Kultur | 06.10.2013

Von Freundschaften und Fluchtversuchen

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von zvg (shnit)
Zum 11. Mal in Folge schmückt sich die Stadt Bern mit dem knalligen Pink des Internationalen Kurzfilmfestivals Shnit. Die beiden Blöcke Animates 01 und 02 der Programmsektion "For special interests" präsentieren 19 kurzweilige Animationsfilme aus 12 Ländern. Diese entführen den Zuschauer mal in heitere, mal in dystopisch angehauchte Weltentwürfe und verarbeiten in kurzen Filmsequenzen essentielle Themen des menschlichen Lebens.
"Hollow Land" von Uri Kranot (Frankreich/Kanada) lief am diesjährigen Shnit.
Bild: zvg (shnit)

Gut gefüllt zeigen sich das Kino City 2 und das Theater am Käfigturm am Samstagnachmittag während der Ausstrahlung der beiden Animationsfilmblöcke. Die Zuschauer widmen ihre Aufmerksamkeit wahlweise der eigenen Popcorntüte oder der Leinwand, welche in diesem Rahmen als Projektionsfläche für die Sehnsüchte, Wünsche und Nöte animierter Fantasiegestalten fungiert.

 

Dass der Animationsfilm mehr sein kann als leichtfüssige Unterhaltung für ein tendenziell jüngeres Publikum beweist das Shnit auch dieses Jahr mit einer vielfältigen Auswahl an Filmprojekten. Einzelne Motive und Themenaspekte wiederholen sich immer wieder im Stile eines impliziten roten Fadens, der die beiden diesjährigen Blöcke durchzieht. Oftmals handelt es sich bei den Protagonisten um von der Gesellschaft ausgestossene Eigenbrötler oder notorische Verlierergestalten. Die Sehnsucht nach einer besseren Vergangenheit oder der Wunsch auf eine hoffnungsvollere Zukunft spielen eine zentrale Rolle. Und immer wieder treffen völlig gegensätzliche Charaktere aufeinander, sodass ungewöhnliche Freundschaften entstehen.

 

Aufbruch in eine ungewisse Freiheit

Den Ausbruch aus einem repressiven Umfeld in eine unsichere, jedoch möglicherweise hoffnungsfrohere Freiheit thematisieren die drei Filme “Hollow Land”, “The Sunshine Egg” und “Quinto Andar”. Dabei bedienen  sich die Produzenten der unterschiedlichsten Animationstechniken und Erzählperspektiven. In Uri Kranots kanadischer Produktion “Hollow Land” leiden die frisch immigrierten Auswanderer Berta und Solomon zunehmend unter der allgegenwärtigen Kontrolle der Behörde eines fiktiven Überwachungsstaates und verlassen nach der Geburt ihres Kindes das trügerische Utopia über den Seeweg. In einer Badewanne, ihrer einzigen materiellen Habe, treiben sie zusammen mit anderen Flüchtlingen auf dem weiten Ozean einer ungewissen Zukunft entgegen.

 

In Michael Haas “The Sunshine Egg” werden die katastrophalen Zustände in Legebatterien aus der persönlichen Sicht einer Legehenne angeprangert. Durch eine Verkettung glücklicher Zustände gelingt dem  Huhn mitsamt seinem Gelege die Flucht in die sonnendurchflutete Freiheit. Eher trübsinnig zeigt sich hingegen die brasilianische Produktion “Quinto Andar”, auf Englisch “Fifth Floor” von Marco Nick; darin kann ein der Gesellschaft entfremdeter Grossstädter die Metropole und seinen verhassten Arbeitsplatz erst verlassen, nachdem er sich in einen Wolf verwandelt hat.

 

Wenn Gegensätze zueinander finden

Von kuriosen Freundschaftsbeziehungen handeln die Produktionen “Mr Hublot” und “The Hungry Corpse”. Der erste Film spielt in einer mechanisierten, auf Dampfmaschinen als Hauptantriebskraft basierenden Steampunk-Welt. Der neurotische Junggeselle Hublot, selbst eine Synthese aus Mensch und Rechenmaschine, adoptiert darin einen mechanischen Strassenhund, der sein beschauliches Leben völlig auf den Kopf stellt. In “The Hungry Corpse” von Gergely Wootsch sind es ein einsamer, in Nostalgie schwelgender Zombie und eine dauerplappernde Taube mit verstauchtem Flügel, die sich zusammenschliessen.

 

Von einseitiger, unerfüllter Liebe hingegen handeln der bittersüsse slowenische Animationsfilm “Boles” und die israelische Produktion “Bepe Paur Ve’oznaim Atzumot”, auf Englisch «Mouth Wide Open, Ears Tight Shut«. Ersterer basiert lose auf einer Kurzgeschichte von Maxim Gorki und zeigt in leisen melancholischen Bildern, wie ein eigenbrötlerischer Schriftsteller mit Schreibblockade und seine imaginierten Nachbarin Tereza, eine verlebte Dame von zweifelhaftem Ruf, zueinanderfinden.

Zurückgezogen lebt auch die Protagonistin in Tom Madars Animationsfilm aus Israel, welcher mit rund 16 Minuten Laufzeit zu den längsten Produktionen der beiden Filmblöcke gehört. Die junge Hauptperson hüllt sich in eine Mauer aus konstantem Schweigen und dumpfer Lethargie, aus welcher sie erst die Ankunft eines neuen Nachbarn reisst.

 

Visuelle Vielfalt

Auffällig ist die Feinfühligkeit, mit der sich die meisten Kurzanimationen anspruchsvollen Themen wie Trauer, Verlust und Ausgrenzung annehmen. Auf inhaltslose visuelle Effekte wird in den meisten Filmen verzichtet. Ebenfalls positiv zu vermerken ist die Vielfalt der einzelnen Animationsstile: Mal tanzen klassisch gezeichnete Strichmännchen und geometrische Figuren über die Leinwand, mal wird auf die Stop-Motion-Technik oder auf 3D-Animation gesetzt. Die diesjährigen Animationen bewegen sich dabei grösstenteils auf sehr hohem Niveau und behandeln zeitlose Themen, die jedoch durchaus auch über einen gewissen Aktualitätsbezug verfügen.