Kultur | 22.11.2013

Starke Stimme findet akustische Gitarre

Die Avo Session gibt es nicht mehr. Unter altem Markenzeichen, in einer neuen Lokalität, mit einem neuen Presenting Partner und darum mit einem neuen Namen päsentiert sich die Baloise Session als direkter Nachfolger. Am Basler Indoor-Musikfestival ist vieles neu, doch am letzten Sonntag trat ein Musiker einer fast ausgestorbenen Musikrichtung auf: Chris Cornell, Urgestein des Grunge. Voraus ging eine zurückhaltende Aimee Mann.
"Einen Sitzplatz zu haben, heisst nicht, darauf sitzen zu müssen." (Zitat eines Zuschauers) Nicht nur die Stimme des Ex-Grunge Meister zeigte sich vielfältig. Zuerst aufgereckt und nun banges Hoffen auf eine Zugabe.
Bild: Manuel Kuhn

Chris Cornell ist ein Altmeister des Grunge mit einer voluminösen Stimme. Er prägte mit seiner Band Soundgarden neben Bands wie Nirvana und Pearl Jam massgeblich die Entwicklung des Grunge – ein ursprünglich antikommerzielles Rockgenre von Seattle. Als Mitte der 90er-Jahre, nach dem Tod von Kurt Cobain die Grunge-Welle ein jähes Ende fand, löste sich auch Soundgarden auf. Aber Cornell machte weiter. 1999 veröffentlichte er sein erstes Soloalbum, ab 2001 spielte er mit der Band Audioslave Alternative-Rock. Die Musik blieb hart, die Stimme stark. Seit 2007 ist Cornell wieder solo unterwegs. Bekanntheit erlangte er seither vor allem durch den James Bond-Titelsong “You Know My Name” in Casino Royale. Danach folgte ein verwirrender Abstecher in die Welt der Chartproduzenten. Das von Timbaland produzierte Album Scream war aber den Fans ein zu krasser Stilbruch und floppte. Glücklicherweise besann er sich in der Folge auf seine Wurzeln und spielt heute viele alte und einige neue Songs akustisch.

 

“Vor 20 Jahren hätte er das nicht gemacht.”

Plötzlich erscheint sein Name auf Plakaten in der Region Basel. Der Ex-Grunge-Star in der Kleinstadt Basel? Und nicht etwa vor Pogo-tanzenden Fans mit billigem Stehplatz-Ticket in der Konzertfabrik Z7 in Pratteln, sondern vor den weintrinkenden Gästen, die an den Clubtischen der Baloise Session sitzen. Nicht mehr als 1’500 Leute. Gemäss Gründer und Festivalpräsident Matthias Müller zufolge war auch Cornell selbst skeptisch gegenüber diesem Format. Trotzdem sei er extra für dieses Konzert angereist, denn wie viele andere Künstler ist er im Moment nicht auf Tournee.

 

Chris Cornell in der Solo-Akustik Welt

Den Abend eröffnete die Folk-Sängerin Aimee Mann mit einem souveränen Akustikauftritt, teils solo, teils Begleitet von Bass und Flügel. Der Ton war sauber abgemischt, die Akustik gut, die Stimme facettenreich ausgestattet. Dann erschien Cornell, wie einst, langhaarig und in Strickjacke, und startete seine Performance mit den Worten “I’m just here to play some songs, and that’s it!” und mit dem ersten Song seines ersten Solo-Albums “You Can’t Change Me”. Diesen beschrieb er als Song für alle diejenigen, die wünschen, dass man sich verändere, es aber nicht Wert seien. Die Wucht der Stimme füllte sofort den Raum, die Botschaft des Songs war übersetzt in die entsprechenden Schallwellen. Es folgten bekannte Songs wie der erwähnte Bond-Soundtrack, zwar ohne E-Gitarre, aber mit beinahe der selben wohltuenden Härte. Das war einigen Sitzenden schon zu viel, sie standen auf. Sie sangen nicht etwa mit, sondern verliessen den Saal. Die vielen Verbleibenden genossen den Auftritt sichtlich umso mehr. Dann ertönten  Lieder von Soundgarden und Audioslave, ein paar eigene und ein paar Covers. Wobei Cover in diesem Falle im weiteren Sinne gefass ist, steckt doch sehr viel eigene Kreativität in diesen Liedern. Mit “Billie Jean” von Michael Jackson eröffnet er eine neue Welt. Auch U2’s “One” kam nicht gewöhnlich daher, denn der Text hatte er von Metallica entliehen.

 

Cornell spielte keinem Zuschauer genau das, was dieser wollte. Den alten Grunge-Fans war er wohl zu akustisch, den sitzenden Wohlfühlzuschauern zu schroff, den Kritikern spielte er zu viele Covers. Und doch gefiel er, er war gut. Er war einfach nur Chris Cornell, verdrehte und verleugnete sich nicht vor dem kleinen Publikum. Er war einfach nur er selbst, solo, mit seiner beeindruckenden Stimme und einer akustischen Gitarre.

 

Kommentarloser Schlusspunkt und überraschende Zugabe

Nach über zwei Stunden dann der rockstarmässige Abgang: Mit einem immer schneller werdenden Loop der sich zu einem lauten Getöse wandelte, verliess er kommentarlos den Saal.

 

Zum ersten Mal in diesem Jahr blieb das nach den ersten Liedern verbliebene Publikum bis am Schluss auf den Sitzen kleben. Nun strömten viele den Ausgängen entgegen, ein Teil blieb und kurze Zeit später entstand ein zweiter Strom: Nach vorne zur Bühne, wo plötzlich auch das Publikum richtig laut wurde und sich eine Zugabe wünschte. Cornell kam tatsächlich nochmals zurück und schenkte den Dagebliebenen weitere vier Songs. Diese anscheinend nicht geplante Zugabe und das stehende Publikum liessen schliessen, dass Cornell keine Probleme damit hatte, nicht in einer prallgefüllten Halle Pogo-tanzender Grungefans gespielt zu haben.

 


Seit der Gründung im Jahr 1986 treten jeden Herbst internationale Topstars am Rheinknie (vor vormals Rheinknie Session) auf. Das Festival hat ihr neues Zuhause in der von Herzog & de Meuron konzipierten Eventhalle der Messe Basel gefunden. Das Boutique-Festival, wie es sich selbst nennt, wirbt zum Einen mit einer Intimität – maximal 1’500 Zuschauer finden an einem der Clubtische Platz – und zum Anderen mit einem breiten Musikspektrum gespickt mit Topstars. Musiker von Rang und Namen wie Randy Crawford, Seal, Status Quo, Diana Reeves oder Elton John standen hier schon auf der Bühne. Heuer präsentierten sich Ton- und Gesangskünstler wie Eric Clapton, Newcomerin Zaz, National-Musikgrössen Bligg und Stress oder die Lokalmatadoren Lovebugs. Jeder Konzertabend wird thematisch mit zwei oder drei Künstlern aufgebaut, die einen ähnlichen stilistischen, geschichtlichen oder geographischen Hintergrund haben. An diesem Abend lud die Baloise Session zwei Künstler aus den USA zum Thema Handmade ein. Es ging um Musik, die ihre eigene Handschrift trägt.