Gesellschaft | 25.10.2013

Faszination des Gewöhnlichen

Text von Alyna Reading | Bilder von Alyna Reading
Youtube ist das meistbesuchte Internet-Videoportal der Welt. Jeder kann kostenlos Videoclips anschauen, kommentieren und hochladen. Im Mai 2013 wurden laut statista.com weltweit vier Milliarden Videos am Tag angeschaut. Doch was macht Youtube so attraktiv?
Bietet YouTube mehr als Unterhaltung?
Bild: Alyna Reading

Das Internetportal Youtube wurde von drei Freunden im Jahre 2005 gegründet. Heute enthält es eine schier überwältigende Vielzahl von Videos, die nach Herzenslust abgespielt werden können. Was genau jemand anschauen will, bleibt ihm oder ihr selbst überlassen. Von Clips, die etwas so Alltägliches wie ein lachendes Baby zeigen, über Video-Blogs bis hin zu ganzen Metallica-Konzerten lässt sich alles finden. Der anhaltenden Kritik verschiedener Seiten zum Trotz wachsen die Nutzerzahlen stetig weiter. Obwohl die meisten Videos das Gewöhnliche und Bekannte wieder und wieder thematisieren.

 

“Warum müllen diese Menschen uns zu mit ihrem Leben, ihren Gefühlen, ihrer ach so grossen Kreativität zu? Und das millionenfach?«, fragt etwa ein Kritiker auf einem Online-Forum. Der niederländisch-australische Medienwissenschaftler Geert Lovink schreibt in seiner Studie “The Cult of the Amateur”: “Statt einer Explosion kollektiver Vorstellungskraft werden wir Zeugen einer digitalen Desillusion. Die niedrige Qualität Youtubes beliebtester Videos zeigt, dass diese Plattform keine Quelle schöpferischer Ästhetik ist.”

 

Sich mit dem Gewöhnlichen identifizieren

Ganz anders sieht es der britische Video-Blogger Benjamin Cook, der in seiner Youtube-Serie “Becoming Youtube” erklärt: “Wir bieten der Welt nicht nur unsere Kunst, sondern wir offenbaren unser Selbst, unser Leben und unsere Identität.”

 

Es herrscht also kein Konsens darüber, ob Youtube-Videos als wichtigtuerische Darstellung des Alltags gelten sollen oder ob genau diesem Portrait der Banalität eine Kunst zu Grunde liegt, die anspricht, was uns alle beschäftigt. Fest steht, dass Millionen Menschen eben diese Videos anschauen.

 

Youtube dient wie viele andere Medien primär der Unterhaltung. Das Videoportal enthält eine riesige Auswahl an Videomaterial. Es kann selbständig ausgesucht werden, wann welcher Clip angeschaut wird. Ausserdem werden laienhafte Videos professionell produzierten oftmals ihrer Authentizität wegen vorgezogen. Mit einem Video, das von irgendeiner  Person an einem beliebigen Ort aufgenommen wurde, kann man sich grundsätzlich besser identifizieren. Eine Person, die sich so präsentiert, kann man besser kennen lernen, als einen berühmten, aber weit entfernten Filmstar.

 

Weltweite Interaktion

Die Faszination auf der Publikumsseite ist das eine, aber was ist mit den Menschen, die Youtube-Videos hochladen? Da Youtube für alle erreichbar und kostenlos ist, kann sich dort darstellen, wer will. Alle haben die Möglichkeit, gross rauszukommen. Nicht aus Zufall verkauft Youtube den Slogan: “Broadcast yourself.” Das bedeutet, dass das Publikum nicht nur untätig zusieht, sondern sich beteiligen kann, indem es kommentiert, kritisiert und selber Material auf YouTube stellt.

 

Ein Video hochzuladen bietet vielen die Gelegenheit, ihr Talent einem grösseren Publikum zugänglich zu machen. Es ist mehr als der blosse Wunsch nach Aufmerksamkeit. Es ist eine Art sich seiner eigenen Existenz und Persönlichkeit zu versichern. Indem etwas auf Youtube gestellt wird, ist es sofort für alle Menschen mit Internetanschluss zugänglich.

 

Youtube ist ein Portal, welches allen, ohne Rücksicht auf Bildung oder finanzielle Ressourcen, die Möglichkeit bietet, das eigene Talent unter Beweis zu stellen und anderen zu zeigen. Oder in den Worten der Youtuberin Lindsay Atkin ausgedrückt, die 2013 in der IF-Kampagne gegen den Welthunger kämpfte: “Ich denke, es ist eine unglaubliche Plattform für normale Menschen wie mich, die uns erlaubt, über diejenigen Themen zu sprechen, die uns bewegen.”