Gesellschaft | 10.12.2013

Sind zehn Prozent Solidarität?

Text von Veronika Henschel | Bilder von Sara von Salis
Der umstrittene Rohstoffriese Glencore wird immer wieder beschuldigt, die Menschenrechte massiv zu verletzten. Nun kommen einige Gemeinden im Kanton Zürich zu Geld aus der Glencore-Börsengang-Kasse. Sechs davon wollen das Geld spenden - an die Länder, die durch Glencore ausgebeutet werden.
Glencore hat seinen Sitz in Zug. In den Schweizer Medien treten sie jedoch kaum in Erscheinung.
Bild: Sara von Salis

“Der stille Riese”, so wird das Rohstoffunternehmen Glencore oft bezeichnet. Nur selten hört man von ihm, und Kontakt mit dem Unternehmen aufzunehmen, ist schier unmöglich. Nur wenn Menschenrechts-, Umweltaktivisten oder ähnliche Organisationen auf die Zustände und Vorgehensweisen der Firma aufmerksam machen, schafft es Glencore wider Willen in die Öffentlichkeit. Ansonsten scheffeln sie still und heimlich Milliarden von Franken.

 

Hausen handelt solidarisch

Aufgrund des Börsengangs des Zuger Rohstoffkonzerns im Jahr 2011 fiel ein grosser Gewinn für CEO Ivan Glasenberg an, der in Rüschlikon im Kanton Zürich Steuern zahlen muss. Durch den Finanzausgleich kommen einige Gemeinden zu einem unverhofften Geldgeschenk: Hausen am Albis etwa erhielt 750’000 Franken – einfach so, durch Glencore. Viele Gemeinden haben den Geldsegen dankend angenommen. Doch in Hausen wie auch in fünf anderen Gemeinden gibt es die Initiative “Rohstoffmillionen – Hausen am Albis handelt solidarisch”.

 

Die Initianten sind sich bewusst, dass sie nur dank anderer Menschen von diesem Geld profitieren können und wollen einen Teil davon zurückgeben. Letzte Woche wurde die Initiative angenommen, wie schon im September in Hedingen. Die Gemeinden werden also einen Teil des Geldes an Hilfsprojekte in Kolumbien, Bolivien und im Kongo spenden. Am 10. Dezember, dem internationalen Tag der Menschenrechte, stimmt nun Obfelden als letzte Gemeinde über die möglichen Steuerspenden ab.

 

Solidarisch genug?

Spenden an Hilfswerke sind auf den ersten Blick ein hochmoralischer Akt. Und doch kommen Fragen auf. Alle Abstimmungen fielen sehr knapp aus, die angenommenen wie die abgelehnten. Ein klares Votum für solidarisches Handeln lässt sich da nicht finden. Ausserdem geht es um einen Bruchteil der geschenkten Summe: zehn Prozent. Kann man zehn Prozent wirklich als solidarischen Akt bezeichnen? Zehn Prozent sind besser als nichts, ganz klar. Und doch bleibt die Frage, wofür die restlichen neunzig Prozent verwendet werden und wie die Gemeinden die Annahme dieses umstrittenen Geldes rechtfertigen. In Hedingen wurde der Vorschlag, die gesamte Summe zu spenden, mit 35 zu 50 Stimmen abgelehnt.

 

Zu feige!

Zweifelsohne kann man es als beinahe historisch bezeichnen, dass Gemeinden ein Geldgeschenk weiterverschenken, vor allem in Zeiten des Sparens. Und doch bleibt ein bitterer Nachgeschmack: Dass nur zehn Prozent der Summe gespendet werden sollen und nicht konsequentere Mittel ergriffen werden, die schmutzigen Geschäfte von Glencore zu stoppen, zeugt von feiger Bequemlichkeit.

 

Wie so oft trauen viele sich nicht, für ihre eigentlichen Überzeugungen einzustehen und klare Grundsatzentscheide zu fällen. Stattdessen verstecken wir uns hinter zehn Prozent und Urnen und renovieren unsere Schulen. Dabei vergisst man, dass dieses Geld mit dem Blut unzähliger Menschen aus Bolivien, Kongo, Kolumbien, Sambia und anderen Ländern befleckt ist. Was noch alles passieren muss, um uns endlich von unseren Hockern auf die Strasse zu reissen – ich weiss es nicht. Zu hoffen bleibt, dass kritische Stimmen wie aus den Initiativkomitees der Zürcher Gemeinden nicht verstummen und stattdessen mutiger werden. Mutig genug, nachweislich dreckiges Geld von Glencore vollumfänglich abzulehnen.

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