Gesellschaft | 02.12.2013

Der Nachfrage gewachsen

Text von Helen Dahdal | Bilder von zVg
Von der steigenden Anzahl an Studierenden sind bestimmte Studiengebiete, allen voran die Sozialwissenschaften, stark betroffen. Dies birgt in Sachen Betreuung und Kosten neue Herausforderungen für die Universitäten. Tink.ch sprach mit Professor Klaus Armingeon, dem Direktor des Instituts für Politikwissenschaften an der Universität Bern, über die neuen Herausforderungen, einen möglichen Numerus Clausus und die Akademisierung unserer Gesellschaft.
Professor Klaus Armingeon über den Numerus Clausus, Sozialwissenschaften und zukünftiges Studieren.
Bild: zVg

Tink.ch: Prof. Armingeon, die Unis verzeichnen laufend neue Rekorde: Immer mehr junge Leute wollen studieren. Ist dieser Trend der Akademisierung problematisch für die Schweizer Arbeitswelt?

Prof. Armingeon: Hier gibt es unterschiedliche Ansichten. Sicher wissen wir aber, dass unsere Gesellschaft immer mehr auf tertiäre Bildung angewiesen ist (Anm. der Redaktion: Tertiäre Bildung bezieht sich auf den Bildungsbereich der Hochschulen und höheren Berufsbildung). Die Berufsbildung ist aber ebenfalls ein erfolgreiches Modell. Es darf daher nicht untergehen, sondern es muss komplementär zur Tertiärisierung weitergeführt werden.

 

Die Studierenden wählen darüber hinaus gerne sozialwissenschaftliche Studienrichtungen. Warum glauben Sie ist diese Studienrichtung so beliebt?

Bei den Sozialwissenschaften haben wir insbesondere in der Politikwissenschaft und auch bei der Kommunikationswissenschaft eine starke Nachfrage. Das liegt wohl daran, dass wir hier in Bern Ausbildungsgänge anbieten, die eine grosse Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Unsere Studierenden kommen im Regelfall gut unter.

 

Woher meinen Sie kommt das Interesse für die Politikwissenschaft?

Politik entscheidet über unser Schicksal. Es ist ein wichtiges Gebiet und bietet viele interessante Fragestellungen.

 

Man munkelt über eine Einführung des Numerus Clausus bei Sozialwissenschaften. Wie ist es an Ihrer Fakultät?

Wir haben in den Sozialwissenschaften ein gutes Betreuungsverhältnis. Falls die Anzahl der Studierenden weiter ansteigt, können wir ausbauen. Kurz gesagt: In den Sozialwissenschaften ist es kein Thema. Politisch wäre der Numerus Clausus auch schwer durchsetzbar und im Rahmen der Reglemente würde er auf Probleme stossen.

 

Angesichts der steigenden Studierenden, welche Massnahmen würden Sie für sinnvoll halten?

In unserer Fakultät haben wir momentan in der Betriebswirtschaftslehre viele Studierende. Es gibt eine steigende Nachfrage. Meine Ansicht ist, dass wir die Ressourcenausstattung im Fach ausweiten. Das Betreuungsverhältnisse wird somit laufend verbessert und nähert sich den Richtlinien an. Doch selbst in der Betriebswirtschaftslehre ist vom Numerus Clausus nicht die Rede.

 

Wann ist denn ein Numerus Clausus notwendig?

Wenn die Ressourcen nicht mehr vorhanden sind, um eine ausreichende Ausbildung zu gewährleisten. Wenn der Zustrom der Studierenden nicht gebremst werden kann und man in einer Notsituation ist, dann muss man schliessen. Wenn wir am Ende der Fahnenstange angekommen sind.

 

Was halten Sie von der Idee, dass die Hochschulen ihre Studierenden durch Eintrittstests oder Eintrittsgespräche auswählen dürfen?

Das ist meiner Ansicht nach eine attraktive Überlegung, die man weiter verfolgen sollte. Im Grunde genommen machen wir das bereits: Wir haben in vielen Fächern, und auch bei uns, Einführungsjahre, welche die Studierenden darüber informieren, wie das Profil des Fachs ist. Jetzt kann man sich überlegen, ob man dieses erste Jahr einem Auswahlverfahren vorzieht. Doch es gibt Fragen zu klären: Wie bewältigt man die Administration der Auswahlverfahren und wie gestaltet man deren Qualität? Eigentlich ist das Modell des Einführungsjahrs das Beste: Man hat eine Orientierungsphase. Je mehr ich darüber nachdenke, desto besser finde ich es. Viel besser als die Eintrittstests und auch besser als den Numerus Clausus.

 

Sollten sich die zukünftigen Studierenden auf eine eingeschränkte Studienwahl einstellen müssen?

Was in der Zukunft ist, kann man nie wissen. In den geisteswissenschaftlichen Studiengängen sollte man dem noch nachgehen. In den Sozialwissenschaften kann ich Entwarnung signalisieren. Hier ist nichts am Kochen. In der Betriebswirtschaftslehre können wir die steigende Nachfrage mit Ressourcenerhöhungen bewältigen. Insofern haben die jungen Menschen, die sich für ein Studium der Sozialwissenschaften in Bern interessieren, Grund zum Optimismus. Auch auf dem Arbeitsmarkt. Es ist also keine Taxifahrer-Ausbildung.