Politik | 16.11.2013

“Neider sollen sich mehr anstrengen”

Text von Michael Scheurer | Bilder von Kaspar Rechsteiner
Patrik Schellenbauer, Projektleiter beim liberalen Think Tank Avenir Suisse, findet die Lohn- und Vermögensverteilung in der Schweiz gerecht. Wer weniger verdiene und neidisch auf Millionensaläre ist, "soll sich mehr anstrengen".
Patrik Schellenbauer: "Es gibt aber kaum ein Land auf der Welt, in dem die Löhne so gleichmässig verteilt sind wie in der Schweiz."
Bild: Kaspar Rechsteiner

Tink.ch: Hat die Schweiz eine ungerechte Lohn- und Vermögensverteilung?

Patrik Schellenbauer: Nein. Viele stören sich an wenigen Einkommens-Millionären. Es gibt aber kaum ein Land auf der Welt, in dem die Löhne so gleichmässig verteilt sind wie in der Schweiz.

 

Wenn die Teilzeitlöhne in der Statistik mit einberechnet werden, sieht die Situation etwas anders aus. Aber ob jemand Teilzeit arbeitet, ist eine persönliche Entscheidung. Es ist also keine Frage von Gerechtigkeit, sondern des Willens der Leute.

 

Was für eine Lohnspanne würden Sie als gerecht ansehen?

Diese Frage kann ich nicht beantworten.

 

Weshalb nicht?

Ich bin Ökonom. Die Lohnspanne ist weitgehend ein Resultat von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt und somit dynamisch.

 

Manche werfen Ihnen in diesem Zusammenhang Marktgläubigkeit vor. Was entgegnen Sie diesen Personen?

Ich bin einfach davon überzeugt, dass eine liberale Haltung für alle von Vorteil ist. Wer mir Marktgläubigkeit unterstellt, dem würde ich einen einseitigen Glauben an Zentralismus und Bürokratie erwidern, was noch nie zu echtem Fortschritt geführt hat.

 

Verstehen Sie den Neid von Menschen, die im untersten Segment einer Lohnspanne ihr Geld verdienen?

Natürlich, aber Neid ist eine negative Emotion und bringt niemanden weiter. Wenn schon sollte man versuchen, diesen Neid in positive Bahnen zu lenken und sich sagen, dann strenge ich mich mehr an.

 

Sie vertreten eine liberale Wirtschaftsordnung. Was meinen Sie damit?

Eine liberale Wirtschaftsordnung heisst, dass alle für ihr eigenes Leben verantwortlich sind. Das umfasst die persönliche Freiheit mit all ihren Verantwortungen und Konsequenzen. In die persönliche Freiheit sollte der Staat nicht mehr als nötig eingreifen.

 

Sie sprechen jetzt von gesellschaftlichem Liberalismus. Wie sieht es mit dem wirtschaftlichen aus?

Das Gesagte gilt genau so für den wirtschaftlichen Liberalismus. Wenn jemand das Glück hatte, etwas klüger zu sein oder eine bessere Ausbildung gemacht zu haben, sollte der Staat ihn oder sie deshalb nicht behindern.

 

Soll der Staat überhaupt Leitplanken setzten?

Es gibt gewiss Fälle, in denen der Staat das Resultat des Marktes verbessern kann.

 

Zum Beispiel?

Zum Beispiel in der Umweltpolitik. Hingegen ist der Arbeitsmarkt ein funktionierender und der Staat sollte die Finger davon lassen. Es gibt keinen Grund einzugreifen.

 

Würde ein solch unregulierter Markt nicht zum Recht des Stärkeren führen?

Natürlich haben die Cleveren oder Ehrgeizigen einen Vorteil. Aber diese Menschen agieren letztlich auch zum Wohl der Schwächeren. Denn eine solche Wirtschaftsordnung hebt das gesamte Einkommensniveau an. Davon entfernen wir uns aber immer mehr. Der Trend geht in Richtung Verbotskultur und überregulierter Wirtschaft.