, die der Adel trägt, eine Verbindung zu den Bankern und Topmanagern der heutigen Zeit herstellen kann, sei dahingestellt. Die brillanten, teils witzigen Texte Schillers werden mit der schlichten Inszenierung ins beste Licht gerückt und erhalten die volle Aufmerksamkeit des Publikums.

 

«Toren sinds, die von ewiger Liebe reden«

Das Stück hat nur wenig von seiner Aktualität eingebüsst. Auch wenn die machtgierige Welt des Hofes sowie das ohnmächtig dastehende Bürgertum längst vergangenen Zeiten angehören – das Thema Liebe kommt niemals aus der Mode.

 

Die Frage, was genau Liebe ist, lässt sich auch heute noch stellen. Wie weit kann man im Namen der Liebe gehen? Wie lange hält sie an? Darf Liebe so egoistisch sein, wie jene Ferdinands und das ausschliessliche Eigentum eines anderen Menschen fordern?

 

Antworten auf diese Fragen bietet Schiller in seinem sozialpolitisch angehauchten Stück nicht. Doch die gelungene Inszenierung regt an zum Nachdenken über Anpassung und Eigensinnigkeit, Vertrauen und Misstrauen, Grenzen und Freiheit, Liebe und Hass, Streit und Versöhnung. Klar wird jedoch, dass die Liebe nicht immer nur rosa ist und Menschen auch bis zum Äussersten treiben kann. «Arm in Arm mit dir zur Hölle!«, wie Sekretär Wurm am Ende des Stücks sehr treffend bemerkt.


 

“Kabale und Liebe” wird noch bis zum 30. März am Theater St. Gallen aufgeführt.

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