Kultur | 07.11.2013

Verdammt zum ewigen Segeln

Text von Sonja Geiger | Bilder von zvg
Schon die allerersten Klänge des Sinfonieorchesters schlagen mit voller Wucht ein und nehmen das Publikum mit auf eine Reise, der man sich während gut zweieinhalb Stunden nur schwer entziehen kann.
Almas Svilpa (Holländer) und Anna Gabler (Senta) auf der Bühne des Theaters St.Gallen.
Bild: zvg

Die Musik ist meisterhaft gespielt und Dirigent Modestas Pitrenas holt mit dem Orchester das Beste aus den Noten heraus. Bereits bei der Ouvertüre ziehen Bilder vor dem inneren Auge vorbei, auch wer nur wenig über das Stück weiss. Aus den Violinenklängen glaubt man den Wind hervor zu hören, ihn bereits um sich zu spüren. Schnell erklingt zum ersten Mal das Holländermotiv, das Leitmotiv für den Titelhelden der Oper, welches im Verlauf des Abends immer wieder auftaucht.

 

Gegen Ende der Ouvertüre erscheint kurz der Protagonist. In einer Kabine schwebt er von der Decke und entschwindet wieder. Einige Frauen versuchen zu tanzen, werfen aber immer wieder unsichere Blicke um sich. Die stummen Bewegungen lassen keine Zweifel offen, worum es in dieser Oper geht: Wunder und Leidenschaft, aber auch dunkle und zerstörerische Kräfte.

 

Verdammt zu segeln

Der norwegische Seefahrer Daland (Steven Humes) muss mit seiner Besatzung auf Grund eines Sturmes in einem Fjord Zuflucht suchen. Dort trifft er auf den Holländer (Almas Svilpa), der verdammt ist, für immer durch die Welt zu segeln. Einzig die Treue einer Frau kann ihm den langersehnten Tod bringen und ihn erlösen. Der Holländer ist eine Figur wie aus der Zeit gefallen, weder richtig tot, noch richtig lebendig.

Almas Svilpa spielt ihn, als wäre er selbst schon jahrzehntelang einsam durch die Welt gesegelt. Der Bariton, der den Holländer bereits einmal in Essen gespielt hat, singt ausdrucksstark und lässt mit seiner Interpretation keine Zweifel an der Verlorenheit und Tristesse der Figur sowie deren Wunsch nach Erlösung. Des Holländers Brust ist von zahlreichen Wunden gezeichnet – vergebliche Versuche, seiner Qual Einhalt zu gebieten.

 

In der Heimat indes ist Dalands Tochter Senta (Anna Gabler) auf ein kleines Bild des Holländers fixiert, welches sie bei sich trägt. Die junge Frau kennt die Sage um den berüchtigten Seemann, beklagt seine Leiden und wünscht sich, ihn mit ihrer Treue erlösen zu können. Senta trägt schwarz und ist stark geschminkt (Kostüme: Elina Schnizler). Das Kostüm symbolisiert ihre Traurigkeit und ihren Aussenseiterstatus. Anna Gabler bringt die Figur der Senta mit deren beinahe fanatischen Glauben an eine Idee und der Anklage an die Verkommenheit ihrer Zeit sehr überzeugend. Teilweise singt sie ansatzweise zurückhaltend und geht bei gewissen Chorpassagen beinahe unter. An dramatischeren Stellen zeigt sie aber, dass sie problemlos mit dem Stimmvolumen der männlichen Solisten mithalten kann.

 

Tod in der Oper

Nach Ende des Sturmes kehrt Daland zu seiner Tochter zurück und erscheint in Begleitung des Holländers, der auf die Treue Sentas hofft, ihn mit ihrer Liebe zu erlösen. Die ungewöhnliche Begegnung ist schön anzusehen. Senta, die sich nun ihren Phantasien gegenüber sieht, ist zugleich unsicher und überzeugt. Der Holländer scheint zu Beginn skeptisch, verliebt sich aber dennoch in sie.

 

Von Regisseur Alexander Nerlich, der am Theater St. Gallen zuletzt Regie in der Oper Wozzeck führte, wird die Stimmung im letzten Akt bedrohlich aufgebaut. Jäger Erik stürzt wie von Sinnen herbei und versucht Senta zu überzeugen, dass sie ihm vor langer Zeit schon Treue geschworen haben soll. Der Holländer bricht daraufhin in furchtbare Aufregung aus. Er liebt Senta und will seine Verdammnis akzeptieren, um sie zu retten. Also hievt er den Anker und verschwindet. Die verzweifelte Senta jedoch schlitzt sich mit einem Messer die Adern auf und stirbt. “Preis’ deinen Engel und sein Gebot! Hier steh’ ich, treu dir bis zum Tod!”

 

Gewöhnungsbedürftige Kostüme

Richard Wagners “Der fliegende Holländer” basiert auf Heinrich Heines ausformulierter Version einer Sage, deren Ursprünge ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Wagner schrieb das Stück unter Einfluss einer stürmischen Seefahrt und es wird oftmals als die Oper bezeichnet, welche den Durchbruch zu seinem eigenen Stil darstellt.

 

Nerlich inszeniert das Stück am Theater St.Gallen mit einem offenen Bühnenraum, der Dinge hervorbringt, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind (Bühne: Stefan Mayer). In moderner, fast schon minimalistischer Ausführung leitet die Inszenierung geschickt darauf ein, wie Senta den Sinn ihrer Existenz findet, den Holländer zu lieben und zu erlösen. Bei scheinbar zufällig entstehenden Schattenfiguren, die erstmals des Holländers Geschichte erzählen, über den Traum Eriks bis zur wirklichen Begegnung. Auch die immer anders scheinende Beleuchtung des im Hintergrund liegenden Meeres führt behutsam durch das Stück und ist ansprechend.

 

Teilweise gewöhnungsbedürftig sind die Kostüme: Es ist schwierig, nicht nur auf Dalands Füsse zu starren, die in Sportschuhen mit Sohle und Schnürsenkel in Neon-Orange stecken. Ansonsten konzentriert sich die Mischung klassischer und moderner Kostüme auf die individuellen Charaktere und bringt im Gemeinschaftsbild ein ansprechendes Ganzes hervor.

 

Grosses Ganzes

Das zahlenmässig starke Ensemble, bestehend aus dem Chor des Theaters, dem Opernchor St.Gallen sowie dem Theaterchor Winterthur, überzeugt mit wuchtiger musikalischer Unterstützung, was für ein noch stärkeres Erlebnis der tragischen Augenblicke sorgt. Teilweise grenzwertig hoch, beinahe in schrillen Gesangslagen, meistern Chor und Solisten die Passagen dennoch gekonnt.

 

Erwähnenswert ist auch Nik Kevin Koch in seiner Rolle als Steuermann. Mit bildreicher Stimme spielt er seine Rolle sympathisch, sodass er sich sofort in die Herzen des Publikums singt. Generell überzeugen die Darsteller sowohl solistisch, als auch im Ensemble und die Musik rundet das Ganze ab. Alles in allem eine Inszenierung, die den Opernbesuch in jeglicher Hinsicht lohnend macht.