Politik | 05.09.2013

Was ist eigentlich aus… Fukushima geworden?

Text von Michel Arduin | Bilder von Nathalie Kornoski
Es ist Frühjahr 2011 und wir starren wie gebannt auf Fernsehbilder, die einen brennenden Atom-Reaktor zeigen. Ein Super-GAU ist in Japan geschehen. Ein Unfall, der nie vorkommen dürfte und doch erleben wir ihn mit. Schon rüsten sich die Atomgegner für die Endlösung. Eine Schweiz ohne Atomkraft. Und was ist heute? Ein Kommentar.
Die Atomkatastrophe in Fukushima hat die ganze Welt aufgerüttelt.
Bild: Nathalie Kornoski

Gross war die Anteilnahme der Schweizer Bevölkerung am Schicksal Japans in den Wochen nach dem verheerenden Erdbeben im Jahr 2011. Der grösste nukleare Zwischenfall nach Tschernobyl war publik geworden und Bilder der zerstörten Reaktoren, aus denen ungehindert radioaktive Strahlung in die Umwelt gelangen konnte, überfluteten alle Medien. Die Parallelen zu Tschernobyl waren erschreckend. Zuerst verleugnete die Betreiberfirma Tepco einen Super-GAU, gleich dem kommunistischen Regime 1986 in der Ukraine. Erst auf öffentlichen Druck hin, wurde das Dorf Fukushima geräumt. Viel zu spät, denn das Ausmass der radioaktiven Verseuchung war den Betreibern zu diesem Zeitpunkt längstens bekannt. Die darauf folgenden Wochen glichen einem Katz- und Mausspiel. Die Betreiber versuchten verzweifelt den Imageschaden in Grenzen zu halten, Verantwortung abzuweisen und erst dann Gegenmassnahmen einzuleiten, als sie mit erdrückenden Beweisen konfrontiert wurden. Die Bilder Japans, das Verhalten der Betreiber und die Tatsache, dass auch hier in der Schweiz Atomkraft eine Realität ist, veranlasste die Schweizer Bevölkerung dazu, umzudenken. So wurde aus der allgemeinen helvetischen Atomfreundlichkeit eine parteiübergreifende Neo-hippieske Bewegung, die den “Sofortigen Austritt” und die “Stilllegung aller Atomkraftwerke” der Schweiz forderte.

 

Politischer Druck

 

Die Politik in der Schweiz reagierte sofort auf den Meinungsumschwung. Wie Fähnchen im Winde griffen die um ihre Stimmen besorgten Spitzenpolitiker den allgemeinen Konsens “Atomkraft böse” auf und versprachen irgendetwas zu tun. Selbst der für seine Trägheit berühmte Bundesrat rang sich zu einem Schnellschuss durch und kommunizierte am 25. Mai 2011, dass der Atomausstieg “beschlossene Sache” sei. Allerdings mit vielen Vorbehalten. Leuthard behauptete, es gäbe “keine Jahreszahl, kein Datum” (…für den Ausstieg. Anm. der Redaktion). “Die bestehende Reaktoren laufen so lange, wie sie sicher sind”, erläuterte sie vor den Medien in Bern. Aber es sei “ein historischer Tag”, der 25. Mai 2011 markiere “eine Energiewende in der Schweiz”.

 

Ermüdung

 

Ein Jahr später war von der Aufbruchstimmung in die atomfreie Schweiz nicht mehr viel zu spüren. Es gab noch ein paar versprengte Nachzügler der Neo-hippiesken Bewegung, die beispielsweise in einem beeindruckenden Umzug von rund 50 Frührentnern vor der BKW protestierten. Aber das stärkste Gefühl, zu der sich die Schweizer Bevölkerung ein Jahr nach dem Unfall herablassen konnte, war gähnende Langeweile und aktives Desinteresse.

 

Betreiber Tepco bittet öffentlich um Hilfe

 

Jetzt, über zweieinhalb Jahre nach dem Super-GAU, wurde bekannt, dass seither in der Anlage in Fukushima täglich bis zu 300 Tonnen hochradioaktives Wasser ausgetreten sind und in Grundwasser und Meer versickerten. Ein Zustand, der noch nicht behoben ist. Die Betreiberfima sei “heillos überfordert”, so die neu gegründete japanische Behörde für Atomaufsicht NRA. Tepcos Vize, Zengo Aizawa, sagte in einer Medienkonferenz vergangenen Mittwoch, dass sie “Hilfe, nicht nur von der Japanischen Regierung” bräuchten, “sondern auch vom Ausland, um diese Aufgabe zu bewältigen.” Der erste Hilferuf nach einer langen Serie von Rückschlägen, in der unter anderem eine Ratte einen Stromausfall der temporären Systeme auslöste.

 

In der Schweiz derweil dominiert auch heute ein gewisses lethargisches Desinteresse das kollektive Energie-Bewusstsein der Bevölkerung. Die Atomlobby hat in den letzten zwei Jahren hart daraufhingearbeitet, den ohnehin schon vagen Bundesratsentschluss weiter zu verwässern und zu entschärfen. Und während Deutschland nun die 50-Prozent-Marke der Energieversorgung durch nachhaltige Energiequellen (namentlich Wind, Wasser und Sonne) geknackt hat, wird hierzulande immer noch diskutiert, wie und ob der Atomausstieg denn nun endlich angepackt werde.

 

Es bleiben Hoffnungen

 

Bleibt zu hoffen, dass in der Schweiz ein geregelter Ausstieg aus der Atomkraft möglich ist – ohne auf Stromversorgung, günstige Energie und Umweltbewusstsein verzichten zu müssen. Die Atomkraft hat ihre unbestrittenen Vorteile und ohne sie wären wir vielleicht heute nicht, wo wir sind. Aber die Geschichte hat gezeigt, dass ein Super-GAU ein Unfall der Grössenordnung ist, für den niemand Verantwortung übernehmen will und kann. Wenn Fukushima in ein paar hunderttausend Jahren aufhört zu strahlen, werden die Verantwortlichen dieses Unfalls längstens zu Staub zerfallen sein, der Name Tepco wird keine Bedeutung haben und wahrscheinlich wird es Japan als solches nicht mehr geben. Bislang hatten wir in der Schweiz Glück, was den Austritt ungewünschter radioaktiver Substanzen anbelangt. Nur: Kürzlich ergaben Messungen erhöhte  Werte des radioaktiven Elements Cäsium 137 (dasselbe, das in Fukushima ausgetreten ist) im Bielersee. Ausgetreten ist es im Jahr 2000, die einzige Quelle, die dafür in Frage kommt, ist das Atomkraftwerk Mühleberg, der Eigner ist die BKW und bis jetzt wusste niemand etwas davon. Die BKW hat jegliche Verantwortung zu diesem Zwischenfall abgelehnt. Kennen wir ja schon.