Gesellschaft | 21.12.2013

Staatliches Spendenmarketing

Text von Roman Zech | Bilder von Oliver Hochstrasser
Spenden statt schenken ist in. Wie offensiv darf für Solidarität geworben und darf Spendenmarketing mit öffentlichen Rundfunkgebühren finanziert werden? Eine Kosten-Nutzen-Analyse zur Sammelaktion "Jeder Rappen zählt" des Schweizer Fernsehens.
Während die Glückskette dank SRF Millionenbeträge in der Adventszeit sammelt, beklagen sich andere Hilfswerke über rückläufige Spendeneinnahmen. Kritische Worte zur staatlich verordneten Spendenaktion JRZ.
Bild: Oliver Hochstrasser

Sie sind wieder da. Die, die noch vor einem Jahr eine Woche lang in einer Glasbox am Europaplatz in Luzern ausgeharrt hatten und dieses Jahr sogar bis in die Ostschweiz fahren, um die Schweiz zum Spenden zu bewegen. Jeder Rappen zählt (JRZ) ist eine schöne Aktion in der Adventszeit. Ich habe bisher jedes Jahr gespendet.

 

Einen Song habe ich nie gekauft. Auch den Spendenschlitz habe ich nie in Echt gesehen, geschweige denn ein Nötli reingesteckt oder einem hustenden Nik Hartmann “gute Besserung” zugerufen, als sich auf SRF 3 wieder eine Hustsinfonie anbahnte.

 

Das Spendenkonto der Glückskette hat auch keinen Betrag von mir verbucht. Ich wurde nie namentlich erwähnt in der Laufzeile im Fernsehen. Ich wollte nie wissen, für wen sie sammelten. Und doch: Ich kann gut ein Jahr nach dem letzten JRZ noch sagen, für welches Thema gesammelt wurde.

Ganz unromantisch habe ich auch nicht zur Adventszeit gespendet. Sondern im August, als mir so heiss war, dass ich gar nicht an die armen Kinder in Slums denken wollte.

Per E-Banking überwies ich den Betrag der Billagrechnung.

 

Etwas salopp formuliert, finanzieren so die Fernsehzuschauenden und Radiohörenden eine Spendengala der Extraklasse, die sie dann dazu aufruft, nochmals Geld für die Armen auszugeben. Verrückt.

Würde SRF die gesamte Sendezeit von Jeder Rappen zählt als Werbespot an die mit Millionen beglückte Hilfsorganisation Glückskette verkaufen, schriebe diese rotere Zahlen als ihr Logo.

 

Von dieser gewaltigen, staatsfinanzierten Spendensammlung können andere Hilfswerke nur träumen. Sie beklagen sich darüber, massiv Einnahmen zu verlieren. Denn die meisten Leute spenden jedes Jahr für eine einzige Organisation und berücksichtigen dabei eher die gut umworbene Glückskette-Aktion statt ein kleines, möglicherweise sinnvolleres Hilfswerk ohne staatlich finanziertes Marketing.

 

Heute sitze ich im Büro und höre zum Arbeiten einen kleinen Lokalsender. Ich bin froh darüber, dass mich kein Ritschi mit seinem Hit zum Spenden für JRZ auffordert – ein kluger Marketing-Schachzug des Plüsch-Leadsängers.

Dass SRF 3 der (selbsternannt) beste Sender mit den einzig wahren Radiomoderatoren-Sammelhelden ist, mag stimmen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl in den letzten Jahren war einzigartig.

Trotzdem: Das Kerngeschäft von SRF ist die Information und die kommt während “Jeder Rappen zählt” zu kurz.