Politik | 31.10.2013

Komplexer Bürgerkrieg

Text von Christian Wyler | Bilder von Flickr/Uwe Hiksch
Das Regime von Bashar al-Assad hat unlängst einer internationalen Kontrolle seiner Chemiewaffenarsenale zugestimmt. Damit wurde eine westliche Militärintervention gegen das syrische Regime abgewendet. Die westliche Fixiertheit auf den Einsatz von Chemiewaffen hinterlässt aber einen schalen Nachgeschmack.
Der Syrienkonflikt ist zum komplexen Bürgerkrieg mit vielen heterogenen Akteuren geworden.
Bild: Flickr/Uwe Hiksch

So schrecklich chemische Waffen auch sein mögen, der Grossteil der kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien werden mit konventionellen Waffen geführt. Der Fokus auf Chemiewaffen zeigt, dass der Westen zwar bereit ist, gegen den Einsatz von Massenvernichtungswaffen vorzugehen. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass der Bürgerkrieg selber, solange er mit konventionellen Waffen geführt wird, offenbar keinen Grund für eine Militärintervention darstellt. Ein Militärschlag würde natürlich erhebliche Gefahren und Kosten mit sich bringen. Allerdings dürfte noch ein anderer Faktor eine Rolle spielen, wenn die USA davon absieht, gegen einen alten Erzfeind wie Assad vorzugehen.

 

Komplexer Bürgerkrieg

Nicht nur Assad, sondern auch Teile der Rebellen stellen für die USA ein Problem dar. Die Aufständischen weisen eine grosse Heterogenität auf – von säkular gesinnten Demokraten über Militärs bis hin zu radikalislamischen Extremisten ist alles vertreten, wobei gerade die Extremisten über eine grosse Schlagkraft verfügen. Und auch der Verlauf der Kampffronten lässt sich nicht einfach entlang der Grenze zwischen Opposition und Regime ziehen. So bekämpfen sich auf Rebellenseite mitunter unterschiedliche Gruppierungen untereinander und auch Auseinandersetzungen zwischen Extremisten und Kurden im Norden und Nord-Osten Syriens flammen immer wieder auf.

 

Die Zeit der simplen Aufteilung in Gut und Böse, als friedliche Demonstranten auf die Strasse gingen und brutal vom Regime niedergeschossen wurden, ist lange vorbei. Die Komplexität des Bürgerkriegs und die Feindschaft gegenüber dem Westen beim Regime wie auch bei Teilen der Rebellen machen es für die USA schwierig, direkt zugunsten einer der Parteien einzugreifen. Sei es aufgrund solcher Vorbehalte oder wegen der russischen und chinesischen Unterstützung für Assad im UNO-Sicherheitsrat: Eine Militärintervention in Syrien scheint nach dem Einlenken Assads bezüglich seiner Chemiewaffenarsenale in weite Ferne gerückt.

 

Verfahrene Situation

Ein Ende des Konflikts kann unter diesen Umständen nur durch den militärischen Sieg einer der Kriegsparteien oder durch eine Verhandlungslösung erreicht werden. Obwohl das Regime in den vergangenen Wochen einige militärische Erfolge verbuchen konnte, ist eine vollständige militärische Niederlage der Rebellen kaum wahrscheinlich. Die Kämpfe werden vor allem um kleinere Ortschaften und speziell in den letzten Wochen um Vororte von Damaskus geführt. Wirkliche Frontverlagerungen und massive Gebietsgewinne sind selten geworden. In ihren Kerngebieten im Norden und Süden des Landes scheinen die Rebellen fest im Sattel zu sitzen und können zudem problemlos mit Waffen versorgt werden.

 

Lösung am Verhandlungstisch

Bleibt somit die Option, eine Lösung des Konflikts am Verhandlungstisch zu suchen. Dass Assad solche Verhandlungen bisher abgelehnt hat, liegt nicht nur an seiner aktuellen militärischen Stärke: Sollten in nächster Zeit Verhandlungen zwischen den Aufständischen und dem Regime stattfinden, wäre es wahrscheinlich, dass die Rebellen ihre eroberten Gebiete nicht mehr hergeben würden, nicht zuletzt natürlich aus Angst vor Repressionen. Sollte sich eine solche Pattsituation ergeben, ist sogar eine Spaltung Syriens denkbar.

 

Die Situation bleibt also verfahren und die Zukunft schwierig abzuschätzen. Klar ist hingegen, dass das Leid der Zivilbevölkerung weiter anhalten wird. UNHCR-Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahl der Flüchtlinge, welche Syrien seit Konfliktausbruch verlassen haben, bis Ende 2013 drei Millionen betragen wird.

 

 

Christian Wyler


Tink.ch-Reporter Christian Wyler schliesst sein Islamwissenschafts-Studium in Kürze ab und kennt Syrien von einem mehrmonatigen Studienaufenthalt.