Kultur | 06.10.2013

Die Filmerin ohne Kamera

Text von Katharina Good | Bilder von Katharina Good
Rund 108 Kurzfilme können wir am Shnit kennenlernen, doch nur selten die Personen dahinter. Eine davon ist Kathrin Hürlimann, eine frisch gebackene Animationsfilmerin - die eigentlich ungern zeichnet.
Die Animationsfilmerin Kathrin Hürlimann zeichnet mit einfachen Strichen, das Modellieren mag sie aber lieber. In nur sechs Minuten erzählt sie in "Grandpère" wieso ihr Grossvater zum Brandstifter wurde.
Bild: Katharina Good

Die Tat ihres Grossvaters habe sie verwirrt, aber irgendwie auch fasziniert, erzählt Kathrin Hürlimann in ihrem Kurzfilm “Grandpère”. Die Rede ist von jenem Brand, den Fritz Hürlimann im Jahr 1969 in der PTT-Telefonzentrale in Hottingen legte. Auf Schweizerdeutsch und mit schlichten Zeichnungen bringt die Animationsfilm-Absolventin die Motive ihres Grossvaters, ihres “Grandpère”, an die Öffentlichkeit. Ein gezeichneter Dokumentarfilm, ist das kein Widerspruch? “Im Gegenteil”, meint Hürlimann, “es ist die einzig richtige Methode, diese Geschichte zu erzählen.” Nur so konnte sie die Sicht ihres Grossvaters mit dem dokumentarischen Material verbinden.

 

Tagebücher und Archivmaterial

Reduzierte weisse Linien auf schwarzem Hintergrund erwachen zum Leben und erzählen von den schlechten Arbeitsbedingungen des PTT-Angestellten. Sie bilden den Rahmen für Tagesschauaufnahmen, Zeitungsausschnitte und Tagebucheinträge. Die Recherchen für “Grandpère” begann Hürlimann bereits vor etwa drei Jahren. Damals, im zweiten Semester an der Hochschule Luzern, recherchierte sie für ihre wissenschaftliche Arbeit. Sie besuchte das PTT-Archiv, analysierte die Tagebücher ihres Grossvaters aus dem Gefängnis, sammelte Familienfotos. “Ich hatte so viel Material untersucht, dass ich zunächst bezweifelte, es in die Kurzgeschichte für die Abschlussarbeit verpacken zu können”, erzählt Hürlimann.

 

Eigene Geschichten im Vordergrund

Vor allem zweifelte die 29-jährige Winterthurerin aber an ihren zeichnerischen Fähigkeiten. “Zeichnen braucht starke Nerven und viel Geduld”, sagt die frisch gebackene Absolventin. Vor dem Studium schloss sie eine Lehre als Hochbauzeichnerin ab. Exakte Linien zu zeichnen, war jedoch nichts für sie, sie wollte mit ihrer Fantasie arbeiten. Mit selbstgestaltetem Schmuck verdiente sie sich das Geld, um in Südamerika zu reisen. “Beim Animationsfilm wurde ich entgegen meinen Erwartungen genommen”, gesteht Hürlimann lachend. Nach dem Vorkurs an der Kunsthochschule F&F in Zürich habe sie sich auch für den Studiengang Schmuckdesign beworben. Seit der Aufnahme beim Animationsfilm fühlt sie sich bestätigt: Nicht die Technik, sondern eine interessante Geschichte mache einen guten Film aus.

 

Skurrile Spezialitäten

Eine ungewöhnliche Geschichte realisierte Hürlimann auch letztes Jahr mit ihrer damaligen Mitstudentin Thirza Ingold. Zwei schrullige Schwestern kümmern sich um das Wohl eines Obdachlosen, bringen ihm regelmässig frische Brötchen und Würste. So schnell, wie sie mit ihrem kleinen babyblauen Lieferwagen anfahren kommen, verschwinden sie auch. Da wird auch mal eine Maus überfahren, ohne Erklärung. Nur der Schock bleibt, der ein schauderhaftes Ende erahnen lässt. Eines Morgens nämlich werfen die Schwestern die Kleider des Obdachlosen weg und richten ihre “Fleisch-Spezialitäten” an. Mit ihrem herzhaften Lachen meint Hürlimann: “Es ist eben nicht alles so, wie es wirkt.”

 

In minutiöser Detailarbeit modellierten die beiden Studentinnen die Figuren, deren Kleider und die Kulisse, bevor sie diese Bild für Bild im Stop-Motion-Verfahren animierten. Das Modellieren an sich sei nicht sonderlich beschwerlich gewesen, sondern die Suche nach einem passenden Schluss. Und der Druck, in relativ kurzer Zeit einen Film von A bis Z produzieren zu müssen.

 

Zeit für neue Projekte

Diesen Sommer schloss Hürlimann ihr Bachelorstudium am Institut Kunst und Design ab, seitdem sei ihr zeitintensivstes Projekt, eine Arbeit zu finden. Sie träume davon neben Auftragsarbeiten wieder Zeit und Ressourcen für eigene Ideen zu haben. «Ich möchte auch lernen, einen Realfilm zu drehen«, erzählt Hürlimann und hält die Informationsbroschüre zum entsprechenden Master-Studiengang hoch, die sie am Shnit gefunden habe. “Da könnte ich einen Dokumentarfilm drehen, vielleicht einen über eine Grossmutter”, scherzt sie.

 


 

 

 

Tink.ch Tipp:

 

“Grandpère” ist im Block “Shnit Documents 02” zu sehen: Sonntag, 6. Oktober 2013 18:00 – 19:30 Uhr, Kornhausforum Bern