Kultur | 11.12.2013

Lebendige Linien

Am diesjährigen Upcoming Filmakers in Luzern war das Genre Animation gleich mit sieben Filmen vertreten. Die Schweizer AnimationsfilmerInnen überzeugten vorallem durch die grosse Formenvielfalt. Sie bewiesen, dass anspruchsvolle Geschichten nicht immer lebendige Akteure benötigen, um erzählt zu werden.
Grandpère von Kathrin Hürlimann erzählt von ihrem Grossvater und ist einer von sieben Animationsfilmen, die am UFM gezeigt wurden.
Bild: zVg, Kathrin Hürlimann/Hochschule Luzern

Der Strich auf Papier bewegt sich. Analog Gezeichnetes wird digitalisiert. Zwanzig stille Bilder ergeben im Film das Lachen einer Frau. Wir sprechen von der Faszination Animation. Für eine Sekunde Bewegung im Film braucht es sechs bis zwanzig Zeichnungen. Dabei gilt: Je komplexer die Bewegung, desto mehr Bilder. Mit der Faszination Animation ist also auch ein Vorrat an Geduld verbunden.

 

Ein Kiosk als Gewand

Zwei Jahre beschäftigte sich Anete Melece mit ihrem Animationsfilm Der Kiosk. Eine übergewichtige Frau steckt wortwörtlich in ihrem Kiosk fest, da dieser nicht viel grösser ist als sie selbst. Dieses eintönige Leben hat sie satt.

Oft träumt die Frau im Kiosk von Sonnenaufgängen über dem Meer – wie auf den Bildern, die sie an den Wänden hängen hat. Als sie eines Morgens die Zeitungen holen will und diese nicht zu fassen kriegt, da sie wegen ihrem Übergewicht nicht aus dem Kioskhäuschen kommt, verliert die Frau das Gleichgewicht und fällt mitsamt dem Kioskhäuschen der Länge nach hin. Und siehe da, der Kiosk ist wie ein normales Gewand, eine Hülle, in der man gehen kann. So entsteht der wandelnde Kiosk, mit dem die Frau schliesslich an den Ort ihrer Träume gelangt.

In der letzten Szene sieht man den Kiosk und seine Bewohnerin, wie sie glücklich am Strand wohnen und der Sonne zusehen, die gerade aufgeht.

 

Im Film ersetzen Bilder die Sprache, was den Abbildungen eine zusätzliche Bedeutung verleiht. Unterlegt wird der Animationsfilm mit einem sprachähnlichen Nonsens, der die Geräuschkulisse eines Kiosks nachahmt. Obwohl unverständlich, unterstützt die Unsinnssprache die Wirkung der Bilder.

Hinzu kommt die Mimik und Gestik der Figuren, die mit einfachen Mitteln Gefühlsregungen darstellen. Ein Film, der das Herz erwärmt mit feinem Humor und schönen Ideen. Und einer, der optimistisch macht, denn man sieht die Geschichte einer Frau, die trotz schwierigen Umständen zu ihrer Freiheit findet.

 

Ein Lachrausch

History of Virginity von Sophie Haller beschäftigt sich mit der Geschichte der Jungfräulichkeit, die im Wandel der Gesellschaft unterschiedliche Bedeutungen angenommen hat. Der Film explodiert geradezu vor Ironie und Witz. Immer wieder bemerkt man das Augenzwinkern der Macherin hinter der Geschichte.

Als die Szene eines zwielichtigen Forscher gezeigt wird, der auf dem Friedhof Frauen ausgräbt, um Merkmale für die Jungfräulichkeit zu finden, nimmt der Film bizzare Züge an. Im Hintergrund redet eine typische Dokumentarfilmstimme und kommentiert das Bild. Witzig ist, dass diese Stimme ernsthaft von der Geschichte erzählt, während im Bild alles ins Lächerliche gezogen wird. History of Virginity versetzte das Publikum in einen nicht endenden Lachrausch.

 

Grossväter erzählen

“Ich bin stolz einen revolutionären Grossvater zu haben.”, antwortet Kathrin Hürlimann, Gewinnerin des zweiten Preises in der Hauptkategorie anschliessend an die Vorführung ihres Films Grandpère. “Ich denke für ihn war der Brand die einzig richtige Lösung.”

 

Der Film handelt von ihrem Grossvater, der in der Telefonzentrale PTT Hottingen arbeitete und sich dort immer unwohler fühlte, weshalb er am Schluss in eben dieser Zentrale einen Brand legte. Hürlimann wollte sich so rächen. Die Geschichte wird von Katrin selbst auf Schweizerdeutsch erzählt und mit kraftvollen Bildern unterstützt. Die Bildsprache ist linear und reduziert. Die weissen Linien auf schwarzem Hintergrund schaffen sofort eine düstere Stimmung, in welcher der Grossvater täglich arbeitet. Unterbrochen wird die Geschichte mit realen Einblendungen der Tagesschau, die von der Tat berichtet. Der Film würdigt den kleinen Arbeiter, der von einem Unternehmen wenig wahrgenommen und auf dessen Bedürfnisse kaum eingegangen wird.

 

Man sieht: die Möglichkeiten für Animationsfilme sind riesig. Das Upcoming Filmmakers trägt 2013 der Vielfältigkeit dieses Genre Rechnung und zeigt gleich mehrere Perlen des Schweizer Animationsfilmschaffens.