Politik | 14.11.2013

“Anderssexualität ist zwar nichts Neues, aber etwas erst neu Akzeptiertes.”

Text von Fabienne Jaquet | Bilder von Fabienne Jaquet
Vom 14.-17. November wird Homophobie an der diesjährigen Jugendsession thematisiert. Kira Buzdin ist jung, lesbisch, links engagiert und setzt sich für die Gleichberechtigung von Anderssexuellen in unserer Gesellschaft ein.
Kira Buzdin: "Es ist eher so, dass mir gewisse nicht glauben, wenn ich sage, dass ich lesbisch bin."
Bild: Fabienne Jaquet

Tink.ch: Hast du Diskriminierung aufgrund deiner sexuellen Orientierung zu Hause, am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis erlebt?

Kira Buzdin: Ich habe kaum direkt Diskriminierung erlebt. Es ist eher so, dass mir gewisse nicht glauben, wenn ich sage, dass ich lesbisch bin. Auch sehe ich, dass einige ihre Meinung herunterschlucken, wenn ich mit ihnen über Gefühle zu Frauen rede. Dies ist mir dann recht unangenehm. Doch gehen unterdessen meine Eltern und Freunde gut damit um.

 

 

Wie hast du deiner Familie und deinen Freunden erzählt, dass du homosexuell bist?

Ich habe nie ein grosses Drama daraus gemacht. Für mich ist Homosexualität etwas völlig Natürliches. Wenn während Diskussionen unter Freunden oder bei der Arbeit per Zufall das Thema Liebe oder Homosexualität auf den Tisch kam, erwähnte ich nebenbei, dass ich lesbisch bin. Ich habe danach selten negativen Äusserungen gehört, sondern meist Neugierde und offenes Interesse der anderen.

 

Was meinst du, warum wird in Schulbüchern oder im Biologieunterricht das Thema Homosexualität oberflächlich oder gar nicht behandelt?

Ich finde, es liegt an den Leuten, die für den Lehrplan des jeweiligen Kantons verantwortlich sind oder in der Schulpflege sitzen. Anderssexualität ist zwar nichts Neues, aber etwas erst neu Akzeptiertes. So sind immer noch nicht alle diskriminierenden Gesetzte und Gewohnheiten abgeschafft, wie das Adoptionsverbot, keine echte Ehe und die Nicht-Aufklärung. Meistens sind diese Leute auch von einer konservativen Gesinnung geprägt, sodass die Anderssexualität nicht in den Schulstoff integriert gehört. So wird es noch eine Weile dauern, bis sich die Konservativen an die “Veränderung” gewöhnt haben.

 

Eine Studie der Universität Zürich besagt, dass jeder fünfte homosexuelle Jugendliche vor dem 20. Lebensjahr einen Suizidversuch hinter sich hat. Welches sind für dich die Gründe dafür?

Jugendliche Homosexuelle haben grundsätzlich einen höheren auf sich lastenden Druck als Heterosexuelle. Dies liegt einerseits an der Diskriminierung, aber auch an der Schwierigkeit eine Partnerin oder einen Partner zu finden, und an dem Gefühl “anders zu sein”. Man hat schon mit seiner eigenen Identität zu ringen, zudem erschwert dies den Umgang mit komplizierten Dingen wie der Liebe. Auch kenne ich einige, welche auf größere Probleme und Inakzeptanz in der Familie gestoßen sind. Unter diesem psychische Gesamtdurck fängt man schneller an daran zu denken, sich das Leben zu nehmen.

 

Von der Jungen SVP Unterwallis kam einmal die Aussage: “Wir fordern nicht den Scheiterhaufen für Schwule, aber wir wollen ganz einfach zurück zu den Werten, welche die Stärken der Schweiz ausmachen.” Was denkst du über diese Aussage?

Konservative können allgemein nicht gut mit Änderungen umgehen. Von ihnen gibt es wenig Verständnis, so dass schwul oder lesbisch sein als kriminell abgetan wird.

 

Die Agentur für Grundrechte der EU hat 2009 eine Studie über die LGBT-Minderheiten (Lesbian, Gays, Bisexual and Trans) in EU-Ländern herausgebracht. Daraus ging hervor, dass kein einheitliches Mindestschutzniveau für LGBT-Minderheiten in der ganzen EU besteht. Darum wurde ein Entwurf von der Europäsischen Komission für eine einheitliche Richtlinie dieser Gesetzte entworfen, um alle LGBT-Minderheiten europaweit mit dem gleichen Schutzauszustatten. Glaubst du, dass die Gesetzesverschärfung etwas bewirkt?

Kaum, härtere oder verschärfte Bestrafung würde die Gesellschaft nur wenig davon abhalten Lesben, Schwule, Bisexeulle oder Transsexuelle durch Mobbing oder körperlicher Gewalt  weniger zu diskriminieren. Andressexualität muss ins Bildungssystem eingebracht und durch Aufklärungsarbeit mehr Verständnis geschaffen werden. Ich habe schon von einigen gehört welche ehrenamtlich verschiedene Schulen besuchen, aufklären, und erlebt haben, dass dies Wirkung zeigt.

 

Oftmals hört man in den Medien, wie sich Prominente wie Neil Patrick Harris (Barney Stinson in “How I met your Mother”) oder die deutsche Schauspielerin Ulrike Folkerts (Lena Odenthal aus dem deutschen Tatort) als Homo- oder Bisexuell outen. Es scheint, dass in der Gesellschaft lesbische Frauen akzeptierter sind, als Männer, die sich als schwul outen. Was denkst du, was sind die Gründe dafür, dass homosexuelle Männer weniger akzeptiert sind als Frauen?

Dies hängt mit der Akzeptanz der Frauen und Männern zusammen. Es ist in unserem Gesellschaftsbild verankert, dass eine Frau als schwach gilt, emotional wie körperlich. Ein Mann sollte hauptsächlich stark und männlich sein. Durchbricht eine Frau ihr Rollenbild und nähert sich charakterlich dem “starken Geschlecht” ist dies “nicht ganz so schlimm”, weil männlich und stark grundsätzlich als gut oder besser betrachtet wird. Bei einem Mann allerdings gilt das nicht Einhalten seiner Rolle, die charakterlichen Annäherung an das weibliche Geschlecht als schwach. Er habe sich nicht bewährt, er sei kein “richtiger” Mann, er ist eine “Schwuchtel”. Dies “kratzt” am idyllische Bild von gewissen Menschen, die Frauen gerne zuhause bei den Kindern sehen und den Mann als Ernährer der Familie.