Kultur | 05.10.2013

Landsgemeinde im Kinosaal

Text von Céline Graf | Bilder von Manuel Lopez
Per Handzeichen wählten die Zuschauerinnen und Zuschauer am Shnit ihre Favoriten unter den Schweizer Kurzfilmen ins Finale. Dabei hatten es Filme, die keine eindeutigen Emotionen auslösten, schwer.
Die Zuschauer sassen sich in den Vorstellungen direkt gegenüber.
Bild: Manuel Lopez

Morgen wird am Kurzfilmfestival zum ersten Mal ein mit 5000 Franken dotierter Publikumspreis für den besten Schweizer Kurzfilm vergeben. Um den ersten Platz sind acht Filme im Rennen. Für die Zuschauerinnen und Zuschauer hatte das Abstimmungsverfahren einen lustigen Nebeneffekt: Wer bei den Vorabstimmungen in einem der drei Filmblöcke der Reihe “Swiss made” dabei war, fühlte sich wie an einer Landsgemeinde. Die eine Publikumshälfte sah bei der gegenübersitzenden Hälfte, quasi im Spiegel, die Reaktionen auf die Filme. Bei der nachfolgenden Abstimmung per Handzeichen war ersichtlich, wer für welchen Film stimmte.

 

Das Resultat war Herdenbildung. Eher schloss man sich der Mehrheit für einen Film an, der gute Chancen hatte, als sinnlos in der Minderheit für einen Film zu stimmen. Wer es dennoch wagte, musste mit einem Spruch des Moderators Matto Kämpf rechnen. “Da will einer auffallen”, sagte der Berner Künstler auf seine schwarzhumorige Art.

 

Gefällt mir, gefällt mir nicht

Aber es gab auch klare Wortmeldungen. Ein Zuschauer zum Beispiel setzte sich für den Spielfilm “Freunde” (2013) des ZhdK-Studenten Luca Ribler ein. Während zwei junge Männer und eine junge Frau aus Langeweile Filmchen drehen, kommt ein Konflikt in der Dreiecksbeziehung an die Oberfläche. Im Gegensatz zu vielen technisch aufwendigen Produktionen im Wettbewerb ist dies ein mutig-schlichter Film, der durch das Drehbuch und die schauspielerischen Leistungen besticht.

 

Doch Filme wie “Freunde”, die ungewiss ausgehen und keine eindeutigen Emotionen auslösen, hatten es schwer. Hauptkriterium, ob es ein Film ins Finale schaffte, war aufgrund der kurzen Entscheidungszeit das persönliche Gefühl von “Gefallen und Nichtgefallen”. So war man froh, bei der Schlussabstimmung am Freitag wieder in Ruhe Stimmzettel in die Urne werfen zu können. Auch wenn die Landsgemeinde im Kinosaal für das Publikum eine Abwechslung aus der passiven Konsumhaltung bot.

 

Mein Favorit

“Merci pour ce film!”, hat die Tink.ch Reporterin auf den Stimmzettel für den 20-minütigen Animationsfilm “La nuit de l’ours” von Frédéric und Samuel Guillaume (2012) geschrieben. Die Filmemacher haben Interviews mit Menschen in der Notschlafstelle “La Tuile” in Freiburg geführt, welche in Gestalt von Tierfiguren im Film auftreten. Der Protagonist, ein Bär, bleibt im Hintergrund – und ist doch der unbestrittene Star. “La nuit de l’ours” ist ein Plädoyer für die Menschlichkeit, ohne zu moralisieren, ein überraschender, liebevoll gemachter, rund erzählter Film. Er hat bereits mehrere Publikumspreise und den Schweizer Filmpreis für den besten Animationsfilm 2013 gewonnen.

 

 


 

Tink.ch Tipp:


“Freunde” und “La nuit de l’ours” werden heute nochmals in der Reihe “Swiss made 1” gezeigt. 20 Uhr in der Aula im Progr. Infos und Tickets: www.shnit.org