Kultur | 20.11.2013

Und worauf hoffen Sie angesichts der Weltlage?

Text von Lisa Inauen | Bilder von Tine Edel
Diese Frage und viele mehr werden in Fragebogen I-XI, das momentan in der Lokremise St. Gallen aufgeführt wird, reflektiert. Ausgangspunkt sind elf Bögen zu autobiografisch angehauchten Themen wie Ehe oder Freundschaft, die Max Frisch erstellt hat. Diese werden nach einem Konzept von Katja Langenbach und Karoline Exner schauspielerisch, musikalisch und tänzerisch in Szene gesetzt.
Unkonventionelles Musizieren mit Danielle Green, Exequiel Barreras und Sebastian Gibas
Bild: Tine Edel

Ein langer Tisch in der Mitte, der an eine kreative und leicht chaotische Musikwerkstatt erinnert. Sechs Personen sitzen, erstarrt in ihrer Bewegung, an dem Tisch voller Instrumente, Schreibmaschinen und Krimskrams. Das Scheinwerferlicht spiegelt sich auf einer E-Gitarre.

Das Publikum, welches auf beiden Seiten des Tisches sitzt und so individuelle Blickwinkel auf das Geschehen hat, wartet gespannt den Anfang des Stückes ab. Plötzlich beginnt eine der Personen, auf einer mechanischen Schreibmaschine zu tippen, das Klappern hallt durch den Raum. Bald stimmen weitere, teils unkonventionelle Instrumente und Geräusche ein.

 

Querflöten und Ping-Pong-Bälle

Den ersten Teil des Abends bestreitet die Vorband “Fragebogen”, die unter der Leitung von Roderik Vanderstraeten Theater und Musik vermischt und dabei auch Lacher hervorruft.

Erste Fragen von Max Frisch werden musikalisch hochstehend und abwechslungsreich angetönt und auch im Schauspiel verarbeitet. Die provokanten Fragen, die teilweise direkt ans Publikum gerichtet werden, bilden die Grundlage dieses bunten und spartenübergreifenden Theaterabends, unter der Gesamtregie von Katja Langenbach.

 

Von Humor und Hoffnungslosigkeit

Nach einer kurzen Pause und einem Raumwechsel beginnt die “Choreografie der Fragen” (Leitung: Marco Santi), bei dem die Tanzkompagnie des Theaters St. Gallen die Blicke des Publikums auf sich zieht. Das Bühnenbild (Katrin Hieronimus) vergrössert den Raum optisch, da der ganze Boden mit grossformatigen Porträts bedeckt ist, die von den vielen Darstellern bekritzelt werden. “Keine Hoffnung” kann man entziffern oder “Humor”. In diesem Teil werden ebenfalls Frischs Fragen behandelt und vor allem tänzerisch umgesetzt. Speziell ist, dass auch Schauspieler tanzen und Tänzer schauspielern, was viel Dynamik und Abwechslung mit sich bringt.

 

Wem wären Sie lieber nie begegnet?

Der tänzerische Teil des Programms geht fliessend in das Stück “Biografie: Ein Spiel” über. Hier erhält der Protagonist Hannes Kürmann (Marcus Schäfer) die Chance, bestimmte Situationen in seinem Leben nochmals zu erleben und so seine Biografie umzuschreiben. Er entscheidet sich zum Beispiel dafür, dass er die Begegnung mit seiner späteren Ehefrau rückgängig machen will.

Sehr feinfühlig und mit Witz wird dabei die Thematik des Lebens behandelt und man beginnt sich zu fragen, ob man ebenfalls Ereignisse in seinem Lebenslauf ändern würde. Auch wird man sich bewusst, wie viele verschiedene Möglichkeiten uns das Leben bietet.

 

Wer bin ich?

Diese Hauptfrage, die sich Herr Kürmann immer wieder stellt, wird im Zusammenhang mit der Bedeutung der eigenen Biografie thematisiert. Definieren wir uns über unsere Biografie? Was macht uns zu dem, was wir sind? Antworten erhält man an diesem interdisziplinären Theaterabend keine, aber Anregung dazu, die Antworten selber zu suchen. In diesem gross angelegten Projekt ist für jeden etwas dabei und es lohnt sich, zumindest für einen Abend, sich mit den Fragebögen Frischs auseinanderzusetzen.

 


 

Anmerkung:

 

Weitere Vorstellungen bis 26. November 2013 www.theatersg.ch