Politik | 26.09.2013

Wenn alle Vernunft vergessen geht

Text von Martin Germann | Bilder von Nathalie Kornoski
Die Diskussion um eine Verschärfung des Strafrechts ist durch den Fall Fabrice A. neu entfacht worden. Inzwischen scheinen auch radikale Mittel nicht mehr ausgeschlossen zu werden. Dabei geht jegliches ethisches Denken verloren.
Auf den Abfallhaufen der Geschichte mit der Todesstrafe, findet Martin Germann.
Bild: Nathalie Kornoski

Im Historischen Museum in Bern steht sie, die Guillotine die am 18.Oktober 1940 das Leben von Hans Vollenweider beendete. Es war die letzte zivile Hinrichtung in der Schweiz. Doch der Fall von Fabrice A, der in Genf seine Sozialtherapeutin ermordete, hat die Diskussion über die Todesstrafe neu entfacht und diese Diskussion geht in eine gefährliche Richtung. So hat der Walliser SVP-Grossrat Jean-Luc Addor eine Facebook-Seite lanciert, welche die Todesstrafe für gefährliche Wiederholungstäter fordert. Ein Bild von Fabrice A. ziert diese Facebook-Seite. Das ist aus ethischer Sicht sehr problematisch, mag man noch so viel Abscheu für den Mörder und Vergewaltiger empfinden.

 

Dass die Todesstrafe inzwischen mehr als nur eine Forderung von einigen wirren Köpfen ist, zeigt sich am grossen Zuspruch, den sie inzwischen erhält. Knapp 20’000 Facebook-Nutzer haben der Seite von Jean-Luc Addor inzwischen ihr “Gefällt mir” gegeben. Eine Umfrage des Onlineportals 1815.ch, die im «Walliser Boten« vom 20. September veröffentlicht wurde, verdeutlicht die wachsende Zustimmung für die Todesstrafe. In der nicht repräsentativen Umfrage gaben 41 Prozent der Teilnehmenden an, die Todesstrafe zu befürworten, 52 Prozent waren dagegen. Dieses Ergebnis ist beunruhigend und wirft Fragen auf.

 

Worüber sollen wir entscheiden können?

Schweizerinnen und Schweizer haben durch die direkte Demokratie die Möglichkeit, grossen Einfluss auf den Staat zu nehmen. Dadurch könnte die Wiedereinführung der Todesstrafe wieder Realität werden. Zwar wird angenommen, dass der Bundesrat eine entsprechende Initiative für ungültig erklären würde, da sie gegen das Menschenrecht verstösst. Doch theoretisch liesse sich auch dieses mittels einer Initiative abschaffen. Vom deutschen Philosoph Karl Jaspers stammt das Zitat “Die Demokratie setzt die Vernunft im Volke voraus, die sie erst hervorbringen soll.” Die Frage, die wir uns stellen müssen ist, ob die Vernunft in der Schweizer Bevölkerung tatsächlich so weit voran geschritten ist, um über das Leben von anderen Menschen entscheiden zu können.

 

Neben der Problematik, dass immer wieder Unschuldige zum Tode verurteilt werden, ist die Todesstrafe eines modernen Staates wie der Schweiz schlichtweg unwürdig. Die Idee, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, einen Mörder also hinzurichten, ist über 2000 Jahre alt. Sie gehört zum alten Eisen und dort sollte sie auch bleiben: auf dem Müllhaufen der Geschichte.

 

Dass auch die Opfer von Vergewaltigungen längst nicht immer für eine möglichst harte Bestrafung der Täterinnen oder Täter sind, hat der Fall der vergewaltigten Schweizerin in Indien gezeigt. Die 39-jährige Lehrerin aus Lausanne wurde vor den Augen ihres Freundes von sechs Männern vergewaltigt. Obwohl für diese Tat die Todesstrafe möglich gewesen wäre, erklärte das Paar, es wolle, dass die Täter gerecht bestraft würden. Es lehne die Todesstrafe jedoch ab. Die 39-jährige Lausannerin muss den Rest ihres Lebens mit den traumatischen Folgen dieser Tat leben. Trotzdem wünschte sie ihren Tätern nicht den Tod. Man kann nur hoffen, dass einige Menschen in diesem Land, vielleicht bald zur Erkenntnis kommen, dass auch der Tod eines Täters die Folgen seiner Tat nicht rückgängig machen kann.