Kultur | 09.12.2013

Orte im Aktivitätsrausch

Text von Jutta Galizia | Bilder von zvg
In der ganzen Schweiz gibt es leere Häuser, Räume oder stillgelegte Fabriken. Hier kommen Zwischennutzungsprojekte zum Zug. So kann Kulturhunger gestillt werden.
Das Zwischennutzungsprojekt Tatort in Luzern.
Bild: zvg

In der Stadt Luzern gibt es zwei aktuelle Zwischennutzungsprojekte, die in der Startphase stehen. Die Rede ist vom sogenannten Tatort an der Bernstrasse und vom ehemaligen Hallenbad an der Bireggstrassse. Die Zwischennutzung ist eine Form, um leerstehende Häuser neu zu beleben, bevor sie einer Neuüberbauung weichen. Deshalb sind Zwischennutzungen meist befristet. Im Falle des Neubads handelt es sich um fünf bis sechs Jahre und beim Tatort sind es eins bis zwei Jahre.

 

Der Mensch braucht Raum

“Leere Häuser sind reine Platzverschwendung.” Das sagt Zwischennutzungs-Aktivist Lukas Geisseler. “Jeder Mensch braucht Räume, um sich auszudrücken, auszutoben und mit anderen auszutauschen.”  Dies ist die Überzeugung von Geisseler, Mitglied des Vereins Tatort. Leere Räume seien deshalb immer gefragt, meint er. “Es braucht Kunst und Kultur”, erklärt Vereinsmitglied Adriana Zürcher, “denn sie schafft in einer Stadt eine sozial aktive Atmosphäre, ein Ort, wo alle spüren, dass hier was passiert.”

 

Die Luzerner Wohngenossenschaft hat die Hausnummer 94 ausgeschrieben für Leute, die hier etwas kreieren möchten. Sieben interessierte Personen haben sich dann in der Luzerner Absteige Metzgerhalle getroffen und ein Konzept zusammen erarbeitet. Darunter Lukas Geisseler, Adriana Zürcher und Beatrice Stierli, die später den Verein Tatort Bernstrasse gegründet und das Projekt umgesetzt haben.

 

Weil in der Kneipe zu dieser Zeit ein Tatort gedreht wurde, heisst das Projekt nun Tatort. Hier sollen dereinst viele Häuser, die einen mächtigen Charme versprühen, abgerissen werden. Diese Zukunft steht auch dem Tatort-Haus bevor, sowie es schon der Nummer 96, seinem Nachbarn, ergangen ist. Da wo die 96 stand, klafft jetzt ein brauner Fleck. Dreck und Abfall liegen herum und am Ende des ehemaligen Hauses steht sorgfältig gesetzt ein kleines Stück Wand mit dem Hausnummernschild 96 darauf. Wie ein Grabstein ragt es stolz und tapfer in die Höhe. In ein paar Jahren wird hier vielleicht ein kleiner Häuser-Friedhof liegen.

 

Ein Ort der Taten

An der Bernstrasse 94 soll ein bunter Ort entstehen. Im ehemaligen Gallati-Haus sollen Ateliers entstehen und eine offene Plattform für Ausstellungen. Am 27. September fand das Eröffnungsfest des Tatorts mit Musik und Geschichten sowie einer Vernissage der ersten Ausstellung statt.

 

Eine schmale Tür steht offen, aus dem Haus ertönen Stimmen und Geräusche. Die Treppe führt nach unten in den Keller. Dunkle Räume warten, die einiges erzählen. Sie sind geheimnisvoll. Eine Gifttabelle hängt an der Wand und an einer Türe steht: Nur für Servicepersonal. Kleine Fenster sind die einzigen Lichtpunkte. Die Kunst hier unten passt sich den Räumen an, sodass nie ganz klar wird, was konstruierte Kunst ist und was das Haus hervorgebracht hat.

 

In den oberen Stockwerken sind die Ateliers untergebracht. Alle frisch gestrichen, die Luft transportiert einen Duft von Farbe. Adriana, Mitinitiantin des Tatorts, sagt: “Die Leute, denen wir die Ateliers vergeben haben, sind dankbar. Denn alles, was es braucht, um die Schaffenskraft ausleben zu können, ist Platz.”

 

Neu badet man in Kultur

Das Badewasser ist weg. Es wurde ersetzt mit Kultur. Neubad: Der Begriff verrät schon einiges. Wenn man eintritt, liegt ein Chlorduft in der Luft. Dieses Gebäude war einmal ein Ort, an dem Menschen schwammen, duschten, entspannten, sich in Kabinen umzogen und Haare trockneten.

 

Von diesen vergangenen Aktivitäten ist noch viel zu spüren, wenn man durch die Räume geht. Der Weg führt durch Dusch- und Umkleidekabinen, durch das grosse und kleine Becken. Der Raum ist hoch. Er wirkt beinahe gigantisch. Die leere Rutschbahn scheint über dem Nichts zu schweben – das Wasser fehlt. Alles was an das Hallenbad erinnert, wurde bewusst belassen. Wer früher hier baden ging, sah nur die Hälfte dieses Raumes, da die Becken mit Wasser gefüllt waren. Doch jetzt ist sein ganzes Volumen sichtbar und wenn im grossen Becken ein Konzert gespielt wird, schweben in den Köpfen der Zuhörer die Bilder von badenden Menschen.

 

“Jetzt geben wir Gas!”

Die Ausschreibung des leeren Gebäudes wurde über die Homepage der Stadt Luzern und in einer Medienmitteilung kommuniziert. Nach dieser Mitteilung haben sich viele Interessierte zusammengesetzt und ihre Ideen ausgetauscht. Beim Neubad haben sich Interessierte via Facebook organisiert. In wenigen Wochen entwickelten diese Leute ein Konzept zur Weiterführung des Hallenbades, welches der Stadt übergeben wurde. “Und wir haben uns gegen andere durchgesetzt und gewonnen!”, freut sich  Neubader Mario Stübli. Aus vier Projekten hat die Stadt das Neubad ausgewählt.

 

Offenes Haus für alle

“Das Neubad soll viele Lücken füllen”, das ist für den Neubader Mario klar. Das Neubad soll zu einem Quartiertreffpunkt werden für alle Leute von klein bis gross und von jung bis alt. Hier soll ein innovativer Ort für Veranstaltungen entstehen, der offen ist für alles – Theater, Konzerte, Sitzungen, Ausstellungen, Märkte, Workshops. Das ganze Volk solle seine Ideen vorbringen.

 

Im unteren Stockwerk, im grossen Umkleideraum soll der Atelierbereich entstehen. Die Idee des Atelierbereichs ist es, dass alle ihre offenen Bereiche haben. So entsteht eine Zone des Austausches und der Kooperation von Künstlerin zu Künstler. Auch Jungunternehmer können hier ohne grosse Geldsorgen ihren Kopf brummen lassen und langsam wachsen. Mario ist begeistert: “Wenn man daran denkt, was hier schon passiert und noch passieren wird in den nächsten fünf Jahren.”