Kultur | 04.12.2013

Das emotionale Katapult

In Benny Jabergs Film "The Green Serpent" werden die Zuschauer entführt in die Tiefen des Rausches. Russische Künstler und Wissenschaftler sprechen über ihre Träume, die Suche nach dem Sein und wie sie durch den Vodka inspiriert werden.
Benny Jaberg ist in Baden AG geboren. In sechs Jahren machte er seinen Master of Arts in Film in Zürich.
Bild: zVg / Christian Schwarz

Tink.ch: Wie beschreiben Sie Vodka jemandem, der keine Ahnung davon hat?

Benny Jaberg: Vodka ist ein glasklares Getränk, das nicht gefriert. Es wird eiskalt getrunken, hat die Konsistenz von dickflüssigem Blut und schmeckt unverkennbar, sowie stark alkoholisch. Er wird traditionell aus Getreide hergestellt und funktioniert wie ein emotionales Katapult. Die Hirnzellen werden mit weniger Katerschmerz zerstört, weil der Anteil an Fusselstoffen gering ist. Vodka stürzt einen in innere und äussere Abgründe, lässt einen sich und andere erkennen. Vodka ist ein unlösbares Rätsel, an das man sich nur mit dem Konsum von eben diesem annähern kann. Lesen bringt einiges, trinken viel mehr.

 

Was inspirierte Sie zu Ihrem Film “The Green Serpent”?

Als Hommage an ein ausgefallenes, historisches Filmprojekt initiierten russische Produzenten das Projekt “Cinetrain”, das letzten Januar zum dritten Mal zustande kam. Junge Filmprofessionelle, die auf Bewerbungsbasis ausgewählt werden, fahren zu einem jeweiligen Thema – in meinem Fall war dies  “russische Stereotype” – tausende Kilometer mit dem Zug durch Russland, um zu verschiedenen Unterthemen einen Film zu drehen.

Als ich diese Ausschreibung sah, wusste ich augenblicklich, dass ich mich mit dem (Vodka-)Trinken, dem damit einhergehenden Rausch, der inspirativen aber auch destruktiven Kraft, die dieser frei setzen kann, auseinander setzen will. Ich sehe mich als unbegabten Touristen, der mitunter Mühe hat, an gewissen Orten Ferien zu machen – mit einer Aufgabe ist es etwas anderes. Und so begab ich mich auf eine abenteuerliche, fünfwöchige Zugreise durch Russland, um mich mit “Fremden” ebenso auseinander zu setzen, wie mit mir selbst und den Verbindungen dazwischen.

 

Worauf achteten Sie bei der Darstellung Russlands?

Russland ist Traum und Albtraum, ein historischer Mythos, ein ethnografichscher Schmelztiegel, ein geografisches Ungetüm, ein Moloch und ein karge Schönheit. Kurz: Ein Land der Extreme. Ein Land mit mehr Facetten als man diese in Wochen, Monaten oder Jahren fassen könnte. Aber es war mir wichtig, dass Russland nicht als Postkarte daherkommt, sondern als innere Reise, wo sich jeder selbst verorten kann. Dies führte zum Weglassen von viel landschaftlicher Opulenz – den Resonanzraum für die Zuschauer eingeschränkt und sie abgelenkt hätte.

 

Hat Russland bei Ihnen persönlich auch Spuren hinterlassen?

Russland ist ein grosses, widersprüchliches Land, das mir in vielerlei Hinsicht fremd und vertraut zugleich erscheint. Ich glaube, ich habe mich zurückhaltend und doch tief verliebt in das Land, in die schwere Last der Geschichte, welche noch heute das Gebälk der Nation zum Ächzen bringt, in die Menschen und in die verschrobenen Andersartigkeiten.

 

Wie stehen Russen zu Vodka?

Von meiner Warte aus ist dies eine Hass-Liebe, welche historisch bedingt die Gesellschaft durchdringt. Ich mache mir nichts vor: Vodka zerstört Leben und Familien. Duzende historische und gegenwärtige Push- und Pullfaktoren, halten den Vodka-Konsum hoch und die Lebenserwartung tief, vor allem die der Männer.

 

Woher kommt Ihr Interesse für trinkende Männer?

