Gesellschaft | 25.11.2013

Ein Ass auf ihrem Gebiet

Wer schon mal an der Uni war, kennt das Gefühl, Bahnhof zu verstehen. Manche würden in dieser Situation am liebsten eine Karriere als Laternenpfahl starten.
Wenn Dozierende an der Uni sich selbst mit der Kapitelnummerierung übertreffen, spricht man von didaktisch semi-talentiert.
Bild: Stephanie Hofschläger/pixelio.de

Dienstagmorgen zehn Uhr. Etwas ausser Atem will ich mich wie gewohnt mit Schwung in den Vorlesungssaal stürzen. Da sind schliesslich schon ziemlich viele Leute drin – bestimmt bin ich zu spät dran. Wie immer. Bestürzt stelle ich im Türrahmen fest, dass mir diese Leute völlig fremd sind. Ohje, Rückzug! Aus irgendeinem unerklärbaren Grund bin ich an diesem Dienstag viel zu früh dran. Etwas bedröppelt setze ich mich an den Tisch vor dem Zimmer und warte. Erstmal Netbook aufstarten.

 

Bewaffnet mit zwölf Zoll nicht ganz neuester Technologie setze ich mich in die Informatikvorlesung. Zu schnell driften meine Gedanken ab. Das Thema interessiert mich nicht. Was auch an den didaktisch optimierbaren Fähigkeiten des Professors liegen könnte. Oder an seiner Nuschelstimme. Es ist ein Problem vieler Professorinnen und Professoren: sie sind alle blitzgescheit und auf ihrem Gebiet ein Ass – aber was das Unterrichten betrifft eher semi-talentiert.

 

Manchmal ist es echt schwer zu verstehen, was einem das Superhirn vorne auf der Beamerleinwand zeigen und erklären möchte. Was auch an der eigenen Intelligenz liegen könnte. Aber eben, nicht nur. Munter werden ganze Romane per Präsentationstool den Studierenden vorgeführt. Auch Dozent Nuschelstimme sollte die Power-Point-Lizenz entzogen werden. Die Unübersichtlichkeit der Folien wird nur durch die Kapitelstruktur übertroffen. Kapitel 4.1.2.3.4.3. – aha.

 

Ich schaue mich um. Sagen diese kryptischen Zeichen vielleicht irgendjemandem etwas? Ich werde den Verdacht nicht los, der Dozent könnte als Nebenerwerb für die Regierung arbeiten und mit seiner Kapitelnummerierung geheime Codes verschicken. Oder fürs FBI! Verschlüsselung von Nachrichten ist schliesslich das Thema der Vorlesung. Der Herr hat also Ahnung.

 

Ahnung habe ich auch ab und zu. Von all diesem gescheiten Zeugs, das ich an der Uni lerne. Viel öfters kommt es aber vor, dass ich von irgendwas keine Ahnung habe. Wenn man bedenkt, dass meine Ausbildung hauptsächlich von meinem Intellekt und meinem Wissen abhängt, kann das ganz schön frustrierend sein. Das sind die Momente, in denen ich am liebsten mein Studium hinschmeissen würde. Mich komplett in Alufolie einwickeln und durchstarten als besonders origineller Laternenpfahl. Nicht nur besonders originell, sondern auch volkommen ökologisch betrieben durch erneuerbare Ressourcen. Die Lösung für unseren hohen Schaufensterlichter-Stromverbrauch. Ob ich jedoch tatsächlich so eine helle Leuchte wäre, müsste sich erst zeigen.

 

Plötzlich beginnen meine Mitstudenten und Mitstudentinnen auf die Tische zu klopfen. Studentenapplaus, Stunde zu Ende. Dieser Studentenapplaus ist eine ganz uni-eigene Sache: Nach jeder Vorlesung hauen die Studierenden ihre Fingerknöchel auf die Tische – mal mehr, mal weniger. Je nachdem wie gross die Begeisterung für das soeben Gehörte ist. Eigentlich simpel, so seine Wertschätzung auszudrücken. Vielleicht sollten die Leute auch anderswo applaudieren, nicht nur im Vorlesungssaal oder im Flugzeug. Wertschätzung ist immer gut.