Gesellschaft | 19.11.2013

Küsschen hier, Küsschen da

Text von Michael Scheurer | Bilder von Tink.ch
Und schon herrscht peinliches Schweigen. Was tun mit einem alten Bekannten, den man zwischen Lesesaal und Zug trifft?
Lang nicht mehr gesehene Kolleginnen und Kollegen trifft man meistens unverhofft.
Bild: Tink.ch

Schon wieder ist es mir passiert. Gedankenverloren gehe ich eiligen Schrittes durch die Strassen. Bereits von Weitem sehe ich sie auf der anderen Strassenseite. Ich schaue weg, habe keine Zeit, wüsste nicht was sagen. Aber sie hat mich auch entdeckt. Eine Kollegin aus früheren Zeiten. Sie ruft mir zu, ich kann mich nicht mehr verstecken. Schon steht sie vor mir und legt los: “Das muss aber ewig her sein, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben.” Was machst du jetzt eigentlich? Alles in Ordnung? Und wie geht’s Robert? Nach drei Sätzen neigt sich der Gesprächstoff bereits dem Ende zu und betretene Stille macht sich breit. Es musste so kommen, ich hab’s gewusst.

 

Wir beide sind bemüht, uns rasch zu verabschieden. Aber wie? Die Hand reichen? Viel zu bieder. Einfach Tschüss sagen und verschwinden? Nur Feiglinge machen sich so aus dem Staub. Ich muss sie wohl umarmen oder ihr Küsschen geben. Null Bock habe ich jetzt auf so etwas. Dennoch signalisiere ich Küsschen. Eins, zwei und mit dem dritten hat meine Exkollegin offensichtlich nicht mehr gerechnet. Beinahe landen meine Lippen auf dem Mund meines Gegenübers. Knapp an der Katastrophe vorbei geschrammt. Ein verstohlener Blick und halb peinliche Schweigesekunden, gefolgt von einer raschen Verabschiedung runden das ungewollte Wiedersehen angemessen ab. Wie begrüsst und verabschiedet man sich eigentlich, ohne dauernd peinlich berührt herumschweigen zu müssen?

 

Böse Stimmen meinen, in dunklen Vorzeiten habe das Begrüssungsritual nicht peinliche, sondern höchstens gefährliche Situationen hervorgebracht. Wer den Arm nicht vor dem Führer streckte oder zur königlichen Audienz nicht niederkniete, hatte bald die verheissungsvolle Guillotine über seinem Genick schweben. Sachlichere Begrüssung sollte ebenjene Gefahren entschärfen: Die zum Schütteln bereite Hand konnte nun mal kein Messer hinter dem Rücken verstecken. Diese Zeiten haben sich bekanntlich geändert, zumindest in unseren Breitengraden.

Lebensstile gibt es wie Sand am Meer und unzählbare Begrüssungsformen und -floskeln haben Einzug gehalten. Der Handschlag, das coole Schulterklopfen, der Handschlag mit der Linken, zwei Küsschen, drei Küsschen. Kein Wunder entstehen immer wieder Missverständnisse.

 

Es gibt eine Lösung, die peinlichen Situationen zu vermeiden. Drei Möglichkeiten habe ich identifiziert. Erstens: Wenn mein Gegenüber einen höheren sozialen Status vorgibt (Das sind meistens akkurate Typen in Anzug und Kravatte), übe ich mich in Zurückhaltung. Der freundschaftliche Klaps auf den Hintern meines Chefs vermeide ich. Siezen und die rechte Hand reichen, lautet die Devise.

 

Der Umkehrfall ist die zweite Möglichkeit. Ich stehe sozial über meinem Gesprächspartner. Die Entscheidung liegt frei bei mir, ob ich das Leben kompliziert mag und ich die vielleicht längst bekannte Person weiter sieze oder einfach zum Du übergehe.

 

Der dritte Fall ist der schwierigste: Mein Gegenüber hat den gleichen sozialen Status. Hier lauern die peinlichen Missverständnisse. Zwei Wege sind nun gehbar, die aber nur mit beherztem Angehen funktionieren.

Zuerst der Regelfall: Ich erwarte nicht, dass aus der Unterhaltung irgend eine Art von Mehrwert hervorgehen könnte. Also gilt: abwürgen! Je kürzer ich die Unterhaltung halte, vielleicht sogar Hey und Tschüss auf einen Akt eindampfe, umso besser wird der Moment uns beiden in Erinnerung bleiben und uns beim nächsten Treffen nicht an die stille, ratlose Berührtheit denken lassen.

 

Wenn ich aber glaube, dass die Begegnung wirklich etwas taugt, dann haue ich rein! Nein, keine Faust aufs Auge, sondern mit Herz ins Hallo. Drei Küsschen? Das ist von gestern. Lieber eine herzliche Umarmung und ein kurzes Halten der Unterarme meines Gegenübers, während wir den Austausch beginnen. Meine Offenheit wird sofort auf den anderen überspringen und wenn wir uns verabschieden, werden wir beide lächeln. Bestimmt. Und wenn nicht, reicht die Zeit immer noch, zur Taktik des Regelfalles überzugehen. Einen Versuch ist es allemal wert.