Für trinkende Männer interessiere ich mich aus einem persönlichen Grund. Das Trinken und die Filmarbeit sind Spiegel. Man sieht Dinge, die einem gefallen aber auch deren Gegenteil. Man legt Hemmungen ab, wird ehrlich, lässt sich vom erwähnten emotionalen Katapult Vodka an einen anderen Ort werfen um dort nunmehr mit sich selbst zu hadern. Man kann zuweilen einiges klarer sehen und ertappt sich in der Umgehung der eigenen blinden Flecke.

 

Wie erforschten Sie die Tiefen des Vodkas?

Ich setzte mich mit der Historie «des Wässerchens» auseinander, las viel und führte unzählige Gespräche. Jedoch bin ich selbst dem Trinken nicht abgeneigt und an Rauschzuständen als Mittler zu anderen Menschen und sich selbst interessiert. Ganz jenseits von Religion und Esoterik.

 

Wie begegneten Ihnen die Protagonisten?

Die Begegnungen mit den Protagonisten waren kurz und meist heftig, auch sehr emotional in einem Fall. Wenn man keinen “Rapport”, keine Beziehung herstellen kann zu seinen Protagonisten, hat man keine Chance. Ich werfe mich jeweils selbst in die Waagschale, bin so kein Eindringling mehr, sondern von Beginn weg ein Verbündeter. So erzählten die Protagonisten zwar frei, doch auf den Pfaden die ihnen meine Fragen bereiteten. In diesem Sinne bin ich als Filmemacher selbstverständlich Manipulator, ich lenke und wähle dann später aus.

 

Viele Leute trinken, um sich abzulenken und sich zu beruhigen. Wie gehen Sie mit schwierigen Situationen um?

Schon als Kind war ich nicht sehr mutig. Gerade deshalb zwang ich mich zur Überwindung. Ich kletterte auf Bäume, bis in die gefährlichen Spitzen des Geästs und hatte dann Mühe wieder herunter zu kommen. Noch jetzt zwinge ich mich immer wieder in Situationen in denen ich verunsichert bin, meine Haltung gegenüber der Welt, den Menschen und mir selbst in Frage stellen muss. Das kann lähmend wirken aber auch neue Gedankengänge ermöglichen.

 

Weshalb tun Sie dies?

Ich fürchte mich vor Stillstand, denn der einzige stabile Zustand ist freilich die Veränderung, die Metamorphose. Wenn man ankommt, steht man still und Stillstand ist im Grunde das Ende – der Tod. Auch musste ich so einige Widerstände und Ängste überwinden um mit dem Zug das vereiste Russland zu durchquerenund die russische, sowie meine eigene Realität erforschen zu können. Wie viele tausend Kilometer ich im Grunde zurück legte, um letztlich am Baikalsee angelangt doch in einen Spiegel zu sehen… “Aus der Angstüberwindung erwächst Vitalität”, eine schöne Aussage, die mir der verstorbene Filmemacher Werner Schroeter nahegelegt hatte.

 

Was fasziniert Sie am Genre Dokumentarfilm?

Ich mache wohl Dokumentarfilme, weil ich mitunter noch zu feige bin, über mich zu sprechen, ganz unverstellt aus mir zu schöpfen. Doch im Grunde schöpfe ich mit der Unterstützung meiner Protagonisten ebenso aus mir. Wohl mitunter gar mehr, als ich es in der Fiktion könnte – ein schönes Paradox. Ich erkenne zwischen Dokumentar- und Spielfilm ohnehin keine klare Trennlinie und lasse mich für beide Seiten des Spektrums begeistern.

 

Was wollen Sie mit Ihrem Film erreichen?

Mein Film hat keine Botschaft, trägt keine Thesen in sich und verkörpert meine Haltung, meine Ansicht auf den Gegenstand. Nicht mehr und nicht weniger. Ich sehe das Leben nun mal als “dunkles Fest”, wie dies Gerhard Meier ausgedrückt hat. Ein steter, mitunter gefährlicher Tanz auf dem Grat zwischen Inspiration und Abgrund. Mein Film setzt ein Fragezeichen. Als ZuschauerIn soll man sich auf eine innere Reise begeben, die einem zu sich selbst führt. Wenn einige Fragen über die Welt und unsere Existenz zurück bleiben, habe ich bereits mehr erreicht als erhofft.