Kultur | 23.09.2013

“What the hell is going on here?”

Text von Anita Béguelin | Bilder von zvg
Der Cirque de Loin präsentierte seine neue Vorstellung im Stadttheater Bern. Mit "The Fool and the Princesses" wird eine melancholische Liebesgeschichte erzählt, die im Lärm der übermotivierten Musiker untergeht.
Noch wissen die Verliebten nicht, dass sie Zwillinge sind.
Bild: zvg

Die Bühne des Stadttheaters weicht einem Zirkus. Auf engen Raum gepresst stehen ein schrottreifes Auto, ein etwas eigenartiger Königspalast, ein Tischtennis-Tisch und weitere Konstruktionen. Bereits vor Vorstellungsbeginn wird Musik gespielt und auf dem Seil getanzt. Der Cirque de Loin lädt zur Vorstellung ein.

 

Zeitgenössische Unterhaltung

Wer nun einen Zirkus im herkömmlichen Sinne erwartet, der täuscht sich. Cirque de Loin verbindet Musik, Akrobatik, Tanz und Schauspiel. Nouveau Cirque nennt sich das, oder auch zeitgenössischer Zirkus. Die herkömmliche Manege wird weggelassen und Pferdedressuren haben nichts im zeitgenössischen Zirkus mehr zu suchen. Dafür entsteht Raum für Improvisation, Emotionen und das Erzählen einer Geschichte. Als Grundlage für «The Fool an the Princesses« dient, wie auch schon bei den letzten beiden Produktionen des Cirque de Loin «Knus« und «Marasa«, eine Liebesfabel. Diese hat Michale Finger, der seit 2010 künstlerischer Leiter des Cirque der Loin ist, in Co-Produktion mit Reto Finger und Antoinette Karuna geschrieben.

 

Viele, viele bunte Kinder

Die Bäuerin (Marian Amstutz) hat genug. Sie habe kaum etwas zu Essen und sei schon wieder schwanger. Das Entzücken der Königin (Newa Grawit) über die Schwangerschaft versteht sie nicht. “Viele, viele bunte Kinder – und nume no drü Härdöpfu!”, erklärt sie ihr sarkastisch. Sie werde dem Leid ein Ende bereiten, meint die Königin stolz. Der nächste Sohn der Bäuerin soll vom kinderlosen Königspaar adoptiert werden. Dass Widerrede zwecklos ist, zeigt die nächste Szene: Auf unangebracht obszöne und brutale Weise umtanzt das Königspaar die schwangere Bäuerin und greift ihr unter den Rock, wie um ihr den Fötus zu entreissen. Die Bäuerin wehrt sich nicht. Dass sie Zwillinge zur Welt bringt, war aber nicht geplant. Ihr Junge wird in der Folge zum Prinzen erklärt, die Tochter bleibt bei ihrer Bauernfamilie.

 

Glückliches Wiedersehen?

Jahre später treffen sich der Prinz (Noah Egli) und die Bauerntochter (Océane Pelpel). Es kommt, wie es kommen muss: Die beiden verlieben sich. Erst bei der Verlobungsfeier treffen die Eltern der beiden Verliebten aufeinander und erkennen sich. “What the hell is going on here?”, schreit der König (Bart David Soroczynski) und bereitet dem Fest ein abruptes Ende. Dass die Zwillinge sich von nun an nicht mehr sehen sollen, lassen die beiden nicht auf sich sitzen. Trotz Blutsverwandtschaft wollen sie ihre Liebe nicht aufgeben und brennen durch. Das Ende der Geschichte bleibt ungewiss.

 

Weniger ist manchmal mehr

Die Vorstellung des Cirque de Loin ist vor allem eines: laut. In der ersten Reihe zu sitzen, empfiehlt sich nicht sonderlich. Mehr als einmal passiert es, dass Zuschauer nass gespritzt wurden oder Requisiten in die Sitzreihen flogen. Ob das geplant passierte, ist unklar. Die zusammengewürfelte Theatergruppe aus Schauspielenden, Komödianten und Akrobaten hat das Stück drei Monate lang geprobt. Dennoch gebe es bei jeder Vorstellung Sachen, die anders laufen, erzählt Océan Pelpel, die die Bauerntochter spielt und selbst eine Zirkusausbildung durchlaufen hat. “Die Struktur bleibt gleich, doch es passieren immer wieder lustige Unfälle”, meint sie grinsend. “The Fool and the Princesses” sprüht von Kreativität, was dem Werk aber gleichzeitig zum Verhängnis wird.  Die Bühne ist überfüllt, die Ohren werden überstrapaziert und der rote Faden ist längst verloren gegangen. Sollte es Michael Finger bei seiner nächsten Produktion gelingen, die Energie der Mitwirkenden zu bündeln und ihr Talent auf sanftere Weise zur Geltung kommen zu lassen, könnte daraus eine sehens- und hörenswerte Unterhaltung entstehen.