Gesellschaft | 11.11.2013

“Ich würde es jedem Kind empfehlen, im Zirkus aufzuwachsen.”

Text von Michelle Stirnimann | Bilder von Matthias Käser
Tink.ch traf Tobias Muntwyler (20), ältester Sohn des Direktors vom Familienunternehmen Circus Monti, und sprach mit ihm über seine Kindheit inmitten von Clowns und Artisten. Wieso die normale Wirtschaftswelt nichts für ihn ist und was er an einem freien Sommerabend am liebsten machen würde, verrät er in diesem Interview.
Für den 20-jährigen Tobias Muntwyler ist Ausgang mit Freunden kaum möglich - die Arbeit im Zirkus ruft.
Bild: Matthias Käser

 

Tink.ch: Tobias Muntwyler, du bist im und mit dem Zirkus aufgewachsen, inmitten von Clowns und Artisten – ich stelle mir das ziemlich witzig vor.

Es machte mich nicht zu einer witzigeren Person, mit Clowns zusammen aufgewachsen zu sein. Aber ich war von früh auf mit verschiedenen, meist erwachsenen Menschen unterwegs. Dadurch profitierte ich viel, insbesondere im Bereich der Sprachen. Ich sprach schon früh fliessend Französisch und Englisch.

 

Du bist Sohn des Zirkusdirektors. Hauptberuflich?

Nein, Sohn von Beruf bin ich dann doch nicht. Ich habe letztes Jahr meine kaufmännische Lehre abgeschlossen und trage hier im Zirkus viel Verantwortung mit.

 

Acht Monate im Jahr seid ihr unterwegs. Wie erhältst du da Freundschaften aufrecht?

Die meisten meiner Freunde sind aus der Schulzeit und Lehre in Wohlen (AG). Aber ja, Freundschaften leiden während der Tournee und das ist nicht einfach. Sind wir für eine längere Zeit in einer Grossstadt stationiert, kommen mich meine Freunde besuchen und wir gehen gemeinsam in den Ausgang. Irgendwie sieht und trifft man sich dennoch rege.

 

Glaubst du nicht, in der Zeit während der Tournee etwas zu verpassen?

Was heisst verpassen? Du siehst auf Facebook all die Ferienposts von Freunden und denkst: Ja, Sommerferien mit Kollegen wären schon cool. Aber das Gefühl, dass ich den Zirkus verlassen müsste, weil ich Dinge missen würde, habe ich nicht –  der Preis wäre mir zu hoch.

 

Trotzdem ist es für dich kaum möglich an Parties, Konzerte und in den Ausgang zu gehen.

Wir sind bis halb elf Uhr abends an die Arbeit im Zirkus gebunden. Alles was abendfüllend ist wie Kino, Theater oder Konzerte, geht demnach nicht. Auch freitags und samstags haben wir grundsätzlich immer Vorstellung. Sind wir aber in einer Stadt stationiert, können wir auch mal im Anschluss in den Ausgang gehen – mittlerweile sind fast alle Mitarbeitenden in meinem Alter. Dann gehen wir alle zusammen weg. Ja, man kann seine Jugend auch in einem Zirkus ausleben. Trotzdem bin ich mir im Ausgang bewusst, dass ich nicht zu fest über die Stränge schlagen darf, wenn ich am nächsten Tag zwei Vorstellungen habe.

 

Kannst du dir etwas anderes als das Zirkusleben vorstellen?

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nach der Lehre ein Jahr Pause einzulegen und anderswo zu arbeiten. Aber während der Lehre merkte ich schnell, dass mich diese normale Wirtschaftswelt überhaupt nicht interessiert. Dieser geregelte Tagesablauf und die monotonen Arbeiten tagein, tagaus entsprechen mir nicht.

 

Mit gefällt die Abwechslung im Zirkus zu gut. Wieso soll ich mich zwingen, etwas anderes zu tun als das, was mir im Moment Spass macht? Draussen zu arbeiten und mir meine Hände schmutzig zu machen, ziehe ich klar einem Bürojob vor. Aber vielleicht gefällt mir das Leben im Zirkus mit 25 Jahren plötzlich nicht mehr und ich bin froh um meine KV-Ausbildung.

 

An was machst du dir denn deine Hände schmutzig?

Morgens arbeite ich in der Werkstatt. Ich bin verantwortlich für die ganzen 110 Fahrzeuge und deren Wartung, Transport und Logistik. Ab und an kommt ein bisschen Büroarbeit dazu und am Abend ist Vorstellung. Heute war Aufstellen, Morgen wieder Aufräumen. Einen fixen Tagesablauf gibt es bei uns nicht.

 

Und im Winter wird es dir langweilig?

Schön wär’s. Wir arbeiten trotz Vorstellungspause. Es ist also nicht so, dass wir vier Monate Ferien haben. Wir restaurieren die Wagen und erledigen Büroarbeiten. Bereits im Januar gilt es die neue Saison vorzubereiten.

 

Du wohnst in einem Wohnwagen auf engstem Raum mit deiner Familie zusammen.

Ich könnte es jedem Kind empfehlen, im Zirkus aufzuwachsen. Wir haben diese Nähe immer sehr geschätzt, vor allem als wir noch jünger waren. Unser Vater kam über den Mittag immer nach Hause und ich konnte ihn bei seiner Arbeit oftmals begleiten. Andere Kollegen sahen ihren Vater kaum. Morgens wenn sie aufstanden war er schon weg und abends waren sie wieder im Bett, wenn er nach Hause kam.

 

Sich Freiraum und Privatsphäre schaffen wird da wohl schwierig?

Eigentlich wohnen wir in einer auseinandergerissenen Viereinhalbzimmerwohnung. Der grosse Wohnwagen meiner Eltern ist zugleich Küche und Wohnzimmer. Mein Wohnwagen ist mein eigenes Zimmer. Sobald die Türe zu ist, habe ich meinen Freiraum. Wir leben vielleicht unter speziellen Umständen, sind aber im Grunde genommen eine ganz normale Familie. Auch in einer Zirkusfamilie gibt es Meinungsverschiedenheiten, nicht nur Magie.

 

Oft stehst du mit deinem jüngeren Bruder Mario in der Manege. Ist es kein Problem, nach einem Streit wieder zusammen aufzutreten?

Als wir uns zusammen einen Wohnwagen teilten, kam es oftmals zu Streit. Aber die Show hat dies nie beeinträchtigt. In einem Duo gegeneinander zu spielen, wäre absolut kontraproduktiv.

 

Was fehlt dir am meisten, wenn du unterwegs bist?

Es sind die kleinen, einfache Dinge, die mir ab und zu wirklich fehlen: In Wohlen haben wir ein tolles Haus mit einem wunderbaren Garten, sehen diesen aber nur im Winter. Es wäre schön, im Sommer zwischendurch einen Abend Zeit zu haben und gemütlich mit Freunden grillieren zu können.