Politik | 15.11.2013

“Die Kluft vergrössert sich”

Text von Michael Scheurer | Bilder von Matthias Käser
Die finanzielle Kluft in der Schweizer Bevölkerung öffnet sich immer mehr. Ueli Mäder, ordentlicher Professor für Soziologie an der Uni Basel, hat Erklärungsversuche.
Prof. Dr. Ueli Mäder spricht sich im Interview mit Tink.ch gegen einen freien Arbeitsmarkt aus.
Bild: Matthias Käser

Tink.ch: Hat die Schweiz eine gerechte Einkommens- und Vermögensverteilung?

Ueli Mäder: Schön wär’s. Es gab eine Zeit in der Schweiz, als die Vermögensverteilung ausgeglichener war. Seit 1989 bricht die Verteilung auf. Die finanzielle und damit soziale Kluft vergrössert sich.

 

Sie argumentieren mit historischen Fakten. Liberale Wirtschaftsvertreter tun dies auch und ziehen einen ganz anderen Schluss. Warum beruft man sich in dieser Diskussion immer auf historische Daten? Fehlen uns eigene Wertevorstellungen?

Historische Daten sind wichtig, um zu verstehen, wie etwas entstanden ist. Daran sieht man, dass eine funktionierende Wirtschaft auch mit geringeren Vermögens- und Einkommensunterschieden auskommen kann. Aber es stimmt: Wir sind im Heute und sollten uns überlegen, welche Vermögensverteilung wir anstreben möchten.

 

Welche Zahlen würden sie aufführen, um die ungerechte Vermögensverteilung in der Schweiz zu verdeutlichen?

Die Global-Wealth-Studie der Credit Suisse zeigt, dass etwa ein Prozent der Bevölkerung mehr steuerbares Nettovermögen besitzt als der grosse Rest – eine krasse finanzielle Ungleichheit. Ungut finde ich hier zusätzlich, dass sich diese Kluft zumindest bis im Jahr 2010 verschärft hat. Die Entwicklung sollte meiner Meinung nach gegenteilig sein.

 

Was sind die Ursachen für diese Ungleichheit?

Eine wichtige Ursache ist für mich das veränderte Verständnis in der Gesellschaft über das Verhältnis von Kapital und Arbeit. Der Aspekt eines ausgewogenen Verhältnisses von Kapital und Arbeit wurde früher grösser geschrieben. Heute hält vermehrt ein angelsächsisches, finanzliberales Verständnis Einzug, in dem vor allem finanziell begründete Argumentarien gelten. Deshalb spielt in unserer Gesellschaft das Geld eine so übermächtige Rolle.

 

Wie kommen solche Verschiebungen zustande?

Das hat mit der Politik zu tun und damit, wer seine Interessen wie durchsetzen kann. Ein Durchsetzungsvermögen wiederum kann meistens stark auf finanzielle Ressourcen zurückgeführt werden.

 

Eine gewisse Ungleichheit in der Gesellschaft würde aber zu mehr Innovation und einer höheren Arbeitsmoral führen?

Es geht nicht darum, alles gleichzuschalten. Eine freiheitliche und pluralistische Gesellschaft mit Ungleichheiten entspricht auch meinem Wunsch. Die Gretchenfrage lautet aber, wie hoch das Ausmass von Ungleichheit sein darf.

Betrachtet man die verfügbaren Einkommen bei finanziell schlechter gestellten Personen, so ist das entmutigend für ganze Bevölkerungsschichten und gefährdet den sozialen Zusammenhalt in unserem Land.

 

Was wäre denn das wirkungsvollste politische Instrument, um Ungleichheiten in der Schweizer Gesellschaft zu unterbinden? Die 1:12-Initiative?

Die 1:12-Initiative würde ein Zeichen setzen. Danach müsste aber eine Diskussion über Mindesteinkommen geführt werden. Ich kenne viele Leute, die den Franken immer zweimal umdrehen müssen und sich gerade das Nötigste leisten können. Das führt zu sozialem Stress. Für solche Personen empfinde ich Mitgefühl. Es ist mir ein Herzensanliegen, die unteren Einkommen anzuheben.

 

Was wäre demnach die maximale Lohnspanne, die sie propagieren würden?

Mein Wunsch ursprünglich war eins zu zwei, in der Folge wurde ich etwas reformerischer und argumentierte für eins zu drei. Eins zu zwölf ist von mir aus gesehen eine grosszügige Spannweite, aber ein wichtiger Schritt.

 

Eine Lohnspanne von eins zu zwei endet aber im Sozialismus?

Wenn die vielgepriesene Selbstregulation des Marktes nicht greift, dann ist eine Gesellschaft gut beraten, einen Rahmen festzulegen.

 

In diesem Zusammenhang sprechen Sie von einer “neuen Gläubigkeit” gegenüber dem Markt. Was meinen Sie damit?

Manche äussern die Vorstellung, dass der Wert der Arbeit alleine durch den Markt definiert wird. Das ist für mich eine neue Art von Gläubigkeit. Solches Denken ignoriert viele weitere Faktoren, die mitspielen. Wichtig ist, dass wir gemeinsam darüber diskutieren, in welche Richtung wir unsere Gesellschaft aktiv weiterentwickeln wollen.