Gesellschaft | 21.11.2013

Wo bleibt das kritische Denken?

Text von Veronika Henschel | Bilder von Katharina Good
Warum braucht es einen CEO von Nestlé an der Uni Basel, um die Diskussion über den Anspruch der Universität an sich selbst zu lancieren? Tink.ch-Autorin Veronika Henschel erwartet mehr kritisches Denken und aktives Handeln von Seiten der Studierenden.
Ohne Studentinnen und Studenten könnte die Uni nicht Uni sein, postuliert Veronika Henschel.
Bild: Katharina Good

Grosser Aufruhr am Montagabend vor und in der Universität Basel. Über zwanzig Polizisten in Vollmontur stehen vor den Eingängen, kontrollieren, konfiszieren Flugblätter und nehmen eine Person mit auf den Polizeiposten. Eine Horde wilder Anzug-Träger stürmt derweil in die Aula. Der Grund: CEO Paul Bulcke von Nestlé hält einen Vortrag. Das Thema: Die Rolle der globalen Nahrungsmittelindustrie in der Gesellschaft.

 

Rummel – um was?

Am nächsten Tag berichten alle Zeitungen von dem Skandal an der Basler Universität: Polizisten, die am Eingang kontrollieren. Ein Nestlé-Vertreter hält ein Referat. Na so was. Eine Studentin verbreitet ein Flugblatt an der Uni, das nur mit ihren Initialen unterzeichnet ist und auch als Blog bei der Tageswoche erscheint. Darin stellt sie vor allem eine Frage: Was ist das eigentlich für eine Uni?

 

Welchen Anspruch hat die Uni?

Grundsätzlich sind die Aussagen der Flugblatt-Autorin K.B. in ihrem offenen Brief unterstützenswert. Ein derartiges Polizeiaufgebot bei einem einfachen Referat ist in der Tat merkwürdig. Zudem ist bislang nicht bekannt, wer dieses angeordnet und bezahlt hat. Die Universität entzieht sich der Verantwortung mit der Begründung, sie habe die Räume nur vermietet und sonst nichts mit der Veranstaltung zu tun gehabt. Auch den Fragenkatalog am Schluss des Briefes ist zutreffend: “Worum geht es dieser Uni? Welchen Anspruch hat diese Uni an sich selbst? Wo ist der kritische Anspruch einer unabhängigen Bildung hin?”

 

Und jetzt?

All diese Fragen stelle ich mir schon lange. Was mich erstaunt ist vielmehr: Wieso muss erst der CEO eines der meist umstrittenen Unternehmen der Welt einen Polizeieinsatz auslösen, bevor solche Fragen öffentlich diskutiert werden? Als würde man im Uni-Alltag nicht genug Sachen begegnen, die kritisiert werden könnten. Wenn man denn hinschauen würde.

 

Wo ist die Revolutionswut der Studierenden hin, ihr Anspruch auf kritisches Denken, auf Bildung der Bildung und nicht der Urkunde wegen? Und weshalb können die Studierenden an der Uni Basel nicht mehr, als namenslose Flugblätter verteilen und sich in den Medien beschweren? Ist das wirklich alles? Diese abstruse Mischung aus Gleichgültigkeit und Faulheit mit Empörung auf dem Papier verwirrt mich. Und ich frage zurück: Was sind das für Studierende an dieser Uni? Denn ohne Studentinnen und Studenten könnte die Uni nicht Uni sein. Die Frage “Was ist das für eine Uni” schlägt also unweigerlich auf die Studierenden zurück.