Politik | 29.11.2013

Alles nur Gelaber?

Text von Fabienne Gsponer | Bilder von Matthias Käser
An der Jugendsession wird jeweils debattiert wie bei den Grossen. Aber halten die Reden der Jugendlichen auch, was sie versprechen? Haben sie eine reflektierte Meinung oder eher grosses Talent zum Jonglieren mit vorgefertigten Worten?
Bild: Matthias Käser

Wer den Jugendlichen im Nationalratssaal zuhört, ist erstaunt über den Elan, mit dem debattiert wird: “Geschätzte Kolleginnen und Kollegen”, begrüsst ein Redner die Anwesenden. “Unterstützen wir den Vorschlag des Nationalrates!”, fordert ein anderer auf, und ein dritter erinnert: “Mehrsprachigkeit ist die Grundlage unseres Landes.” Solche Sätze erinnern an National- und Bundesräte. Unweigerlich fragt man sich: Fehlt da noch was oder wären unsere Schweizer Politiker problemlos mit dem Juse-Nachwuchs austauschbar?

 

 

Die Rede-Strategien im Griff

Die an der Jugendsession präsentierten rhetorischen Fähigkeiten sind mindestens so vielfältig wie die politischen Meinungen. Einige Redner beherrschen es, die Zuhörer mit emotionalen Reden um den Finger zu wickeln: “Die Landessprachen nicht zu verstehen, schafft Grenzen. Die Deutschschweizer zu Deutschland, die Französischsprachigen zu Frankreich – so wollt ihr die Schweiz vernichten. Aber eigentlich gehören wir alle zur Schweiz!” Ergriffen von den Worten beginnt der gesamte Saal zu klatschen. Ein anderer betont herzzerreissend: “Nessuno è perfetto” (Keiner ist perfekt) und zieht mit seinem Charme alle auf seine Seite.

 

Es wird ermahnt, gelobt, Angst verbreitet, oder gar der Gegner abgewertet, um die eigenen Argumente durchzubringen. “Die Zeit ist reif”, überzeugt ein Redner durch seine heroische Wortwahl, während  ein weiterer weiss , wie man das Volk an die Hand nimmt: “Wir sehen uns in der Schweiz in einem fortschrittlichen Land, und jetzt sollten wir dem auch gerecht werden!” Die Jugendlichen nutzen gekonnt bewährte Rede-Strategien der Profis (wie etwa die Emotionalisierung) um ihren Argumenten zum Durchbruch zu verhelfen.

 

Alles nur leere Worte?

Doch: Wissen die wirklich, über was sie reden? Oder sind die Jugendlichen vielleicht zu jung für manche Themen? Die Jugendsession ist die erste Gelegenheit für Jugendliche, ihr politisches Potenzial unter Beweis zu stellen. Schaut man von der rhetorischen Sprengkraft einiger Argumente ab und konzentriert sich auf den Inhalt, sieht man bald: Da fehlt schon mal der Boden unter einigen Argumenten im Nationalratssaal. Schneller als bei geübten Rednern wird etwas wiedergegeben, das auf einer unreflektierten Meinung basiert.

Liberale Denker wie ein junger Mann aus dem rechten Kreis begründen eine Steuer-Hinterziehung dann schon mal als tolerierbar, da viele vermögende Schweizer durch höhere Besteuerung keine Existenzmöglichkeiten mehr in der Schweiz hätten.

 

Wie ein Sturm, der vorbeizieht, sind auch diese Argumente nach Abschluss der Diskussion schnell wieder vergessen. Schwierig wird es allerdings, wenn sich die Jugendlichen in den Medien bewähren müssen. Was gesagt wird, bleibt dann – anders als bei der mündlichen Debatte – haften und kann auch später noch nachgelesen werden. Das kann einer noch jungen politischen Karriere schon mal einen kleinen Dämpfer verpassen.

 

Übung macht den Meister

Allerdings gilt: Man sollte nicht immer alles allzu ernst nehmen. Schliesslich gehört die demokratische Redetradition zur Schweiz. Was auch bedeutet, dass Argumente angegriffen und umgeformt werden, das Wissen erweitert wird oder zumindest gelernt wird, sich etwas vorsichtiger auszudrücken. Und vielleicht haben die Jugendlichen durch die Trockenübung an der Jugendsession ja auch gelernt: Manchmal ist es nicht der Inhalt, der ausschlaggebend ist, sondern  der Auftritt vor dem Publikum.

 

Abschliessend muss gesagt werden, dass die Jugendlichen an der Jugendsession viel  Interesse und überzeugende Meinungen zu politischen Themen gezeigt haben. Abgesehen von einigen Ausnahmen waren die Meinungen reflektiert und gut begründet.  Der junge Nachwuchs hat gezeigt: Er kann sich eine eigene Meinung bilden. Ob redend, dem Sitznachbar zunickend, schlafend, zeichnend, oder mit dem Gegner flirtend, der Nationalratssaal könnte schon morgen zu ihrem zweiten Wohnzimmer werden.

Und eines haben sie sicher besser gemacht als ihre grossen Vorbilder: Sie waren vollzählig anwesend!