Gesellschaft | 18.12.2013

Verjüngungskur der Kirche

Text von Sandro Bucher | Bilder von Beat FF/PicasaWeb
Es galt als eine der grössten Überraschungen des noch jungen Jahres, als Papst Benedikt XVI. Ende Februar seinen Rücktritt verkündete. Mit der frühzeitigen Beendigung seines Pontifikats ebnete er den Weg für einen neuen Papst - Jorge Maria Bergoglio aus Argentinien. Seine Visionen einer Kirche für die Armen wurde belächelt. 300 Tage später sieht die Situation anders aus. Dennoch müssen seine Worte differenziert betrachtet werden.
Die katholische Kirche erlebt ihren zweiten Frühling.
Bild: Beat FF/PicasaWeb

In den Skandaljahren 2010-2013 verlor die katholische Kirche nicht nur ihre Glaubwürdigkeit, sondern auch das Vertrauen hunderttausender Katholiken. Viele Gläubige konnten über die Pädophilie-Vorwürfe an ranghohen Bischöfen, Priestern und Pfarrern nicht hinwegsehen und wendeten der Kirche den Rücken zu.

 

Die Beliebtheit der Kirche war auf einem neuen Tiefpunkt angelangt, die Zahl der Kirchenmitglieder sank täglich im vierstelligen Bereich. Berechtigterweise stellten sich viele Theologen und “Laien” nach dem Rücktritt von Benedikt dem XVI. die Frage: Kann ein einzelner Mann das Schiff Petri wieder auf Kurs bringen? Jorge Maria Bergoglio hat bewiesen: Ja. Er kann.

 

Frischer Wind im Vatikan

Als Papst Franziskus in den Vatikan zog, riss er die Fenster des Petersdoms auf und vertrieb den neokonservativen Mief der Benedikt-Ära. Es war ein notwendiger Akt der Entrümpelung altbewährter Traditionen. Franziskus war klar, dass an ihm die Glaubwürdigkeit der Kirche neu bemessen werden würde.

 

Und so tat er, was getan werden musste. Das Brechen von Traditionen mag bei vielen verklemmten Kirchenbrüdern und Traditionalisten für Missgunst gesorgt haben. Unberührt von der Kritik aus der konservativen Ecke vereinfachte Franziskus seine Kleidung, veränderte das Protokoll, verzichtete auf seine Papstresidenz und wohnt bis heute im Gasthaus des Vatikans.

 

Seine Schweizer Gardisten schickt er des Nachts auf die Strassen, damit sich die obdachlosen Bürger Roms sicherer fühlen. Vor einigen Tagen machten Gerüchte die Runde, dass Papst Franziskus während der Nacht sogar selbst aus dem Vatikan schleichen soll, um sich um die Obdachlosen und Armen der Ewigen Stadt zu kümmern. Dieses Verhalten würde durchaus zu ihm passen. Immerhin küsst und wäscht er mehrmals im Monat die Füsse von italienischen Häftlingen.

 

Die Kehrseite der Medaille

Der Erfolg der katholischen Kirche ist damit aber noch lange nicht gesichert. Die Gefahr des Scheiterns besteht weiterhin. Trotz seiner lobenswerten Einstellung und seinem selbstlosen Auftreten hat Franziskus bereits viele neue Feinde gewonnen. Innerhalb des Vatikans sind dies erzkonservative Lobbys, die um ihren Reichtum und ihre Macht fürchten. Ausserhalb des Vatikans ist dies die italienische Mafia, die seit Jahren ihre Gelder in der kircheneigenen Bank IOR waschen. Auch sie wären durch eine radikale Umwandlung des Kirchensystems betroffen.

 

Nicht nur neue Feinde hat sich Papst Franziskus geschaffen. Auch er selbst könnte sich im Wege stehen. Der Pilgerweg Franziskus muss nämlich differenzierter betrachtet werden, als dies viele Medienhäuser bis anhin tun. Es darf nicht darüber hinwegsehen werden, dass Jorge Maria Bergoglio zu seiner Zeit als Erzbischof und Kardinal von Buenos Aires des Öfteren mit besonders kernigen und extremen Aussagen auf sich aufmerksam machte. “Wer nicht zu Gott betet, der betet zu Satan”, meinte er einst.

 

Desweiteren bezeichnete er gleichgeschlechtliche Ehen als ein Werk des Teufels. Auch in seinem Amt als Papst predigt Bergoglio gegen die Rechte von Homosexuellen und die Gleichstellung von Frauen. Davon liest man kaum in der Presse. Die Berichterstattung über Religion hat einen Geruch der Unfreiheit an sich. Denselben Geruch kann man immer noch in den heiligen Hallen des Vatikans vernehmen. Nur vermischt sich dieser nicht mehr mit dem Mief der Benediktpolitik.