26.11.2013

Haben Blinde Angst im Dunkeln?

Text von Jasmin Rolli | Bilder von zVg (Filmstill)
Der 15-minütige Kurzfilm von Maria Brendle "Der blinde Passagier" thematisiert mit den neugierigen Augen eines Kindes die Welt einer blinden Frau. Regie, Bildsprache und Schauspiel sind stark.
Silke Geertz glänzt als blinde Stefanie. Während ihrer Begegnung mit Emma verändert sich nicht nur sie, sondern auch die Sicht der Zuschauer.
Bild: zVg (Filmstill)

Die achtjährige Emma ist im Kinderheim. Eingesperrt von grossen, bedrohlich wirkenden Zäunen und umgeben von kahlen Wänden, gefällt es ihr hier nicht. Kurzerhand entscheidet sich die furchtlose Protagonistin ihren Felix-Koffer zu packen. Zusammen mit ihrem kleinen Teddybär “Bobo” will sie dem tristen Alltag des Heimes entkommen und die Welt entdecken.

 

Angetrieben von ihrer Vorliebe für Süssigkeiten schleicht sich die Kleine in eine Wohnung. Als die Bewohnerin Evelyn sie nicht bemerkt, ist Emma klar, dass diese blind ist. In ihrer kindlichen Logik hat sie das perfekte Versteck für sich und Bobo gefunden und richtet sich häuslich bei Evelyn ein. Natürlich bemerkt diese ihre Untermieterin bald. Als sie Emma belauscht, hört sie, wie das Mädchen mit Evelyns Behinderung umgeht. Und zwar auf eine so naive Art, wie es nur Kinder können. Mit der unschuldigen Frage: “Haben Blinde Angst im Dunkeln?” berührt Emma nicht nur das Herz von Evelyn, sondern auch das der Zuschauer. Besonders da mit Emma Licht und Farbe in das dunkle Zuhause von Evelyn Einzug gehalten haben. Diese arrangiert sich mit der Situation und die beiden Aussenseiter finden eine eigene Form des Zusammenlebens. Denn Evelyn lässt Emma in dem Glauben, nicht bemerkt worden zu sein. Beide haben gefunden, wonach sie sich schon lange gesehnt haben. Ohne Worte, ohne Bilder. Einzig mit Emotionen.

 

Nicht lange währt ihr Glück. Emmas Hang zu Süssigkeiten, welcher sie zu Evelyn geführt hat, bringt das aussergewöhnliche Duo wieder auseinander. Das Mädchen wird ertappt, wie sie eine Packung Süssigkeiten klaut. Sie muss zurück zu den grossen, bedrohlichen Zäunen und zu den kahlen Wänden. Alleine in ihrer aufgeräumten und kontrollierten Wohnung vermisst Evelyn die Kleine und beschliesst, diese zu besuchen.

 

Sehen – nicht für Jedermann selbstverständlich

Während des Filmes können wir immer wieder beobachten, wie Emma versucht, sich in eine blinde Person hineinzuversetzen. Sie übt mit Gehstock und Brille. Ganz sanft nimmt sich der Kurzfilm “Der blinde Passagier” dem Thema Blindheit an. Die Regisseurin möchte mit dem Film aufzeigen, dass Blinde nicht hilflos sind. Diese werden ihrer Meinung nach zu oft unterschätzt. Ebenfalls betont Maria Brendle die Emotion als 6. Sinn. Denn Blinde müssen ihre anderen Sinne verstärken, um mit dem Fehlen des einen umgehen zu können. Mit diesem Film möchte sie einen neuen Sinn entstehen lassen. Silke Geertz, welche Evelyn spielt, ist auf der Leinwand eine sehr glaubwürdige Blinde. In der realen Welt kann sie jedoch sehen. Um diese schauspielerische Leistung zu erbringen hat sie Seminare besucht und versucht, sich so gut es geht mit dieser Einschränkung auseinanderzusetzten. Auch die Regisseurin hat daran teilgenommen und intensive Gespräche mit Betroffenen geführt. Das spüren die Zuschauer. Alle Schauspieler haben kein Entgelt für ihre Leistung erhalten. Die restlichen Produktionskosten wurden via Crowd-Founding finanziert.

 

Eine eigene Welt

Als Zuschauer wird man in die Welt von Evelyn hineinversetzt, indem zum Beispiel die Geräusche lauter werden, sobald sie angestrengt lauscht. Emma bringt Licht und Farbe in Evelyns Leben und das wirkt bildsprachlich überzeugend. Denn am Anfang erscheint uns die Wohnung dunkel und trist und wird nach und nach heller. Alles in allem wirkt der Film überzeugend und hinterlässt einen bleibenden Nachdruck.

Zum Schluss des Filmes gehen Emma und Evelyn zusammen in den Zoo. Emma beschreibt Evelyn die verschiedenen Tiere. “Wussten Sie, dass Flamingos blau sind?” In Emmas Welt schon. Dadurch kann Evelyn sehen – durch Kinderaugen. Somit sieht sie vielleicht sogar mehr, als manch sehende Augen es tun.

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