Kultur | 16.10.2013

Ein Multitasker, ein Perfektionist und ein Wegbereiter

Der Titel "Jäger des Augenblicks" und das Thema Extremklettern versprechen einen schnellgeschnittenen, atemlosen Abenteuerfilm, der in erster Linie auf actionreiche Unterhaltung setzt. Diese Erwartungen werden enttäuscht. Allerdings werden die Zuschauerinnen und Zuschauer mit einem vielschichtigen Portrait von drei Sportlern und deren Lebensphilosophie überrascht.
Beim zweiten Versuch: Erneutes Weitermachen in der Route und abseilen in die Wand.
Bild: Klaus Fengler/ Red Bull Photofiles.

Die Kamera schwenkt über eine unbewohnte Landschaft und bleibt an einer Kletterwand hängen. Senkrecht streckt sie sich dem Himmel entgegen, an ihr hoch klettert ein Mann ohne Sicherung. Bedächtig, scheinbar einer unsichtbaren Route folgend, findet er einen Weg nach oben. Das Bild entfernt sich vom Mann und gibt den Blick auf einen Felsvorsprung frei, den der Kletterer ohne Zögern hochhangelt. An der äussersten Stelle verharrt er kurz – die einzige Verbindung zwischen ihm und dem Berg: eine seiner Hände.

 

Hinter dem Regenbogen

Dieser Mann ist Stefan Glowacz. Aushängeschild der deutschen Sportkletterszene, ein Extremsportler und Perfektionist. Der Dokumentarfilm “Jäger des Augenblicks” portraitiert ihn und zwei weitere tonangebende Gestalten dieser Sportart, Kurt Albert und Holger Heuber. Der Film begleitet die Extremsportler ins Dreiländerviereck von Guyana, Venezuela und Brasilien an den Tafelberg Roraima. Dort wartet die Kletterroute “Behind the rainbow” auf ihre Erstbegehung.

Die erste Expedition scheitert aufgrund unerwarteter Komplikationen und einer Fussverletzung. Schnell beschliessen die drei, die Erstbegehung in einer zweiten Exkursion erneut zu versuchen. Allerdings verunglückt Kurt Albert zwischen den zwei Exkursionen tödlich, was die gesamte Unternehmung in Frage stellt.

 

Keine technischen Hilfsmittel

Kurt Albert, Holger Heuber und Stefan Glowancz sind neben ihren unzähligen Erstbegehungen vor allem für ihre Philosophie “by fair means” bekannt. Kurt Albert erklärt diese Worte im Film folgendermassen: “Unsere Idee ist aus eigener Kraft vom letzten Punkt der Zivilisation an den Berg anzureisen, zu versuchen soweit wie möglich auf technische Hilfsmitte wie Helikopter, Motorschlitten und so weiter zu verzichten.”

 

Albert steht in der Kletterszene gleichzeitig für die Gründung des Rotpunkt-Kletterns. Dieser Begehungsstil, welcher von den dreien geklettert wird, setzt voraus, dass zwar eine Sicherung vorhanden ist, jedoch darf das Sicherungsseil während der Begehung nicht belastet werden. Erst, wenn eine Route auf diese Art frei geklettert wurde, erhält der Einstieg einen roten Punkt.

Holger Heuber, der Dritte im Bund, ist als “notorischer Multitasker” bekannt. Neben dem Klettern fährt er Ski, fliegt Gleitschirm und paddelt.

 

Der Rote Bulle

Finanziert wurde “Jäger des Augenblicks” von Red Bull Media House, eine Tochtergesellschaft von Red Bull GmbH. Der Konzern ist bekannt als Sponsor von Extremsportarten und -sportlerInnen. Auch Stefan Glowacz wird von Red Bull unterstützt. Zudem beherbergt die Tochterfirma zahlreiche Printmedien, Fernsehsender, Musiklabel, Mobilfunkanbieter, Radiosender und Filmproduktionen und stand bereits mehrmals in der Kritik, den Tod von Extremsportlerinnen und -sportlern mitzuverantworten zu haben.

 

Nahaufnahmen

“Ein Film über die Art von Persönlichkeiten zu machen, die solche Missionen übernehmen und sich selbst in diese Umgebung begeben”, mit diesen Worten beschrieb Philipp Manderla, Autor und einer der Regisseure von “Jäger des Augenblicks”, seine Herangehensweise in einer Stellungnahme zum Film.

 

Das angestrebte Portrait der Sportler wird erst im Laufe des Filmes vielfältig. Zu Beginn des Filmes dominieren Aufnahmen, welche die physische Stärke der Sportler zeigen. Zum Beispiel Glowanczs vom Schmerz entstelltes Gesicht in der Nahaufnahme oder Klimmzugübungen des Trios im Dschungel während der ersten Exkursion zum Tafelberg. Diese Bilder werden im Verlauf des Filmes durch verharrende Aufnahmen der Gesichter in ruhigen Momenten ersetzt. Eine Szene zeigt wie Glowancz in einer meditationsähnlichen Haltung bei einer Trockenübung, als er die Klettergriffe der Schlüsselstelle durchgeht. Erst diese Aufnahmen geben dem Betrachter eine Idee vom Innenleben der Akteure.

 

Helden stilisieren

Die Veränderung der Bildsprache entsteht mit der Thematisierung von Kurt Alberts Tod, der auf feinfühlige Art im Film behandelt wird. Das Aufzeigen dieser Kehrseite von Extremsportarten wandelt die Grundstimmung des Filmes. “Jäger des Augenblicks” erhält dadurch eine Tiefe, welche konventionellen Abenteurerfilmen über Extremsportler fehlt. Stefan Glowacz äussert sich dazu in einem Interview mit n-tv: “Man kann nicht immer nur große Helden stilisieren. Man muss auch zeigen, dass man scheitern kann, dass man Fehler macht.”

 

“Jäger des Augenblicks” ist ein aufwendig und feinfühlig arrangiertes Portrait dreier Extremsportler, welches durch die unterschiedlichen Dimensionen Laien und Sportkenner gleichermassen erreicht.

 


Anmerkung der Redaktion:
“Jäger des Augenblicks” ist ab sofort auf DVD erhältlich.